Corona-Pandemie Corona: Welche Folgen Long Covid für Deutschland hat

Über 25 Millionen Deutsche haben sich bisher mit Corona infiziert: Laut Schätzungen könnten zehn Prozent von ihnen mit den Folgen zu kämpfen haben: Long Covid. Doch hinter dieser Diagnose verstecken sich mehr als 200 Symptome. Für die Betroffenen ist so eine Behandlung nur schwer möglich und das Gesundheitssystem ist auf diese große Zahl nicht vorbereitet. Doch die Krankheit hat noch weitere Folgen – für Patienten und Gesellschaft.

Krankenschwester Marie-Louise Wagner kämpft gegen die Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung.
Krankenschwester Marie-Louise Wagner kämpft gegen die Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Hecke ist sauber gestutzt und strahlt in kräftigem Sommergrün. Kein Halm Unkraut lugt zwischen den Pflastersteinen auf dem Weg zur Haustür durch. Doch schon allein der Weg von der Straße bis zur Doppelhaushälfte in Cottbus ist für Marie-Louise Wagner eine große Anstrengung. Die schlanke 32-Jährige sagt: "Die Luft, mit der habe ich zu tun." Ihr Puls geht schnell hoch. Sie spürt ihn bis zum Hals. Es ist Long Covid, was der jungen Frau schmale Grenzen setzt.

Den 1. Dezember 2020 wird Marie-Louise Wagner nie vergessen – seit diesem Tag ist das Leben der Krankenschwester auf den Kopf gestellt. Auf der Station muss damals das Coronavirus kursiert haben. "Dann habe ich vier Tage wirklich schwer unter Luftnot gelitten." Sie habe versucht im Sitzen zu schlafen, weil sie nicht liegen konnte. "Und das geht mir mitunter heute noch so."

Heute weiß die Krankenschwester, dass sie selbst professionelle Hilfe gebraucht hätte – vielleicht sogar im Krankenhaus. Aber damals ging sie aus der Quarantäne direkt wieder an ihren Arbeitsplatz. "Letztes Jahr November war bei mir fast der Ofen aus. Da habe ich nur noch geheult, nicht mehr geschlafen", sagt Marie-Louise Wagner. Ihre Hausärztin habe dann mit der Unfallkasse gesprochen. "Weil es ja eine Berufskrankheit ist, und dass ich eine Reha bekomme."

Long Covid: Wenn die Krankenschwester die Medikamente vergisst

Marie-Louise Wagner bekommt eine Reha in Bad Gottleuba in Sachsen. Die Klinik für Herz- und Kreislauf-Erkrankungen hat sich seit Beginn der Pandemie auf die Behandlung von Patienten nach einer Covid-Erkrankung spezialisiert. Doch der Umgang damit ist schwierig, sagt Chefarzt Doktor Christoph Altmann: "Im Grunde haben wir auch noch keine einheitliche Hypothese, wie es eigentlich funktioniert." Long Covid habe beinahe so viele Gesichter wie Betroffene. In seinem Klinikalltag häuften sich zwar bestimmte Symptome, doch die Krankheit bleibe ein individuelles Phänomen und verändere Lebensläufe.

"Eine Krankenschwester, die nicht mehr weiß, welche Medikamente sie geben soll, das ist genauso zerstörerisch, wie jetzt eine Gehbehinderung", sagt Doktor Christoph Altmann. Konzentrations- und Wortfindungsstörungen oder frühzeitige Erschöpfung und vegetative Verschiebungen seien häufige Symptome. Ein Beispiel: "Immer über 100 Puls. Das macht manche fertig."

Marie-Louise Wagner sagt, dass sie sich vor der Erkrankung viel merken konnte – ohne sich etwas aufschreiben zu müssen. Seitdem sei sie jedoch auf die Hilfe ihrer Kolleginnen angewiesen gewesen. Auch körperlich sei sie früher ein leistungsstarker Mensch gewesen. Inzwischen ist kaum vorstellbar, dass die junge Frau neun Jahre lang Bahnradsport betrieben hat. "Ich bin wirklich jemand, der viel aushält. […] Dass das dann alles nicht mehr so funktioniert, das ist einfach nur … belastend!"

Long Covid bislang kaum erforscht

Wie vielen Menschen es so geht wie Marie-Louise Wagner, ist ungewiss. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jeder zehnte Covid-19-Patient Long Covid bekommt. Über 25 Millionen Menschen haben sich bereits in Deutschland mit Corona infiziert. Umso fataler ist die Tatsache, dass diese neue Krankheit inzwischen zwar eine offizielle Diagnose ist, jedoch immer noch nicht genügend erforscht.

