Kommentar Sommer 2022: Corona-Management passt hinten und vorne nicht

Corona - war da was? Politik und Gesellschaft lassen die Pandemie im Sommer einfach laufen. Unser Autor hält die Entwicklung für problematisch und befürchtet, dass drängende Fragen unbeantwortet bleiben. Ein Kommentar.

Ein Helfer in einem Corona-Testzentrum
Warten auf Testwillige: Die Hürde, Corona-Tests zu machen, liegt noch etwas höher, seitdem sie nicht mehr kostenlos sind. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Man kennt sie: die Berichte, über all das, was in der Corona-Pandemie bisher schiefgelaufen ist. Doch als ich kürzlich selbst Covid bekam, wurde mir eindrücklich vor Augen geführt, dass im Sommer 2022 jede Menge hinten und vorne nicht zusammenpasst. Ich habe erlebt, wie sich Mitarbeiter in einem Testzentrum mit Proben verzettelten und später ein negatives Ergebnis bescheinigten - trotz Symptomen und über Tage weiter positiver Selbsttests. Ich habe Arztpraxen gesehen, die überfüllt waren, nicht zuletzt, weil Medizinerinnen selbst infiziert ausfielen. Ich wurde überrascht, wie schnell die Frage nach einem PCR-Test beim Arzt abgetan wurde; in meinem Bekanntenkreis gibt es ganz ähnliche Fälle - sie alle flossen nicht in die offizielle Statistik ein. Im Blindflug durch die Pandemie.

Sommerwelle-Ausfälle: Corona in der Urlaubszeit

Dass die Zahlen der Infektionen und Intensivpatienten seit einiger Zeit wieder steigen, lässt sich an den verbliebenen Daten zwar klar ablesen. Das ganze Ausmaß aber bleibt offen. Dabei gehen Fachleute von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Wer hört in diesen Tagen nicht immer wieder von neuen Ansteckungen unter Kollegen, Freundinnen und in der Familie?

Die Sommerwelle hat zur Folge, dass zusätzlich zur Urlaubszeit weitere Arbeitskräfte ausfallen. Angesichts des ohnehin schwerwiegenden Fachkräftemangels muss das schon jetzt eine Belastung für die Wirtschaft sein: Wer krank ist, kann nicht pflegen, bauen, liefern, verkaufen. Aber scheinbar wird das lapidar hingenommen. Auch aus unternehmensfreundlichen Politikkreisen habe ich dazu bisher kaum lösungsorientierte Wortmeldungen vernommen.

Dass Corona in den Hintergrund getreten ist, ist ein Stück weit verständlich. Eine große Krise jagt die nächste, das bindet Ressourcen. Darüber hinaus führen Impfstoffe und die Omikron-Variante dazu, dass das Leben mit dem Virus etwas leichter geworden ist. Nur: Die Republik verschläft es erneut, sich wirksam auf den Winter vorzubereiten - nach mehr als zwei Jahren Pandemie geradezu unfassbar. Und so schmerzlich Arbeitskräfte überall in der Wirtschaft fehlen - richtig problematisch ist und wird es, wenn nicht genug Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zur Verfügung steht.

Wie viele Tote nehmen wir hin?

Noch immer gibt es in Deutschland durchschnittlich etwa 100 Corona-Tote pro Tag. Werden wir im Herbst, Winter und danach wieder noch höhere Zahlen hinnehmen, indem wir auf deutlich strengere Regeln verzichten? Ebenso wie eine Zukunft, in der Long-Covid-Patienten einen wachsenden Anteil an der Bevölkerung ausmachen - mit ihren teilweise persönlich harten Schicksalen und den Kosten, die auf das Gesundheitssystem zurollen? Derzeit sieht es genau danach aus. Aber als Gesellschaft haben wir uns nicht bewusst darauf verständigt, wir lassen einfach laufen.

Eine Long Covid-Patientin. 30 min
Eine Long Covid-Patientin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
30 min

Long-Covid-Patienten haben lange nach ihrer Infektion noch mit der Krankheit zu kämpfen. "Exakt - Die Story" beschäftigt sich mit Langzeitfolgen von Covid-19 und hat eine betroffene Schülerin ein Jahr lang begleitet.

Exakt - Die Story Mi 18.05.2022 20:45Uhr 30:19 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Es ist nicht ausgemacht, dass uns Corona in den kommenden Monaten hart treffen wird. Aber beinahe sicher ist, dass das Virus neue Varianten hervorbringt. Ob damit leichtere oder schwerere Krankheitsverläufe einhergehen, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand vorhersagen.

Doch sollte uns eine heftige Winterwelle ereilen, ist jetzt schon abzusehen, dass überstürzte Entscheidungen getroffen werden. Statt in entspannter Sommerlaune schärfere Maßnahmen für den Winter kategorisch auszuschließen oder - noch schlimmer - gar nicht darüber nachzudenken, sollten sich die politischen Entscheidungsträger schon jetzt ernsthaft damit befassen und die Möglichkeiten ehrlich auf den Tisch legen. Die Maskenpflicht beispielsweise ist ein wirksames Mittel, bei vergleichsweise geringem Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Das Test- und Meldesystem war nie perfekt, aber mittlerweile ist es eine Katastrophe. Wer keine brauchbaren Daten hat, kann sich nicht zuverlässig vorbereiten. Die Politik muss zu einem Pandemie-Management zurückkehren, das diesen Namen auch verdient. Ansonsten werden sich auch noch all jene frustriert abwenden, die bisher Vorsicht haben walten lassen und Verständnis für Einschränkungen aufgebracht haben.

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MDR (maf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 21. Juli 2022 | 11:00 Uhr

192 Kommentare

DermbacherIn vor 10 Wochen

Es ist an der Zeit, dass endlich Licht in das Dunkel der Dunkelziffer gebracht wird, denn die Zahl der Erkrankten ist die wichtigste
Kennziffer und nicht wie es heute getan wird die Zahl aller infizierten bzw positiv getesteten!

Felix vor 10 Wochen

@martin: "Die Auslastung der betreibbaren Betten liegt bereits jetzt im Sommer in einigen Kliniken in einer Größenordnung, dass geplante Behandlungen abgesagt / verschoben werden müssen." Haben Sie sich einmal angesehen, wie sich die absolute Belegung in den letzten 2 Jahren verändert hat? Sie schreiben von der relativen Belegung. Das Problem sind die deutlich weniger vorhandenen betreibbaren Betten. Die absolute Belegung ist niedriger als in den letzten Jahren. Wie kann es sein, dass immer weniger betreibbare Betten vorhanden sind? Und das in der aus mancher Sicht schlimmsten Pandemie aller Zeiten? Und warum hat hier die Politik in den 2,5 Jahren nicht entgegengewirkt? Das wäre aus meiner Sicht die allererste und wichtigste Maßnahme, bevor man die Bevölkerung mit anderen (aus meiner Sicht völlig sinnlosen) Maßnahmen gängelt und schwere Schäden in Kauf nimmt.

Felix vor 10 Wochen

@emlo: "Während in meiner thüringischen Heimat die Maske im ÖPNV Seltenheitswert besitzt (zumindest in Bus und Straßenbahn, in der Eisenbahn ist es etwas besser), sieht es im hessischen Raum vollkommen anders aus. Dort sind Leute ohne Maske die Ausnahme." Nehmen wir mal an, Ihr Eindruck stimmt, so würde dies nicht gerade für die Maske und die Hessen sprechen, denn die Inzidenz ist in Hessen momentan etwa doppelt so hoch wie in Thüringen.

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