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Viele Menschen haben mit "Long Covid" zu kämpfen. Die Betroffenen leiden an Kurzatmigkeit, Konzentrationsproblemen oder Muskelschmerz – sie sind nicht mehr belastbar. Bildrechte: MDR exakt

Long CovidLangzeitkrank wegen Corona: Wer zahlt?

von MDR exakt

Stand: 07. August 2021, 05:00 Uhr

Covid-19 macht Zehntausende Menschen arbeitsunfähig. Durch das Post-Covid-Syndrom sind sie nicht mehr belastbar. Wer sich im Arbeitsumfeld angesteckt hat, kann die Erkrankung an die Berufsgenossenschaft melden. Dann geht es um die Anerkennung als Berufskrankheit im Pflege-und Gesundheitsbereich oder als Arbeitsunfall in anderen Berufen. Doch die Hürden für eine Anerkennung sind teilweise hoch.

Rund zehn Prozent aller Corona-Infizierten hätten anschließend mit "Long Covid zu kämpfen. Diese Einschätzung hatte Ende 2020 der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) vorgenommen. Die Betroffenen leiden an Kurzatmigkeit, Konzentrationsproblemen oder Muskelschmerz – sie sind nicht mehr belastbar. Viele können ihrer Arbeit nicht mehr normal oder gar nicht nachgehen. Das sorgt für Existenzängste.

"Ich habe niemals damit gerechnet, dass ich Monate danach noch irgendwelche großen Beschwerden habe", sagt Nathalie Carver. Sie ist nach der Infektion mit SARS-CoV-2 im Privat- und Berufsleben so stark eingeschränkt, dass sie "eigentlich gar nichts mehr jetzt kann".

Arzt diagnostiziert Post-Covid-Syndrom

Die 45-Jährige hatte sich im Januar mit dem Coronavirus angesteckt, bis heute ist sie nicht gesund. Sie leidet unter Kurzatmigkeit, Fieberschüben und kann sich schlecht konzentrieren. Nachdem Nathalie Carver die akute Infektion überstanden hatte, ging sie zurück in ihren Job als Alltagsbegleiterin in der ambulanten Pflege. Dort hat die zweifache Mutter immer wieder Schwindel- und Schwächeanfälle. Ihr Arzt diagnostiziert das Post-Covid-Syndrom. Seitdem ist sie krankgeschrieben.

Ich schaffe es ja nicht mal eine Stunde irgendwas im Haushalt zu machen.

Nathalie Carver | Leidet am Post-Covid-Syndrom

Nathalie Carver hatte sich im Januar mit dem Coronavirus angesteckt, bis heute ist sie nicht gesund. Bildrechte: MDR exakt

Auf Facebook tauscht sich Nathalie Carver mit anderen Post-Covid Betroffenen aus. Vielen geht es so wie ihr. Und gerade in Pflegeberufen haben sich viele, genau wie sie, auf der Arbeit mit Corona angesteckt. "Das war für mich ziemlich eindeutig."

Nathalie Carver meldet ihre Post-Covid Erkrankung der Berufsgenossenschaft. Sie hofft, dass diese als Berufskrankheit anerkannt wird und damit auf eine bessere Versorgung, wie Reha-Maßnahmen und Zuzahlungen zu Medikamenten. Zudem wäre auch das dann gezahlte Verletztengeld etwas höher als das Krankengeld der Krankenkasse. Mit ihren 45 Jahren habe sie Existenzängste und stelle sich die Frage: "Wie bin ich denn dann abgesichert?"

Viele Betroffene, aber wenig über Krankheit bekannt

Doch bisher ist kaum etwas über Krankheit bekannt. In der Klinik der Berufsgenossenschaft (BG) in Halle Bergmannstrost werden Patienten wie Nathalie Carver untersucht und passende Therapien definiert. "Da reden wir über eine sehr, sehr hohe Fallzahl. Und da kommt auch gesundheits-politisch und gesundheits-ökonomisch einiges auf uns zu", sagt der Direktor Neurologie am Klinikum, Kai Wohlfahrt. Im sogenannten Post-Covid-Check, würden die Ärzte sehen, dass neben Atemwegserkrankungen vor allem neurologische Symptome die Patienten davon abhalten, wieder am normalen Leben teilzuhaben.