"Es ist nur eine fürchterlich unpräzise Diagnose", sagt Doktor Daniel Vilser, Kinderkardiologe der Universitätsklinik Jena. "Das heißt, damit werden mehr als 200 Symptome zusammengefasst."

Damit werden Patienten beschrieben, die sicherlich nicht dasselbe habe, die man eigentlich anders therapieren muss, die man unterschiedlich diagnostizieren und behandeln muss.

Daniel Vilser Kinderkardiologe der Universitätsklinik Jena

Die vier Hauptrisikofaktoren für Long Covid

Die Universitätsklinik Jena baute im August 2020 als erste in Deutschland eine Ambulanz für betroffene Erwachsene auf. Wenige Monate danach auch für Kinder und Jugendliche. Erst später folgten diesem Beispiel viele andere Kliniken in Deutschland – inzwischen gibt es 80 Spezial-Ambulanzen. In Jena wurden bislang mehr als 1.500 Patienten behandelt, darunter etwa 150 Kinder und Jugendliche.

Man spricht inzwischen von vier Hauptrisikofaktoren für Long Covid: Der erste ist ein Typ-2-Diabetes. Der zweite eine hohe Viruslast von Sars-CoV-2 im Blut. Der dritte Risikofaktor ist das Epstein-Barr-Virus. Und der vierte die Autoimmun-Antikörper. "Wir sind uns mittlerweile relativ einig, dass es nicht eine Ursache gibt, sondern dass es sicherlich ganz verschiedene Ursachen geben wird, die dazu beitragen, auch wenn es noch nicht geklärt ist, was genau", so Dr. Daniel Vilser.

Kalea: Es fing mit Halsschmerzen an, nun kann sie nicht mehr laufen

"Mein Körper ist wie ein Akku, komplett aufgeladen ist er nie – sondern meistens bei 20 oder 30 Prozent", sagt Kalea. Die Zwölfjährige ist eine der jungen Patientinnen von Daniel Vilser. Im Dezember 2020 hatte sie sich mit Covid-19 angesteckt. Angefangen hatte es ganz unspektakulär: Ein bisschen Halsschmerzen, Blasenentzündung, Hautausschlag. Doch seitdem kämpft das Mädchen aus Dresden mit Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und Schwächeanfällen.

Bei Kalea fing die Corona-Erkrankung mit Halsschmerzen an, nun fehlt ihr die Kraft zum Laufen.
Bei Kalea fing die Corona-Erkrankung mit Halsschmerzen an, nun fehlt ihr die Kraft zum Laufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als MDR exakt – die Story das Mädchen im September 2021 das erste Mal trifft, kämpfte sie tapfer gegen die Folgen der Krankheit und besuchte die Schule wenigstens für ein paar Stunden. Heute, acht Monate später, klingt sie verzweifelt: "Dann kann ich nicht mehr laufen." Ihr fehle die Kraft dafür, manchmal sogar, um ein Wasserglas zu tragen.

Was war in der Zwischenzeit passiert? Kalea hatte sich ein zweites Mal mit dem Virus angesteckt. Seit Mitte Dezember geht sie nicht mehr in die Schule, die Beschwerden haben sich massiv verstärkt. "Das Finale ist jetzt einfach, dass sie selber nicht mehr alleine stehen oder gehen kann", sagt Kaleas Mutter, Elena Lierck. "Und das trägt sie mit unglaublicher Fassung. Aber sie könnte eigentlich den ganzen Tag im Zimmer liegen und heulen, sagt sie. Weil es für sie nicht erklärbar ist, warum der Körper nicht so will, wie sie will."

Psychische Behandlung bei körperlichen Problemen?

Eine Long Covid-Patientin. 30 min
Eine Long Covid-Patientin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kalea sei ein schwieriger Fall, sagte schon im vergangenen Herbst Doktor Daniel Vilser. Deshalb empfahl er bereits damals, nach einem Psychotherapeuten für Kalea zu suchen. Nach jemandem, der ihr helfen könne, mit der Situation besser umzugehen, die Auswirkungen der Krankheit akzeptieren zu können. Seitdem sucht die Mutter in Dresden. Im April konnte Kalea schließlich zum großen Medizincheck in die Uniklinik in Dresden. Die Mediziner wollten sich zum Fall nicht äußern.

"Das größte Problem ist, dass sie nichts Neurologisches gefunden haben, was den Zustand von der Kalea erklärt", beschreibt die Mutter. Elena Lierck sagt, dass die Ärzte für das Mädchen als einzige Lösung eine stationäre psychologische Behandlung vorgeschlagen hätten. Kalea meint inzwischen, dass die Ärzte ihr nicht glauben würden, sie nicht ernstnehmen. Daniel Vilser in Jena sagt, dass Kalea ein Beispiel für das Hauptproblem dieser neuen Krankheit sei:

Es gibt derzeit keine zugelassene heilende Therapie. Das, was wir bislang machen, ist symptomatisch.

Daniel Vilser Kinderkardiologe der Universitätsklinik Jena

Es würde also nur versucht, die Schmerzen und auftauchenden Probleme zu behandeln, jedoch nicht die Ursache bekämpft, so Daniel Vilser. Bestimmte Probleme lassen sich eindeutig auf Organschädigungen von Lunge, Muskeln, Gehirn oder Herz zurückführen. Erschöpfung ist das häufigste Symptom, gefolgt von Kurzatmigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Muskelschmerzen, Gedächtnisproblemen, Herzrhythmusstörungen und Gelenkschmerzen.

Viele Long-Covid-Betroffene können nicht in den Beruf zurück

"Es trifft auch junge Leute, aktive Leute, die gut trainiert sind, die gesund sind", sagt der Arbeitsmediziner Arne Drews. "Was mich besonders erschreckt hat, ist so etwa 20 bis 25 Prozent von den Leuten, die das durchgemacht haben, die berichten über Minderleistung vom Gehirn", so der Pneumologe aus Grimma. Das sieht er auch als wirtschaftliches Problem. Denn viele könnten, einfach nicht zurück in ihren Beruf kommen. "Viele Leute sind noch nicht wieder arbeitsfähig mit diesem Post-Covid-Syndrom und die müssen alle lange kämpfen, wieder ihren Zustand von vorher zu erhalten."

"Wir werden die Debatten haben, was ist eine Berufsunfähigkeit?", sagt Prof. Joachim Kugler, Gesundheitswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden. Es werden einige Fälle vor Gericht landen. "Denn wie will ich nachweisen, dass ich mir ausgerechnet bei der Arbeit Covid-19 geholt habe? Das könnte bei Krankenpflegeberufen so sein. Aber das werden wir alles erleben, wie unser Sozialstaat darauf reagieren wird."

Im Jahr 2020 hat es rund 106.000 Anträge auf Berufsunfähigkeit wegen Corona gegeben. Ein Jahr später waren es bereits 132.000 Anträge. 87.000 davon sind inzwischen anerkannt. Das übersteigt ein Mehrfaches der bisher anerkannten Berufskrankheiten. Und das Ende der Fahnenstange sei noch längst nicht erreicht. Dennoch betont Joachim Kugler, dass es noch keine validen Zahlen gebe, die das ganze finanzielle Ausmaß der Pandemie belegen würden. "Die Rechnung, die wird am Ende aufgemacht."

Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet

Marie-Louise Wagner hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren mühsam in ihren Beruf zurückgekämpft. Doch vieles fällt ihr schwer und sie schafft nicht annähernd ihr früheres Pensum. Auch sie hat keine Erklärung dafür, was ihr Körper macht. Ihre Reha-Kur in Bad Gottleuba musste sie abbrechen, da sie sich erneut mit dem Virus angesteckt hatte. Ein herber Rückschlag für die Schwangere und Mutter eines Sechsjährigen: "Ich bin wieder an dem Punkt von vor der Reha." Sie komme die Treppen in ihrem Haus kaum hoch und sei dauernd erschöpft.

Wie bei vielen Patienten sind auch bei ihr Herz und Lunge unauffällig und funktionieren doch nicht wie sie sollen. Damit treffen sie auf ein Gesundheitssystem, das darauf nicht vorbereitet ist. "Häufig ist es ja so ein ärztlicher Reflex: Ich weiß nicht, was ich tun soll, also versuche ich, die Störung zu bagatellisieren", sagt Dr. Christoph Altmann. Dann heiße es: Ja, strengen sie sich mal mehr an. "Das löst das Problem nicht und das wird den Leuten nicht gerecht."

"Man muss einfach zugeben, dass jedes Gesundheitssystem der Welt mit der Pandemie und den Folgen überfordert ist", sagt der Jenaer Chefarzt, Daniel Vilser, der auch Vizepräsident des "Ärzte und Ärztinnenverband Long Covid" ist. Das deutsche Gesundheitssystem sei nicht dafür bekannt, besonders flexibel zu sein. Doch das wäre gerade nötig. "Das fällt uns hier mal auf die Füße."

Marie-Louise Wagner und Kalea sind zwei von bereits mehr als 500.000 Menschen in Deutschland – Schätzungen gehen von weitaus mehr Fällen aus – die von den Langzeitwirkungen der Pandemie definitiv betroffen sind. Statistisch genesen, aber chronisch krank. Es wird lange dauern, bis ihnen allen nachhaltig geholfen werden kann.

Quelle: MDR exakt - die Story/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | exakt - die story | 16. Mai 2022 | 17:00 Uhr

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