Corona-Lockerungen Politologe: "Querdenker" suchen sich neue Themen

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Corona-Fallzahlen sinken rapide, die Impfquote steigt – und der große Systemkollaps ist ausgeblieben. Der "Querdenken"-Bewegung bricht damit ihr wichtigstes Thema weg. Bei den letzten Protesten kamen nur noch einige Hundert Anhänger. Nichts im Vergleich zu den Demonstrationszügen des vergangenen Jahres. Sind die "Querdenker" also am Ende? Nein, meinen Beobachter. Ein radikaler Kern wird bleiben.

Die Polizei löste eine Querdenker-Demo in Weimar auf.
Die Polizei in Weimar löste Anfang Mai eine gerichtlich untersagte Demonstration der "Querdenker" auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Karlsruhe am 3. Juni 2021. Rund 800 "Querdenker" haben ihre Picknickdecken ausgebreitet – aus Protest gegen die Corona-Politik. Auf der Bühne redet Michael Ballweg, der Gründer der Bewegung, über den großen Wandel. Dafür müsse man mehr Menschen mobilisieren.

"Lasst uns die sozialen Medien erobern", ruft Ballweg auf. "Warum? Wir haben uns über ein Jahr auf die Straße fokussiert, da bleiben wir auch weiterhin aktiv. Aber immer wieder reden wir darüber, wie wir die Menschen außerhalb der Blase ansprechen und aktivieren können."

Beobachter zweifeln an der Zukunft von "Querdenken"

Ballweg erwähnt einen Bericht des Journalisten Olaf Sundermeyer. Die Bewegung sei am Ende, hatte der geschrieben. Ballweg widerspricht, verweist auf Demonstrationen in London und die im August geplanten Kundgebungen in Berlin, zu denen man Tausende Menschen erwarte.

Doch auch andere Beobachter stellen fest, dass die Mobilisierung stockt. Der Politologe Josef Holnburger zum Beispiel. Er ist Geschäftsführer des "Center für Monitoring, Analyse und Strategie", ein Berliner Thinktank, der demokratiefeindliche Tendenzen im Netz analysiert.

Die Demonstrationen in den letzten Monaten sind quasi gefloppt.

Josef Holnburger Politologe

Holnburger sagt, dass die Bewegung auf Telegram "sehr stark" stagniere. "Spätestens seit November merken wir, dass da keine starken Zuwächse mehr zu sehen sind", erklärt der Politologe. Das hänge auch damit zusammen, dass die Demonstrationen damals einen starken Zulauf gebracht hätten – und die Demonstrationen in den letzten Monaten quasi gefloppt seien.

Holnburger und seine Kollegen beobachten insgesamt über 2.500 Telegram-Kanäle und öffentliche Gruppen, unter anderem den Kanal "Querdenken 711". Der sei bis November auf 60.000 Personen angewachsen, seitdem passiere nicht mehr viel.

Gruppe diskutiert offen über Gewalt

Dafür würden die Inhalte mitunter radikaler, so Holnburger. Ihn erfülle mit Sorge, dass auch Gewalt stärker diskutiert würde. So würde auch immer wieder über Tribunale fantasiert – um Personen, die für die Pandemie verantwortlich gemacht würden, zur Rechenschaft zu ziehen. "Es ist ein großes Problem, dass solche Fantasien mehr diskutiert werden und in der Bewegung ohne Widerspruch bleiben."

Deswegen interessiert sich inzwischen auch der Verfassungsschutz für Teile der "Querdenken"-Bewegung. Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes, sagte bei der Vorstellung des neuen Verfassungsschutzberichtes: "Es wird deutlich, dass hier eine Agenda über die reine Mobilisierung zu Protesten hinausgeht und darauf abzielt, das Vertrauen in staatliche Institutionen und seine Repräsentanten nachhaltig zu beschädigen."

"Querdenker" suchen neue Themen

Dafür würden im "Querdenken"-Milieu neben Corona auch andere Themen bemüht, sagt der Politologe Holnburger, vor allem eine "vermeintliche Klimalüge oder ein vermeintlicher Wahlbetrug" bei der bevorstehenden Bundestagswahl. "Und ich glaube, diese beiden Themen werden uns noch länger begleiten."

Holnburger glaubt aber nicht, dass deren Mobilisierungspotential so groß ist wie das der Virus-Krise.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juni 2021 | 08:53 Uhr

Mehr aus Deutschland

Linke 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK