Zusammenhalt vs. Spaltung Das "Wir-Gefühl" leidet in Deutschland

Nastassja von der Weiden
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

"Die Krise als Chance", "Gemeinsam stark" oder "Neustart" – die anfänglichen Motivationssätze und Schlagworte zur Corona-Situation wurden längst abgelöst von "Spaltung", "Gegeneinander" und "Endlosschleife". Das Gefühl der Ohnmacht, die immer wieder neuen Maßnahmen, die Öffnungen und Schließungen von Freizeit-, Kunst- und Kulturräumen erschweren den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Frau in Quarantäne schaut aus de Fenster
Wo ist das "Wir-Gefühl" hin? Bildrechte: dpa

Zusammenhalt leidet

Die Mehrheit der Deutschen glaubt, dass die Pandemie den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinträchtigt hat. Das geht aus einer Umfrage der Wohlfahrtsorganisation Caritas hervor.

72 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Befragung sind der Meinung, der gesellschaftliche Zusammenhalt habe durch die Pandemie gelitten, darunter meinen 37 Prozent der Befragten, der gesellschaftliche Zusammenhalt habe in der Pandemie sogar deutlich gelitten. Demgegenüber sagten nur fünf Prozent, der Zusammenhalt habe deutlich zugenommen.

Umfrage der Caritas

Das Umfrageinstitut forsa hat im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes eine repräsentative telefonische Umfrage durchgeführt. Ein Teil der Fragen wurde zwischen dem 15. und 17. Dezember 2021 gestellt, ein anderer Teil in der ersten Januarwoche 2022, jeweils an 1.000 Personen über 14 Jahre.

Gemeinschaft im zweiten Jahr der Pandemie

Lehrpersonal, Gesundheitsämter, Kinder, Jugendliche, Familien, Ältere, Menschen mit Behinderung, Singles... die Liste derjenigen, die physisch und psychisch unter der Corona-Situation leiden, immer noch, immer wieder, lässt sich nahezu endlos fortführen. Vor allem das Pflegepersonal in Kliniken ist überlastet und viele von ihnen denken darüber nach den Beruf aufzugeben.

Gesundheitspersonal "am Limit", eine neue Virusvariante, ein neuer Maßnahmenkatalog: alles wie immer? So einfach ist es nicht; besonders nicht für die, die unmittelbar betroffen sind. Die Signale aus der Praxis seien besorgniserregend, sagt Eva Welskop-Deffaa, die Präsidentin der Caritas, zu den Ergebnissen der Umfrage:

Viele Pflegekräfte sind ausgebrannt. Sozialarbeiterinnen verzweifeln im Angesicht von Jugendlichen mit Essstörungen und Kindern mit Angststörungen. Unsere Beratungsstellen sind überlaufen, viele Klientinnen und Klienten wissen nicht weiter.

Eva Welskop-Deffaa Präsidentin deutscher Caritas-Verband

Im Osten weniger soziale Angebote

Und gerade diese Menschen sind besonders wichtig für den Zusammenhalt: Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass Institutionen, bei denen sich Menschen ehrenamtlich für andere engagieren derzeit am meisten dazu beigetragen, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Knapp dahinter, an zweiter Stelle, finden sich Anbieter von sozialen Hilfen (mit 60 Prozent Zustimmung).

Günter Reich, Familientherapeut und Professor an der Uni Göttingen 19 min
Bildrechte: privat

Im Osten heben allerdings nur 45 Prozent der Befragten den Beitrag sozialer Hilfsanbieter als besonders wichtig hervor, während die Zustimmung im Westen bei 63 Prozent liegt. Die soziale Infrastruktur – unter anderem Schuldnerberatungsstellen und Wohnungslosenhilfe – sei nicht in allen Teilen Deutschlands gleich gut ausgebaut. Das spiegele sich in den Ergebnissen der Befragung wider, sagt Welskop-Deffaa.

Kulturelle Orte (21 Prozent), soziale Medien und soziale Netzwerke (24 Prozent) und die Politik (31 Prozent) werden bundesweit deutlich weniger als Zusammenhaltstifter benannt. Bildungseinrichtungen (47 Prozent) und klassische Medien (33 Prozent) liegen dazwischen. Die Einschätzung zu kulturellen Räumen ist dabei vermutlich in einigen Bundesländern ihrer Abwesenheit durch Schließung geschuldet.

Wo ist das "Wir-Gefühl"?

Die viel zitierte gesellschaftliche Spaltung wird also weiter größer, auf mehreren Ebenen. Auch das Alter spielt eine Rolle: Von den befragten 14- bis 29-Jährigen werten nur 17 Prozent den Beitrag der Politik zum gesellschaftlichen Zusammenhalt als wichtig oder sehr wichtig. Bei ihnen liegt die Politik damit auf dem letzten Platz der Skala der Zusammenhaltstifter.

Die Studie der Caritas bestätigt, was vielen im zweiten Corona-Jahr begegnet: Das "Wir-Gefühl" schwindet. Die Studie stellt allerdings auch heraus, dass es – trotz allem – weiterhin engagierte Menschen in sozialen Einrichtungen gibt, die einen Unterschied machen. Für Einzelne, für die Gesellschaft.

Quelle: Caritas, MDR AKTUELL/vdw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 17. Januar 2022 | 19:00 Uhr

112 Kommentare

dimehl vor 16 Wochen

Das Zitat wird schon lange gerne verwendet.
Ich kann dies nicht ganz nachvollziehen:
Zum Einen:
Kann es sein, dass dies nur so lange galt, wie es den Interessen preußischer Herrschaft diente und an den Macht- und sonstigen Verhältnissen in Preußen nicht allzuviel änderte ?
Zum Anderen:
Wer kam ins Preußen Friedrich des Großen und wer kam dann in späteren Zeiten ?

AlexLeipzig vor 16 Wochen

O.B., Sie kennen mich nicht im Geringsten! Ausgerechnet "die Ärzte", meine Lieblingsband der deutschsprachigen Musik :-)!!! Da fällt mir doch gleich der stumme Schrei nach Liebe ein...

Eulenspiegel vor 16 Wochen

Hallo O.B.
Ich denke zur Freiheit und Demokratie gehören eben nicht nur Rechte sondern auch Pflichten. So z. B. die Pflicht die Grundrechte der Mitmenschen zu achten und zu respektieren. Denn dadurch findet die Freiheit des Einzelnen seine Grenzen. Oder anders ausgedrückt mein Recht endet da wo das Recht des nächsten anfängt.
Ich denk das Problem ist doch nicht das da Leute gegen die Korona Maßnahmen demonstrieren sondern die Art und weise wie sie es tun.
Und damit kommen wir doch gar nicht an den Rechten Schlägern oder Randalierern vorbei.

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