Übersterblichkeit Woher kamen die vielen Toten im Krematorium Meißen?

Die Bilder der gestapelten Särge sorgten für Aufsehen. Die Lage in den sächsischen Krematorien hat sich zwar wieder beruhigt, doch es halten sich einige Gerüchte. Hat wirklich die Corona-Pandemie für die vielen Toten gesorgt?

Mit Kreide geschrieben steht "Corona" auf einem Sarg mit einem Verstorbenen
Der Raum dient im Krematorium Meißen sonst als Halle für die Bestattungen. Mitte Januar wurde dieser als Kühlhalle genutzt und es stapelten sich dort die Särge mit Verstorbenen. Bildrechte: dpa

Särge waren übereinander gestapelt, die ehrwürdige Feierhalle zur Kühlhalle umgewidmet und die Mitarbeiter mussten viele Überstunden schieben. So sah es Mitte Januar im Krematorium Meißen aus. Die Situation war hoch angespannt – Covid-19 hatte in den ersten Wintermonaten die Todeszahlen steigen lassen.

Inzwischen stehen keine Särge mehr in der Feierhalle und die Öfen zur Einäscherung der Verstorbenen sind nicht mehr 24 Stunden und sieben Tage in der Woche in Betrieb. Doch nicht nur in Meißen hat sich die Lage verbessert. "Wir haben ja in Sachsen zehn Krematorien und stehen auch in Kontakt miteinander", berichtet der Chef des Krematoriums, Jörg Schaldach. Zuerst sei  in den "Gebirgskrematorien" im Vogtland/ Erzgebirge von Entspannung gesprochen worden. "Wir hatten diese dann eine Woche später."

Meldesystem: Bis zu drei Wochen verzögert

Dabei ging die Zahl der Verstorbenen laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) nur langsam zurück. "Die Bestatter, sind ja die, die am nächsten am Tod dran sind", erklärt Bestatter Schaldach. Nachdem die Totenscheine mit entsprechendem Datum registriert seien, wanderten diese erstmal zu den Gesundheitsämtern. Und da könne es dazu kommen, dass es bis zu drei Wochen Zeitunterschied im Meldesystem gebe, sagt Schaldach.

"Die Datenlage des RKI hat sicherlich Luft nach oben, um das mal so zu sagen", so Professor Göran Kauermann. Der Statistiker erstellt an der Universität München Analysen und Prognosen des Pandemieverlaufs und findet, dass in diesem ganzen Meldewesen zeitgerechter vorgegangen werden könnte.

Auch wenn die Arbeit im Krematorium Meißen inzwischen weniger geworden ist – viele Gerüchte sind geblieben. Eines davon: In der Hoch-Zeit seien zu viele Bestatter aus anderen Landkreisen und Bundesländern nach Meißen ausgewichen. Die preiswerte Einäscherung in Tschechien sei aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht möglich und in anderen Krematorien die Wartezeiten zu lang gewesen.

Übersterblichkeit in Sachsen bei 100 Prozent

Man habe geholfen, bestätigt Jörg Schaldach vom Krematorium Meißen. Doch das mehr an Toten sei nicht nur darauf zurückzuführen. "Wir haben im Kreis Meißen  800 Sterbefälle mehr registriert als im Vorjahr." Doch nicht nur dort gab es viele Tote. Der Landkreis Mittelsachsen "liefert viel bei uns an und da haben wir sogar einen Corona-Anteil von 64 Prozent".

In ganz Sachsen hat in den letzten Wochen des vergangenen Jahres "die Übersterblichkeit nach unseren Berechnungen bei 100 Prozent gelegen", sagt Professor Kauermann. Es habe also doppelt so viele Sterbefälle als erwartet gegeben. Inzwischen seien die Zahl der Todesfälle und das Infektionsgeschehen im Freistaat rückläufig.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 17. Februar 2021 | 20:15 Uhr

98 Kommentare

goffman vor 7 Wochen

Hallo Felix,
Sie übersehen, dass wir keine Zufallsauswahl haben.
Wir testen gezielt, d.h. Menschen bei denen ein begründeter Verdacht besteht. D.h. wir haben nicht mehr positive Tests, weil wir mehr testen, sondern wir testen mehr, wenn mehr Menschen erkrankt sind.

Es ist ein Qualitätsmerkmal von Wissenschaft, dass Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern ergebnisoffen überprüft werden. Wenn die Überprüfung zum selben Ergebnis kommt, ist das kein Makel.
Und da hat JanoschausLE schon recht: die Ergebnisse in den seriösen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen (peer-review etc.) sind ziemlich gleichlautend.

Felix vor 7 Wochen

Liebe Anita, es ist ja schön und gut, wenn Sie wissen, dass keine Statistik "tagesaktuell" ist. Es entspricht aber eben nicht der Wahrheit, dass NIEMAND das behauptet. Lesen Sie doch nur z.B. bei DNN die Meldungen: Heute sind ... gestorben. o. ä. Meldungen. Das ist schlichtweg so gelogen, aber leider kein Einzelfall sondern eher die Regel. Natürlich ändert das nichts daran, dass die Menschen gestorben sind, aber es zeigt, dass man von diesen Zahlen auch keine Maßnahmen ableiten kann, denn diese kommen (falls sie denn überhaupt gerechtfertigt wären und irgendeinen Nutzen haben) definitiv zu spät. Die 7-Tagsinzidenz macht die Sache auch nur geringfügig besser, denn auch bei den Zahlen der "Infizierten" gibt es einen großen Meldeverzug. Das konnte man z.B. sehr schön beim Vergleich der Inzidenzen von Dresden (RKI und Gesundheitsamt) sehen (und auch bei der täglichen Auswertung des Dresdner Dashboards in dem Diagramm der Fallzahlen nach Meldetag). Ritter Runkel hat vollkommen Recht.

Felix vor 7 Wochen

Es kommt doch darauf an, worauf man schaut und was wirklich vergleichbar ist. Bei letzterem wird es schon schwierig, da es sehr viele Variablen gibt - und davon sehr viele unbekannte Variablen. Ok, sei's drum. goffman hat die Zahlen für Schweden, Finnland u. Norwegen aufgeschrieben (Finnland&Norwgen hatten übrigens auch keine extremen Maßnahmen). Ich ergänze:
UK: ca.68 Mio.EW,4.115.509 Infizierte,120.580 Tote
Dtl.: ca.84 Mio.EW,2.394.515 Inf.,68.443 Tote
Frankreich: ca.65 Mio.EW,3.583.135 Inf.,84.147 Tote
Spanien: ca.47 Mio.EW,3.133.122 Inf.,67.101 Tote
Italien: ca. 60 Mio. EW, 2.809.246 Inf., 95.718 Tote
UK, Frankreich, Spanien, Italien stehen alle schlechter als Schweden da und hatten sehr strenge Maßnahmen. Interessant ist der Blick auf die Sterblichkeit. 2020 war es in UK und Spanien d. höchste Sterblichkeit der letzten 9 Jahre (Rang 1 von 9). Schweden steht da besser da (Rang 3 von 9). Die Länder mit strengen Maßnahmen zahlen zusätzl. einen sehr hohen Preis (Kollateralschäden).

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