Corona-Pandemie Omikron: "Ich will mich anstecken"

Die Folgen einer Corona-Erkrankung können schwerwiegend sein, lange anhalten und auch bis zum Tod führen. Dennoch gibt es Menschen, die sich absichtlich mit dem Virus infizieren wollen. Die Beweggründe variieren dabei stark, wie Recherchen von MDR exactly ergeben haben.

Negativ! Der Großteil der Menschen hofft, dass sie dies angesichts der Corona-Pandemie im Testfall sind und auch bleiben. Doch es gibt auch Leute, die sich absichtlich mit dem Virus infizieren wollen – und gezielt nach an Covid-19-Erkrankten suchen. Reporter von MDR exactly haben sie über den Messenger-Dienst Telegram angeschrieben, getroffen und mit ihnen über Gründe und Risiken gesprochen.

"Hallo gibt es jemand positiven im Kreis Stuttgart?" oder "Moin, ist jemand im Norden infiziert?" Mit solchen und ähnlichen Anfragen suchen Menschen auf Telegram Corona-Infizierte. Die Reporter Sabine Cygan und Florian Barth haben sie offen als Journalisten angeschrieben. Viele wollten nicht mit ihnen sprechen, doch einige erklärten sich bereit.

Zwischen Impfgegner, Corona-Leugner und Krankheitskick

Fabian und die MDR-Reporterin beim Treffen auf einem Waldweg.
Fabi will sich mit dem Coronavirus infizieren lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie Fabi, der aus in Brandenburg kommt. Der 22-Jährige will unerkannt bleiben und trägt beim Treffen einen grauen Hoodie und schwarze Corona-Maske. Er erklärt, dass er kein Impfgegner und sogar zweifach geimpft sei. Inzwischen habe er auch eine angesteckte Person treffen können, sagt er.

"In Berlin habe ich mich mit einer getroffen und da haben wir dann quasi einen Abstrich ausgetauscht", berichtet Fabi. Dafür habe sich zunächst die Frau ein Wattestäbchen in ihre Nase geschoben und daraufhin er selbst. "Das war im ersten Moment natürlich ein bisschen komisch." Hinzu komme, dass er auch nicht gewusst habe, auf wen er da eigentlich treffe. Am Ende hätte er sich mit ihr aber gut verstanden. Sie sei eine erklärte Impfgegnerin gewesen, die Angst vor den mRNA-Impfstoffen habe und deshalb anderen Menschen helfe wolle, sich zu infizieren. Dem jungen Mann sei dabei bewusst, dass sein Handeln auch rechtliche Konsequenzen haben könnte.

Sozialministerium: Vorsätzlicher Verstoß stellt Straftat dar

Es drohen bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe. Auf Nachfrage von MDR exactly hat das Sozialministerium des Freistaats Sachsen dazu geschrieben: "Aus Sicht des SMS stellt es eine Straftat dar, wenn ein Infizierter vorsätzlich gegen seine Absonderung verstößt indem er andere empfängt, mit dem Ziel diese anzustecken. Auch die Ansteckungswilligen tragen zur Verbreitung des Krankheitserregers bei und dürfen einen nachweislich Infizierten nicht besuchen." Doch warum hat Fabi das trotzdem getan?

Irgendwie finde ich es auch interessant, zu wissen wie es ist, einfach mal Corona zu haben.

Fabi

Das sei für Fabi der einzige Grund. "Andere wollen den Adrenalinkick, ich will den Krankheitskick." Diese Idee habe sich in seinen Kopf gesetzt, seit eine Freundin erkrankt war. Er wolle wissen, wie stark es ihn treffe und glaubt, ein relativ gutes Immunsystem zu haben und er sei ja doppelt geimpft.

Vielen geht es offenbar um Nachweis für Genese

Doch ist das bei allen so, die sich in die offensichtlich organisierten Infektionsketten einreihen wollen? Nach den MDR-Recherchen handelt es sich dabei eher um eine kleinere Community. In den Telegram-Gruppen sind zwischen 100 bis 200 Leute aktiv. Den meisten geht es um den Nachweis für Genese. Vor allem Mitarbeitern im Gesundheitswesen, die sich nicht impfen lassen wollen, für die aber ab Mitte März eine Impfpflicht gilt. Sie sehen in der freiwilligen Ansteckung teilweise die einzige Möglichkeit, um weiter ihren Beruf nachgehen zu können. Viele gehen dabei offenbar davon aus, dass eine Ansteckung mit der Omikron-Variante des Virus nicht so gefährlich sei.

