Corona-Pandemie Hälfte des Präsenzunterrichts 2020 ausgefallen – stimmt das?

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Mitte März 2020: Die erste Corona-Welle rollt über Deutschland hinweg, die Schulen schließen zum ersten Mal, plötzlich wird für Schüler und Lehrer das Homeschooling über Wochen zur Normalität. Zum Sommer startete zwar vielerorts wieder der Präsenzunterricht, doch zu Beginn des Winters kam die zweite Welle. Seitdem – so scheint es – haben sich Schüler, Lehrer und Eltern an den Ausfall von Unterrichtsstunden gewöhnt. Doch um wie viele Stunden geht es genau?

Kinder sitzen in einer ersten Klasse an einer Grundschule mit Wechselunterricht hinter einem offenen Fenster.
Lernen in Corona-Zeiten: Wechselunterricht in einer ersten Klasse bei offenem Fenster. Bildrechte: dpa

Behauptung: Im Schuljahr 2020/2021 sind im Schnitt hunderte Stunden Präsenzunterricht ausgefallen.

Wieviel Unterricht fand überhaupt jeweils in der Schule, zu Hause oder in Kleingruppen statt? Eine Aussage dazu kam kürzlich vom Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Der "Bild" sagte er, dass seit Beginn der Pandemie zwischen 350 und 800 Stunden Präsenzunterricht ausgefallen seien, im Schnitt vermutlich ein halbes Schuljahr.

Die Aussage deckt sich wohl grob mit den Erfahrungen vieler Eltern und deren Kinder. Allerdings ist die von Meidinger genannte Spanne sehr groß.

Analyse: Wie kommt der Deutsche Lehrerverband überhaupt auf die Zahlen?

Anruf bei Heinz-Peter Meidinger: Der Präsident des Lehrerverbands sagt, dass es zwar keine generelle Aufstellung zum Ausfall von Präsenzunterricht gegeben habe. "Wir haben aber Stichproben in einer Reihe von Bundesländern, in einzelnen Regionen, bezogen auf unterschiedliche Jahrgangsstufen und an verschiedenen Schulformen gemacht."

Heinz-Peter Meidinger, Gymnasiallehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Heinz-Peter Meidinger ist Gymnasiallehrer und seit 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Bildrechte: Heinz-Peter Meidinger

Als Durchschnitt seien dann rund 600 verpasste Schulstunden im Präsenzunterricht herausgekommen, ungefähr ein halbes Schuljahr. Meidinger ergänzt aber: "Es gibt natürlich große Unterschiede." Insgesamt seien die Zahlen lediglich eine Schätzung, die aber auf einem "guten Raster" beruhten.

Große Unterschiede gab es beim Thema Homeschooling tatsächlich: Die Abschlussklassen zum Beispiel waren nicht oder kaum betroffen und fast die ganze Zeit im Präsenzunterricht. Auch Grundschüler durften jeweils relativ schnell wieder in die Bildungseinrichtungen. Die Schüler in den Mittelstufen waren am meisten vom Homeschooling betroffen.

Wichtig ist aber: Bei den vom Lehrerverband genannten Zahlen handelt es sich nur um den Ausfall von Präsenzunterricht – im Normalfall wurde dafür auf Homeschooling umgestellt. Unterricht fand also in der Regel statt, nur eben nicht in der Schule.

Trotzdem können die Zahlen ein Indikator für Lernlücken sein. Denn die Voraussetzungen für häusliches Lernen sind sehr unterschiedlich.

Problem: Genaue Zahlen fehlen

Doch genaue Zahlen kennen eben weder der Lehrerverband noch die mitteldeutschen Bundesländer. Eine Anfrage bei den Bildungs- und Kultusministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigt, dass es derzeit zumindest auf Länderebene keine genaue Erfassung darüber gibt, wie viel Unterricht im vergangenen Jahr insgesamt als Präsenzzeit pro Schüler abgehalten wurde – und wie viel nur als Distanzunterricht.

Erfasst wurde für die Pandemiezeiten ebenfalls nicht, wie viel Unterricht komplett ausgefallen ist, etwa wegen Quarantäne-Regelungen. Das sächsische Kultusministerium erklärt dem MDR, dass die Statistik des Unterrichtsausfalls während der Zeit der Schulschließungen komplett ausgesetzt sei und verweist auf den großen Aufwand, den eine statistische Erfassung bedeuten würde.

Mutter und Sohn sitzen an einem Tisch und machen Heimarbeit
Häusliches Lernen ist nicht nur für die Schüler, oft auch für die Eltern eine große Herausforderung. Vor allem, wenn die Kinder jünger sind und Hilfe bei den Aufgaben brauchen oder wenn die Eltern zusätzlich noch im Homeoffice arbeiten, Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller

"Es müssten Quarantäneregelungen einzelner Schüler, Klassen, Schulen und die unterschiedlichen Regelungen in den Landkreisen erfasst werden. Zudem müsste definiert werden, was als Ausfall gilt. Gilt auch der Distanzunterricht als Unterrichtsausfall oder wird dieser als Unterricht gewertet?", heißt es aus dem Ministerium.

Ähnlich äußern sich die Ministerin in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aus Sachsen-Anhalt heißt es: "In den pandemiebedingten Phasen vollständiger oder teilweiser Schulschließungen, des nur eingeschränkten Regelbetriebs mit und ohne Notbetreuung, der Aussetzung der Präsenzpflicht und der weiteren Variation der Bedingungen des Schulbetriebs durch die sogenannte Bundesnotbremse ist die Erhebung des zeitweilig nicht planmäßig erteilten Unterrichts ausgesetzt."

Und das Thüringer Bildungsministerium teilt mit, es würden zwar die entsprechenden Zahlen zu Stichtagen erhoben, eine strukturierte Erfassung wäre auch für die Schulen allerdings eine unzumutbare zusätzliche Belastung gewesen.

Eva Gerth, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Eva Gerth ist Vorsitzende des Landesverband Sachsen-Anhalt der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Thüringen und Sachsen-Anhalt wird immerhin wöchentlich erfasst, welche Schulen sich gerade im Präsenzunterricht befinden und welche nur im eingeschränkten Präsenzunterricht. Für Sachsen gibt es nur Meldungen für einzelne Landkreise. Zusammengeführt werden die Statistiken auf der Seite der Kultusministerkonferenz. Allerdings ist der Datensatz bezogen auf alle Bundesländer sehr lückenhaft. Eine klare langfristige Aussage kann die Statistik zudem nicht geben, da sie keine Daten zu einzelnen Schülern oder Klassen im Präsenz- oder Distanzunterricht enthält.

Eva Gerth ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen-Anhalt.

Sie sagt: "Keiner kann genau sagen, welcher Unterricht wann genau gemacht wurde und wie groß die Lücken wirklich sind. Denn in den Schulen ist das überall unterschiedlich gelaufen, abhängig von der Ausstattung. Wir wissen auch noch nicht genau, was für Auswirkungen das hatte für das Wissen und Können unserer Schüler."

Lernstandserhebungen geplant

Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagt, dass ihm vor allem Lernlücken Sorgen machen würden. Denn man wisse bisher nicht, wie große diese wirklich seien, man bräuchte dringend systematische Erhebungen dazu. Er betont aber auch: "Der ausgefallene Präsenzunterricht zeigt nur, wo es Lücken geben könnte. Wenn das Homeschooling gut geklappt hat – und das ist in vielen Fällen so gewesen – dann sind die Defizite eher gering."

Ähnlich sieht es auch Jens Weichelt. Er ist der Vorsitzende des Sächsischen Lehrerverbands. Er sagt, dass die Lerndefizite oft gar nicht so groß, sondern sogar aufgebauscht seien. Auch wenn es kaum zu überblicken sei, wer welchen Unterricht hatte. Er setzt nun auf sogenannte Lernstandserhebungen und individuelle Einschätzungen durch die Lehrer. Und Eva Gerth von der GEW sagt: "Was eventuell noch nachgeholt werden muss, ist sehr individuell. Was die Schulen jetzt brauchen, ist Lernzeit und weniger Klassenarbeiten und Tests."

In Sachsen sind Lernstandserhebungen nach Angaben des Kultusministeriums im kommenden Jahr geplant. In Thüringen laufen sie dem Bildungsministerium zufolge bereits. Sachsen-Anhalt setzt auf einzelne Erhebungen von Lehrern, wie es aus dem dortigen Bildungsministerium heißt. Die Bundesregierung hat außerdem ein Förderprogramm zum Aufholen von Lernrückständen in Höhe von einer Milliarde Euro beschlossen. Die Länder planen zudem eigene Förderprogramme.

Fazit: Aussage kann so nicht bestätigt werden

Fakt ist, dass teilweise viel Unterricht ausgefallen ist, das ist jedem bekannt. Die Behauptung, dass das im Schnitt die Hälfte der Präsenzstunden betraf, kann so aber nicht bestätigt werden. Die Aussage von Lehrerverbandspräsident Meidinger beruht auf Stichproben und Schätzungen. Für Mitteldeutschland lässt sich die Spanne nicht exakt bestätigen, da es keine langfristige Erfassung für einzelne Klassen oder Schüler gibt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Mai 2021 | 06:00 Uhr

21 Kommentare

part vor 16 Wochen

Ein ganzer Jahrgang an Schülern wird nun zukünftig der Abwertung durch das Verwertungssystem zum Opfer fallen, bis zum Rentenalter, falls nicht noch andere Unwägbarkeiten in der Zukunft eintreten. Das Defizit an ohnehin schon miserable Bildung aufzuholen scheint schier unmöglich, der Schwerpunkt auf die MINT-Fächer sollte deshalb Priorität haben. Zudem bleibt an dieser Generation der Prüflinge der Makel haften, es wird nicht mehr so sehr genau genommen mit den Endergebnissen und die Zahlen erscheinen noch geschönter. Wirtschaftlich muss sich aber die Arbeitgeberschaft nicht beschweren, zu wenig Ausbildungsoffensive, zu wenig Investition und die intelligenteren Menschen befinden sich schon seit langem in Führungspositionen in Ländern, hauptsächlich in Asien. Dies ist wissenschaftlich nachgewiesen und wurde auf ÖR- Radiosendern veröffentlicht, die nicht nur 50 Titel an alter Dudelmusik im Petto haben.

Sozialberuflerin vor 16 Wochen

"was genau tut das Kultusministerium gegen diese Misere?"

Unter der Leitung des aktuellen Bildungsministers wird das wohl nicht viel sein 🤷🏼!

War schon vor und während der Pandemie so.
Mein Optimismus zu diesem Thema, wie es dann erst nach der Pandemie aussieht, ist schwer, sehr schwer geschädigt!

Personalmangel in thüringer Bildungseinrichtungen sind nur die Spitze des Eisbergs!

Der Herr Holter wird mit der Problematik wohl noch schwer zu schaffen haben
Mal sehen, was er draus macht!

Dietmar vor 16 Wochen

Freies Moria: So ein einziger Youtube Kanal dient Ihnen als Beweis, dass es nicht so ist.
Olaf Schubert hat mal Bilder gesammelt, auf denen kein Yeti zu sehen sein sollte um zu beweisen, dass es den Yeti nicht gibt....

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