Coronavirus-Pandemie Zahl der Selbständigen in Hartz IV drastisch gestiegen

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Die Politik hat in der Corona-Krise Milliardensummen locker gemacht, um Angestellten in Kurzarbeit zu helfen oder Firmen, die derzeit nicht öffnen dürfen. Klein- und Solo-Selbständige wie Musiker, Schauspieler oder Betreiber kleiner Geschäfte beklagten bereits im ersten Lockdown, dass die Politik sie vergessen habe. Nun zeigen Statistiken der Arbeitsagentur, wie schwer sie die Krise getroffen hat.

Ein Stempel mit der Aufschrift Hartz IV
Nach Recherchen von MDR AKTUELL haben von April bis Dezember mehr als 12.000 Selbstständige in MItteldeutschland Grundsicherung beantragt. Bildrechte: dpa

Anja Halefeldt spielt ihre Komposition "Leichter Sinn". Die Leipziger Pianistin sagt, das Stück passe gut zur Corona-Zeit. Denn man solle ja nicht leichtsinnig sein, dürfe den Sinn fürs Leichte aber trotzdem nicht verlieren.

Anja Halefeldt
Anja Halefeldt ist selbstständige Pianistin. Bildrechte: Ralf Geißler

Halefeldt hat gerade viel Zeit zum Komponieren und Insichgehen.

Denn durch die Pandemie hat sie keine Auftritte mehr und kaum noch Schüler: "Also im Moment würde ich unter anderem auf einigen Neujahrsempfängen spielen, zum Beispiel von der Uniklinik Leipzig. Ich würde zum Beispiel mit der Annekatrin Michler im Theater Sanftwut spielen und mit dem Impro-Theater. Und ich unterrichte hier in meiner kleinen Klavierschule. Dort habe ich erwachsene Schüler. Und die Erwachsenen sind, was ich auch ein bisschen verstehen kann, nicht ganz so offen für Online-Unterricht."

Solo-Selbstständige "am stärksten betroffen"

Halefeldt lebt jetzt vor allem von Ersparnissen. Und sie überlegt, Grundsicherung zu beantragen, Hartz IV. Darauf sind immer mehr Klein-Selbständige angewiesen. Nach Recherchen von MDR AKTUELL haben von April bis Dezember mehr als 12.000 Selbständige aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt Grundsicherung beantragt. Das sind fast acht Mal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung überrascht der enorme Anstieg nicht: "Die Erwerbsform der Solo-Selbständigkeit ist doch letztlich die Erwerbsform, die durch diese Pandemie, durch diese Krise infolge der Pandemie am stärksten betroffen ist."

Anträge von Selbstständigen auf Grundsicherung (April - Dezember 2019 und 2020)

  April - Dez. 2020 April - Dez. 2019
Sachsen 6.629 828
Sachsen-Anhalt 2.698 354
Thüringen 3.001 381

Englisches Modell: Umsatzorientierte Hilfen

Der Staat habe bei seinen Corona-Hilfen zu wenig an die Solo-Selbständigen gedacht, sagt Kritikos. An Musiker, Schauspieler oder kleine Ladenbesitzer. Da sie kaum Betriebsausgaben hätten, kämen die meisten Hilfsprogramme für sie nicht infrage.

Es blieben ihnen der Rückgriff aufs Ersparte, Hilfe von Freunden oder eben die Grundsicherung. Kritikos findet das problematisch: "Für viele ist der Einkommenseinbruch erzwungen durch die staatliche Regulierung. Und dann ist der Staat, wenn er mit seinen Regulierungen veranlasst, dass man seinen Erwerb nicht nachkommen kann, letztlich verpflichtet, diesen Umsatzausfall zumindest zum Teil zu kompensieren. Das tut man in Deutschland eben nicht. Im Unterschied zu anderen Ländern. Ich nenne hier besonders gern das englische Modell."

In England, sagt Kritikos, orientierten sich die Hilfen generell am ausgefallenen Umsatz. Das habe er sich auch für Deutschland gewünscht. Mit einer unkomplizierten Auszahlung direkt durch die Finanzämter.

Bis zu 5.000 Euro für Solo-Selbstständige

Immerhin: Die Bundesregierung hat nachgebessert. Ein Programm mit dem Namen "Neustarthilfe für Soloselbstständige" soll nun ausdrücklich Solo-Selbständigen helfen. Sie können bis zu 5.000 Euro erhalten – je nachdem, wie hoch ihre Ausfälle vergangenes Jahr waren. Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbständigen findet das aber zu wenig: "Also da kommen dann zwischen 300 und 700 Euro pro Monat an für Leute, die eben seit zehn Monaten von ihren Ersparnissen leben, weil sie keine Hilfe bekommen. Das ist einfach kein Zustand, also hier hat die Politik wirklich versagt. Das muss dringend korrigiert werden. Deswegen sollte man diese Neustarthilfe verdoppeln."

Auch Wirtschaftsforscher Kritikos nennt die Neustarthilfe einen Tropfen auf den heißen Stein. Pianistin Halefeldt weiß noch nicht, ob sie das Geld beantragen wird. Auch mit dem Antrag auf Grundsicherung hadert sie – wie so viele Selbstständige.

Halefeldt sagt, vielleicht ergäben sich ja doch noch ein paar Einnahmen, neue Chancen. Sie spielt nun auch auf Trauerfeiern, komponiert mehr. Die Musik, sagt sie, gebe ihr Kraft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Januar 2021 | 06:09 Uhr

12 Kommentare

Pitty vor 13 Wochen

Hat er doch ausführlich dargelegt! Von ihnen kommt wieder mal nichts sachliches! Was hat das jetzt mit der AFD zu tun??? Die ist wohl für den Blackout verantwortlich...?

Jan-Lausitz vor 13 Wochen

Verraten Sie mir/uns den Trick wie ihr Kumpel die Novemberhilfen schon im September erhalten hat?

Zum Blackout im deutschen Stromnetz nur soviel. Der Blackout wurde durch die in Volllast fahrenden Kraftwerke der Lausitzer LEAG mit verhindert. Momentan viele Tage kein nutzbares Sonnenlicht und dazu Windflaute. Der Mist in den Bioanlagen ist gerade nicht so in Hochform ...

CrizzleMyNizzle vor 13 Wochen

Jaja, es ist allerdings nicht D "knapp" an einem Blackout vorbei geschrammt sondern Europa, weil in Südosteuropa Probleme aufkamen die das Verbundnetz hätten in Mitleidenschaft ziehen können, aber durch die vorhandenen Systeme wurde das verhindert. Aber klar, alles was Deutschland schlecht dastehen lässt ist ein gefundenes Fressen.
Auch ist es nicht so dass Novemberhilfen erst jetzt ausgezahlt wurden, die wurden auch schon Ende Dez ausgezahlt, sicherlich nicht für alle Berechtigten. Mein Kumpel hat die Mitte September erhalten für sein Lokal. Aber siehe oben das "gefundene" Fressen. Die Ausgaben werden halt geprüft, aber Leute wie Sie sind dann die die sich ausheulen wenn Geld an die falschen Gerät, also dann ist es auch wieder Chaos und "HuschHusch". Egal wie es gemacht wird, bestimmte Leute haben immer was zu meckern.

Mehr aus Deutschland