Faktencheck Verschärft Corona die soziale Ungleichheit in Deutschland?

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat in ihrem internationalen Bericht "das Ungleichheitsvirus" festgestellt: Die Pandemie verschärfe die sozialen Unterschiede auf dem Globus. Wer vorher arm war, sei jetzt noch ärmer, wer vorher reich war, sei möglicherweise sogar noch reicher geworden. Trifft das auch auf den Sozialstaat Deutschland zu?

Auf den geöffneten Blättern einer Schere, stehen die Worte "reich" und "arm"
Wie wirkt sich Corona auf das soziale Gefälle in Deutschland aus? Bildrechte: imago/blickwinkel

Ob die Pandemie in Deutschland Ungleichheiten verstärkt – die Antwort darauf hängt davon ab, wen man fragt. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher im Ruhestand, sagt: "Die Ungleichheit in Deutschland ist durch die Pandemie vor allem deshalb gewachsen, weil finanzschwache und auch gleichzeitig immunschwache Gruppen stärker getroffen wurden durch Covid-19." Und zwar gesundheitlich wie ökonomisch.

Im Schnitt sind alle Schichten von der Krise betroffen

Aline Zucco, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Sie habe Menschen während der Pandemie mehrmals zu ihrer Einkommenssituation befragt und festgestellt: "Dass die Krise vor allem diejenigen Personen stark trifft, die wegfallen aus dem Sozialversicherungssystem", das heißt jene, "die nicht in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sind".

Doch Soloselbstständige oder Minijobber zum Beispiel seien nicht zwangsläufig arm, gibt Ulrich Walwei zu bedenken. Er ist der Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, kurz IAB. Um mögliche Unterschiede zwischen arm und reich zu messen, blicke das IAB deshalb nicht auf den Einzelnen, sondern auf das Haushaltseinkommen der gesamten Familie: "Unsere Auswertungen zeigen, dass die Ärmsten prozentual die geringsten Einkommenseinbußen haben jetzt unmittelbar durch die Pandemie."

Armutsschere schließt sich leicht

Walwei sagt, man habe keine Zunahme der Einkommensungleichheiten im Jahr 2020 gesehen. Im Gegenteil: Die Pandemie habe die Schere zwischen arm und reich in Deutschland sogar verkleinert. Der Kinderbonus etwa habe gerade einkommensschwachen Haushalten geholfen, während Unternehmer sehr starke Einbußen hätten.

Maximilian Stockhausen, Referent für Verteilungsfragen am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, hat wie Aline Zucco Menschen in der Pandemie zu ihren Einkommensverlusten befragt. Auf der individuellen Ebene würden seine Ergebnisse mit ihren übereinstimmen. Doch bezogen auf das gesamte Haushaltseinkommen sagt auch er: "Da zeigt sich dann, dass es im Schnitt für alle, die von der Corona-Krise betroffen waren, Einkommensrückgänge gibt." Alle verlören an Wohlstand, aber es gebe kein einseitiges Gefälle, so dass nicht nur die schwächeren Haushalte betroffen seien.

Verstärkung der Ungleichheit zeichnet sich trotzdem ab

Die Staatshilfen hätten bei den einkommensschwachen Haushalten die Verluste gut abgefedert. Der Oxfam-Bericht greift Stockhausen zu kurz, weil er weltweit vor allem die extrem reichen "Krisengewinner" wie den Amazon-Gründer mit den ganz Armen vergleiche. Einigkeit herrscht aber bei allen Experten beim Blick in die Zukunft. Ulrich Walwei vom IAB warnt, mittelfristig könne die Krise zu mehr ökonomischer Ungleichheit führen – durch die schlechte Wirtschaftslage, dadurch, dass Frauen durch Homeoffice und Kinderbetreuung in der Karriere zurücksteckten und weil bei der Bildung gerade viel verloren gehe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Januar 2021 | 06:14 Uhr

25 Kommentare

Kritiker vor 19 Wochen

+...Warum sollte sich daran etwas ändern? Und mit welchem Recht?..+
Mit dem Recht das entsprechende Bürger der Armut nicht jeden Cent mehrmals umdrehen müssen ehe diese Menschen ihn ausgeben können.
2 € für OP-Maske sind eine zusätzliche finanziellen Belastung wenn ein Haushalt aus 4 Personen besteht wo eine Person mal nur etwas über 1.000 € BRUTTO verdient! Weiterhin diese Masken entsprechende EINWEGMASKEN SIND und jedesmal neu erworben werden müssen und der poli.Forderung über Einhaltung der Vorschriften nachkommen zu können. Noch schlechte sind jene dran die weder positiv getestet wurden oder keine Symptome haben, die auf das Virus zurückzuführen wären. Nur der VERMUTUNGSFALL reicht nicht und daher sollte mehr investiert werden das es baldmöglichst JEDEM BÜRGER, jeder Zeit die Möglichkeit bietet sich selbst zu testen.Nur hat da wohl Politik und Wissenschaft Angst vor entsprechenden Ergebnissen,welche ggf.mehr Fragen aufwerfen als das Politik und Wissenschaft Antworten geben könnten.

THOMAS H vor 19 Wochen

Strafrechts-Profit-eur: "Das, was die an Steuern zahlen, möchte ich mal verdienen." Da kann nur gehofft werden, das Sie an Ende nicht noch Geld mitbringen müssen, da durch die Steuererklärung, die gezahlten Steuern erstattet werden und somit gar keine bzw nur geringe Steuern gezahlt wurden.

Strafrechts-Profit-eur vor 19 Wochen

Zitat:
"Und mit Steuersätzen 40(!) Prozent aufwärts erbringt der sehr gut Verdienende jeden Monat ja ein annehmbares Opfer, oder?"

Wie heißt es doch so schön:
Das, was die an Steuern zahlen, möchte ich mal verdienen.

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