Folgen der Pandemie Tierheime: Kaum noch Platz für Reptilien?

Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach Reptilien steigen lassen. Nun scheinen viele diese artgeschützten Exoten wieder loswerden zu wollen. Für die Tierheime bedeutet das viel mehr Arbeit – und die Vermittlung an neue Halter ist extrem schwierig.

Vogelspinne, Skorpion, Gecko, Leguan, Bartagame oder Schlange – 400 Tiere hat die Auffangstation für Reptilien in Brandenburg vor einigen Wochen aufnehmen müssen. Der Leiter der Station befürchtet, dass in nächster Zeit noch viele weitere Tiere bei ihm landen werden. Beim jüngsten Fall konnte eine Reptilien-Wanderausstellung aufgrund der Corona-Pandemie die Kosten für die Tiere nicht mehr stemmen. Alle Auftritte in Sporthallen oder Einkaufszentren wurden abgesagt.

"Und da haben wir diese Tiere dann aufgenommen, damit die nicht noch kränker werden, als sie schon waren, aufgrund der fehlenden Temperatur", sagt Marko Hafenberg. Einige der Tiere seien nicht mehr zu retten gewesen. "Die ganzen Tiere waren unterkühlt gewesen, waren vermilbt und waren auch nicht vernünftig ernährt", so der Leiter der Reptilienstation Brandenburg.

Hohe Hürden für Vermittlung von Schildkröte

Eine Bartagame schaut in die Kamera
Artgeschützte Reptilien sind nur schwer zu vermitteln und deren Weitergabe wird streng überwacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch viele dieser Tiere gehören zu den artgeschützten Reptilien und deren Weitergabe wird von Umweltbehörden streng überwacht – sie werden also nur schwer zu vermitteln sein. Ein Beispiel: eine griechische Landschildkröte. "Das ist ein längerer Prozess, weil das Tier ist nicht unser Eigentum, sondern das Tier gehört ja solange der Gemeinde, bis dieses Tier vermittelt wird", erklärt Hafenberg einen Teil der hohen Hürden.

Die Landschildkröte bleibt sogar lebenslänglich Eigentum einer Behörde, die aus der Auffangstation gehört dem Landesamt für Umwelt in Brandenburg. Weil nicht klar ist, ob das in Potsdam gefundene Reptil legal gehandelt wurde oder illegal nach Deutschland kam, hat es jetzt einen Vormund.

"Wir regeln halt, dass derjenige, der das Tier halten möchte, dann einerseits bestimmte Pflichten hat, auf der anderen Seite auch Rechte hat", erklärt Frank Plücken vom Umweltministerium Brandenburg das Prinzip eines Überlassungsvertrages. Darin ist auch geregelt, dass etwa eine griechische Landschildkröte nicht ohne Zustimmung des Amtes weiterverkauft werden darf. Er gibt zu, dass es bei solchen häufig gehandelten Arten schwer sei, so einen neuen Halter zu finden. Denn die Tiere sollen auch ordentlich gehalten werden.

Tierheim Leipzig: Hohe Kosten für artgerechte Haltung

Das verursacht teils hohe Kosten. So waren Ende des vergangenen Jahres im Tierheim Leipzig gerade 85 ausgesetzte oder entflohene Reptilien untergebracht – darunter 23 Landschildkröten. "Seitdem sind unsere Stromkosten explodiert. Wir sind jetzt bei Monatsabschlägen, die sich deutlich über 3.000 Euro bewegen", sagt Leiter Michael Sperlich.

Reptilien Tierheime
Durch immer mehr Reptilien explodieren die Stromkosten im Tierheim Leipzig, sagt der Chef Michael Sperlich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den vergangenen Jahren sind Reptilien als Haustiere immer beliebter geworden. Besonders seit den Lockdowns hat die Nachfrage deutlich zugenommen. Dennoch kann auch der Chef des Tierheims Leipzig nur wenige vermitteln. "Dabei hatten wir noch nie so viele Anfragen zu Landschildkröten", sagt Sperlich. "Nur das Problem ist, dass eben 80 bis 90 Prozent der Anfragen nicht die geringste Ahnung haben, was eine Schildkröte ist und was eben die Anforderung an eine artgerechte Haltung ist."

Die Auflagen für die Haltung einer Landschildkröte sind hoch: "Man geht von einer Mindestgröße der Anlage von zehn Quadratmetern aus", erklärt Sperlich. Dazu werde ein beheizbares und UV-durchlässiges Schutzhaus benötigt. So kämen allein als Erstinvestition schon bis zu 3.000 Euro zusammen.

Zehntausende Reptilien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Ein Mann hält eine Schildkröte
Der Chef der Auffangstation Brandenburg, Marko Hafenberg, befürchtet, dass es im Frühjahr ein größeres Problem geben wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Anforderungen für vermittelte Fundtiere müssen von den Behörden regelmäßig kontrolliert werden. Neben den Tieren unter amtlicher Vormundschaft müssen die Ämter auch noch die artgerechte Haltung einer großen Anzahl ganz legal verkaufter und registrierter Reptilien überwachen. Laut Auskunft der jeweils zuständigen Naturschutzbehörden werden in Sachsen etwa 26.000 registrierte Reptilien gehalten, in Sachsen- Anhalt rund 15.000 und in Thüringen circa 14.000 Tiere. 

Diese müssen regelmäßig und flächendeckend kontrolliert werden. Im Land Brandenburg kontrollieren nur fünf Mitarbeiter im Landesamt für Umwelt die Haltung von mehr als 11.000 Tieren. "Das ist offen gestanden eine Achillesferse", sagt Frank Plücken. "Es ist in der Tat so, dass eine flächendeckende Kontrolle bei diesen Zahlen kaum möglich ist."

Gerade jetzt – während der Corona-Zeit – werden viele geschützte Reptilien offenbar unbedacht angeschafft. "Das wird ein größeres Problem im Frühjahr geben", glaubt der Chef der Auffangstation Brandenburg, Marko Hafenberg. Das werde kommen, wenn die ersten Nachzahlungen aufgrund der Beleuchtung und Heizung für diese empfindlichen Tiere kämen. "Und dann wird sich auch wieder von diesen Tieren getrennt." Im Zweifelsfall landen die dann als Fundtiere wieder bei ihm.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 19. Januar 2022 | 20:15 Uhr

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