Vor dieser Auffassung warnt der Leiter der Covid-Station am Uniklinikum Dresden, Professor Martin Kolditz. Dort sind in den vergangenen beiden Jahren mehr als 2.000 an Covid-19-Erkrankte behandelt worden. Kolditz nennt drei Gründe, weshalb er eine absichtliche Infektion für gefährlich hält. "Zum ersten, wissen wir im Einzelfall doch nie, wer im Einzelnen einen schweren Verlauf hat, insbesondere bei fehlender Booster-Impfung." Auch ein leichterer Verlauf sei nichts, worauf er Lust habe. Denn zwei Wochen so richtig grippig zu Hause seien ebenfalls unangenehm. Das Dritte und ebenfalls sehr wichtige sei, dass über die Langezeitfolgen der Omikron-Infektion noch wenig bekannt sei. "Ich sehe leider keinen guten Anlass zur Annahme, dass diese Langzeitfolgen ausgerechnet bei Omikron einfach verschwinden." Es sei einfach ein Risiko, was derzeit nicht kalkuliert werden könne.

Infobox: Welche Covid-19-Erkrankten liegen auf den Intensivstationen Etwas mehr als die Hälfte der Menschen, die wegen einer Covid-Erkrankung auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, sind nicht geimpft. Dies geht aus den Daten des Robert-Koch-Instituts von Ende Dezember 2021 bis Januar 2022 hervor. Ausgewertet wurden Erkrankte, deren Impfstatus bekannt ist. Es gibt auch Corona-Infizierte, die trotz einer Booster-Impfung auf einer Intensivstation behandelt werden müssen. Diese machen mit elf Prozent aber den kleinsten Anteil der Patienten aus.

Dagegen sei aus Sicht von Professor Martin Kolditz das Risiko einer Impfung eindeutig geringer, wie aus den Studiendaten hervorgehe. Es sei sicherer auch im Langezeitverlauf. "Long-Covid befällt insbesondere auch junge Leute mit leichtem Verlauf. Das muss man sich klarmachen, wenn man dieses Risiko bewusst eingeht."

Long-Covid-Betroffene: Kann es nicht verstehen

"Ich habe immer noch mit dem Herz zu tun", sagt Nicola Ebert. Die 32-Jährige hatte Corona im April 2021 erwischt – sie hatte keine Vorerkrankungen. Eigentlich arbeitet sie mit beeinträchtigten Kindern und ist dabei auch körperlich gefordert. Als sie kurz nach der Erkrankung ein Kind aus einem Therapiestuhl auf eine Wickelkommode heben wollte, habe sie es nicht geschafft. Sie habe den Kopf auf den Tisch gelegt, war kurzatmig und hatte Herzrasen, beschreibt sie.

Also eine völlige Erschöpfung wie nach dem Besteigen eines Berges.

Nicola Ebert leidet an Long-Covid

Nach einer Odyssee bei verschieden Ärzten ist Nicola Ebert nun im Herzzentrum in Leipzig in Behandlung. "Organisch ist alles okay, aber mein Herztakt ist aus irgendeinem Grund nicht richtig. Und das war vorher nicht so." Daher könne sie es nicht verstehen, dass sich andere absichtlich anstecken und das Risiko, an Long Covid zu erkranken, in Kauf nehmen. Außerdem könnten diese Menschen auch andere gefährden.

Diese Risiken seien auch Fabi bewusst. "Es kann alles passieren, auch ein härterer Verlauf. Das weiß man ja vorher nicht." Eine Woche nach dem Treffen schreibt er den MDR-Reportern, dass er sich mit einer weiteren infizierten Personen getroffen habe und noch einen dritten, letzten Versuch plane.

Quelle: MDR exactly/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 14. Februar 2022 | 10:00 Uhr

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