Coronavirus Warum sterben so viele Menschen in den Pflegeheimen?

Eine Recherche von MDR exakt in allen Bundesländern hat ergeben, dass mehr als 30.000 Bewohner von Alten- und Pflegeheimen an oder mit Corona gestorben sind. Laut den Zahlen des Robert-Koch-Instituts, ist jeder sechste erkrankte Mensch im Heim in ein Krankenhaus eingewiesen worden. Warum kommen die alten und schwachen Menschen so selten in Behandlung?

Pflegefachkraft und Bewohnerin in einem Pflegeheim
Heimbewohner sollen auch wenn sie bereits Symptome haben, möglichst lange im Heim behandelt werden, heißt es in einer Anregung der Kassenärztlichen Vereinigungen von Sachsen und Thüringen. Bildrechte: dpa

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es immer wieder zu schweren Ausbrüchen von Covid-19 in Alten- und Pflegeheimen gekommen. Einer der größten im MDR-Sendegebiet hat in Weimar stattgefunden. Dort gab es in einem Heim der Azurit-Gruppe 32 Tote durch Corona zu beklagen. In Leipzig kam es in der städtischen Unterkunft "Am Auenwald" zu 46 Infektionen. 16 Bewohner starben, einer davon in einer Klinik, die anderen im Heim.

"Also die Gründe kann ich nicht benennen", sagt der Geschäftsführer der Städtischen Heime Leipzig, Stefan Eckner. Dies könne auch die Leitung des Altenpflegeheims "Am Auenwald" nicht. "Es liegt in der Entscheidung des Arztes vor Ort, ob ein Bewohner in ein Krankenhaus eingewiesen oder nicht eingewiesen wird."

In der Einrichtung in Leipzig haben die Ärzte entschieden, die Erkrankten erst einmal im Heim zu behandeln. Dies folgt den Anregungen der Organisation der Ärzte, wie aus einem gemeinsamen Papier der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) von Sachsen und Thüringen aus dem Dezember hervorgeht: Heimbewohner sollten demnach, auch wenn sie bereits Symptome haben, möglichst lange im Heim behandelt werden – bis hin zur Gabe von Sauerstoff über eine Nasensonde.

Personalnot in den Heimen

Diesen Vorschlag haben Patientenschützer kritisiert: Das sei für die Patienten lebensgefährlich, hieß es. "Die einzige Begründung, die ich dafür verstehen könnte", erwidert darauf der Vorsitzende der KV Sachsen, Klaus Heckemann, "ist, dass man meint, dass man nicht schnell genug erkennen könnte, wenn es den Patienten schlechter geht". Dies sei möglich. Doch das geschehe nicht innerhalb weniger Minuten, sondern im Laufe eines Tages. "Und: Das muss man erkennen!" Er sehe kein Risiko, wenn die Heime personell ordentlich ausgestattet seien.

Bei größeren Corona-Ausbrüchen ist es schwierig immer ausreichend Personal zur Verfügung zu haben. Ein Beispiel ist der Kampf gegen Corona des Jakobushauses der Diakonie in Ilmenau. In den fünf Heimen der Diakonie in der Region starben 34 Bewohner, neun davon im Krankenhaus, die anderen im Heim. Der Leiter der Altenpflege der Diakonie musste damals im Fall des Jakobushauses sogar Mitarbeiter, die sich in der Quarantäne befanden, bitten bei negativem Test zur Arbeit zu kommen – was ihm eine Strafanzeige einbrachte. "Die zuständigen Stellen konnten uns nicht helfen. Sie konnten uns kein anderes Personal zur Verfügung stellen"“, begründete Martin Gebhardt damals seine Entscheidung.

Überlastung der Ärzte

Zur Zeit des Ausbruchs brannte es an allen Ecken und Enden. "Wir haben eben im Krisenstab mit einem Landkreis verabredet, dass die extremste Form dann nur noch eine umsorgende Pflege sein kann", sagte Gebhardt weiter. Eine weitere Erfahrung, die er damals auch machte: Häufig ging alles ganz schnell. Seine Mitarbeiter und die Unterstützung aus einem örtlichen Hospizdienst hätten berichtet, dass Menschen, die "am Morgen mit Symptomen auffällig wurden, am Abend schon tot waren". Es sei aber auch berichtet worden, "dass es ein sehr, sehr friedlicher Tod gewesen ist".

Gerade bei großen Corona-Ausbrüchen kommt es leicht zu einem Zeitverlust, der tragisch ist, sagt der Arzt Lothar Ritter. Er hat viele Corona-Patienten in sächsischen Heimen betreut und hat in mehreren Heimen erlebt, wie es dramatisch wurde. Ärzte, Personal in den Pflegeheimen – "es waren einfach alle überarbeitet". Da sei manchmal zu viel Zeit vergangen. So sei es denkbar, dass der Arzt informiert wurde, dieser aber noch in der Praxis zu tun hatte, man abwartete – um dann, wenn es dem Patienten schlechter ging, doch den Notarzt zu rufen. "Aber ehe dann der Notarzt kommt, ist es doch zu spät. Da kann man dann gar nicht mehr helfen."

Sowohl von Patientenschützern als aus der Politik kommt die Forderung, sich intensiv mit den Gründen auseinander zu setzen, warum es so viele Heimbewohner sind, die an Corona sterben, ohne eine Klinik erreicht zu haben. Dieses Thema müsse in der Gesellschaft diskutiert werden.

Quelle: MDR exakt / mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 31. März 2021 | 20:15 Uhr

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