In der Klinik der Berufsgenossenschaft werden vor allem Patienten behandelt, die sich auf ihrer Arbeit im Gesundheits- oder Wohlfahrtsbereich infiziert haben. Goran Simic hatte sich in der ersten Corona-Welle angesteckt. Die Krankheit nahm bei dem Krankenpfleger einen schweren Verlauf. Der 34-Jährige musste beatmet werden. Seitdem geht es nur langsam bergauf. "Ich bin bei 60 Prozent. Ich bin nicht bei 100 Prozent", sagt er.

Eindeutig: Pfleger steckte sich bei Arbeit an

Bei Goran Simic war die Frage nach Anerkennung seiner Infektion als Berufskrankheit eindeutig. Er war kerngesund, bis er im Krankenhaus Kontakt zu einem Corona-positiven Patienten hatte. Sein Krankheitsbild ist damit klar auf Covid-19 zurückzuführen.

Doch genau das sei in vielen Fällen weitaus schwieriger, so Doktor Kai Wohlfahrt. "Wir betrachten natürlich auch immer die Vorgeschichte, die sogenannten Komorbiditäten." Also was hat der Patient bereits mitgebracht. "Aber eine klare Trennung gelingt uns im Moment noch nicht, weil allein das Post-Covid-Syndrom ja noch gar nicht gut genug definiert ist."

So stapeln sich die Krankenakten auch bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Rund 2.000 Verdachtsfälle gehen dort derzeit pro Woche ein. Die Bearbeitung dauert, auch wenn in Gesundheits- und Pflegeberufen und in medizinischen Laboratorien eine sogenannte Beweiserleichterung greift.

Andere Berufe: Arbeitsunfall statt Berufskrankheit

"Wir haben da sogenannte Beweiserleichterungs-Kriterien", sagt BGW-Geschäftsführer Christian Frosch. Die Bereiche in denen die Versicherten tätig sind, seien einem wesentlich höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt gewesen als die Allgemeinbevölkerung. Mit dieser Annahme müsste die BGW dann nicht "wissen, was war die Patientin X, die dort entsprechend die Erkrankung verursacht hat".

In anderen Berufen kann eine Covid-19-Erkrankung nicht als Berufskrankheit, dafür aber als Arbeitsunfall gemeldet werden. Eine Beweiserleichterung gibt es nicht. "Da kommt es wirklich darauf an, welche berufliche Tätigkeit wurde ausgeübt? Wie waren die Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz?", erklärt Christian Frosch. Eine Anerkennung sei nicht grundsätzlich ausgeschlossen. "Aber es wäre natürlich dann stärker zu prüfen."

Knapp 150.000 Verdachtsmeldungen auf eine Berufskrankheit Covid-19 wurden bis Ende Juni gemeldet. 62 Prozent davon wurden bisher anerkannt. Dagegen stehen 28.000 gemeldete Arbeitsunfälle außerhalb der Gesundheitsbranche. Davon anerkannt wurden bisher nur 30 Prozent.

Kritik an Nachweis der Ansteckung

Doch Arbeitgebern und Beschäftigten sei oft gar nicht bewusst, dass eine Covid-19-Infektion als Arbeitsunfall geltend gemacht werden könne, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Susanne Ferschl. Sie kritisiert: Die Hürden der Anerkennung seien in vielen Berufen viel zu hoch.

"Es gibt eben auch Berufe, die mit sehr häufigem Personenkontakt verbunden sind", sagt Susanne Ferschl. Sie denke dabei an Erzieher, Lehrer oder Busfahrer. "Kassiererinnen, die die ganze Zeit auch nicht zu Hause im Homeoffice arbeiten konnten. Und die sind im Vergleich zu den Pflegekräften, zu den Beschäftigten in der Wohlfahrtspflege und im Gesundheitsbereich, benachteiligt, weil sie eben diesen Einzelfallnachweis immer haben."

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erklärt auf Anfrage von MDR exakt: Eine Gefährdung in einzelnen Betrieben reiche nicht aus, um in ganzen Branchen eine Beweiserleichterung einzuführen. 

Quelle: MDR exakt/ mpö

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