Vertragsarbeiter aus der DDR Mehr als Asia-Imbiss: Vietnamesen in Ostdeutschland

Viele Leipziger Vietnamesen kamen zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter. Wenige wollen über die Zeit vor und kurz nach der Wende berichten. Während die zweite Generation auch heute noch mit Rassismus im Alltag zu kämpfen hat.

Zwei junge Frauen sitzen an einem Cafétisch und unterhalten sich
Die zweite Generation: Sowohl die Eltern von Linh (links) als auch die von Nhi sind nach der Wiedervereinigung geblieben und haben sich unter schweren Bedingungen ein neues Leben aufgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich will nicht gefragt werden, warum ich so gut Deutsch spreche", sagt Linh, die in Leipzig geboren wurde. Die Viet-Deutsche in der zweiten Generation möchte diesen Alltagsrassismus nicht mehr hören müssen. Ihre Eltern sind kurz vor der Wende als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, nach der Wiedervereinigung geblieben und haben sich unter schweren Bedingungen ein neues Leben aufgebaut. Das kennt auch die Reporterin Nhi Le, die aus einer Kleinstadt in Thüringen kommt.

Es sind unbekannte und oft unerzählte Geschichten – diese verstecken sich hinter den Markisen und Schaufenstern der vietnamesischen Geschäfte, die in vielen Orten Ostdeutschlands zum Stadtbild gehören. Linh kennt einige dieser Geschichten: Sie arbeitet bei der Stadtverwaltung in Leipzig, ist Mitglied des Migrantenbeirates und engagiert sich für Vietnamesen in der Messe-Metropole.

Mit derzeit 3500 Vietnamesen gibt es in Leipzig die "zweitgrößte Community in Deutschland", berichtet Linh. Die erste Generation der Viet-Deutschen habe sich nach der Wende hauptsächlich in die Selbstständigkeit gerettet – in eher kleine oder mittelständische Unternehmen. Typische Beispiele dafür seien Obst&Gemüse-Läden, Geschenke-Shops oder Schneidereien. Ein weiteres: Der "Asia-Imbiss oder das Asia-Restaurant. Meine Eltern haben zum Beispiele einen Imbiss. Ich bin also ein typisches Gastro-Kind."

Vietnam war nach 20 Jahren Krieg mit USA zerstört

Die Eltern von Linh sind kurz vor der Wende nach Leipzig gekommen. "Ihr Plan war es, zehn Jahre zu ackern, dann viel Vermögen zu haben und anschließend mit einem Moped heimzukehren." Doch nach dem Mauerfall hätten sie sich entschieden zu bleiben. "Das finde ich auch cool." Doch über diese Zeit wollten ihre Eltern kaum reden.

Ein vietnamesischer Mann steht hinter einer Theke.
Nguyen ist nach der Wende in Deutschland geblieben, weil er eine Frau gefunden hatte. Bildrechte: MDR exakt

Einer, der mit Nhi Le über diese schwere Zeit reden will, ist Herr Nguyen aus Magdeburg. Er betreibt heute ein Restaurant in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt. Dort ist er bereits vor knapp 40 Jahren angekommen. "Warum sind wir gekommen? Unsere Heimat war nach 20 Jahren Krieg mit den USA total kaputt gewesen." Es gab viele junge Vietnamesen, doch in der Heimat keine Arbeit. "Wir sind nur gekommen, um zu arbeiten, arbeiten, arbeiten."

Nguyen hatte Dreher gelernt und kam mit 22 Jahren in der DDR an. Von 1982 bis 1990 hat er dann in seinem Beruf gearbeitet. "Ich bin dann nicht zurück, weil ich eine Frau kennengelernt habe. Wir haben ein Kind geboren. Ich habe mir Sorgen gemacht", sagt Nyugen. Nachdem er so lange aus seiner Heimat weggewesen war, habe er keine Kontakte mehr im Vietnam gehabt. Seine Eltern seien bereits lange zuvor gestorben. Also sei er bis heute in Magdeburg geblieben.

Vertragsarbeiter bleibt in Magdeburg mit Frau und Kind

"Meine Frau war auch eine Vertragsarbeiterin. Sie arbeitete im Kinderbekleidungswerk. Wir haben uns verliebt", sagt Nyugen. Doch diese Liebe hatte es schwer. Ein gemeinsames Leben war in der DDR verboten.

Die Regeln besagten: Wir sind hier um zu arbeiten, nicht um zu heiraten.

Herr Nguyen Ehemaliger Gastarbeiter in der DDR

Deshalb sind die Vietnamesinnen in ihren DDR-Unterkünften abgeschottet worden. Eine Schwangerschaft oder Familiengründung sollte unbedingt verhindert werden. Wer doch schwanger wurde, wurde abgeschoben oder sogar zur Abtreibung gezwungen. Nguyen hatte aber Glück. Sein Fall war anders, da er und seine Frau zum Zeitpunkt der Schwangerschaft schon den ständigen Wohnsitz bewilligt bekommen hatten.

Doch leicht war auch die folgende Zeit nicht. In den Neunziger Jahren mangelte es an Arbeit für viele Menschen in Ostdeutschland. "Wir sind Ausländer. Wir hatten auch keine Arbeit", sagt Nguyen.  "Die Glatzköpfe dachten, wir hätten die Arbeitsplätze der Deutschen geklaut. Aber das stimmt nicht."

Viele Angriffe von Rechtsextremisten

In den ersten Jahren nach der Wende sei viel passiert, berichtet Nguyen. "Meine Familie wurde sieben Mal in einem Jahr angegriffen. Meine Wohnung war kaputt. Meine Sachen wurden geklaut." Er habe sich mit Rechtsextremen prügeln müssen. Er habe es der Polizei gemeldet, doch damals habe es wenig Unterstützung gegeben.

zwei junge Frauen sitzen an einem Tisch 15 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dennoch: Er blieb mit seiner Familie. "Wir haben mit vielen Menschen in Vietnam telefoniert. Doch als sie zurückgekehrt sind, haben sie auch dort keine Arbeit gefunden", sagt Nguyen. Also hätten die wenigen verbliebenen Vertragsarbeiter beim Arbeitsamt gefragt, wie man sich selbstständig macht. Denn es musste irgendwie Geld für die Miete verdient werden. "Wir haben immer gesagt, wir bleiben in Deutschland. Egal wie schwer es ist." Nguyen startete mit einem Imbisswagen – also wie so viele Vietnamesen in der Gastronomie.

Dass Nguyen sich so öffnet, ist offenbar eine Ausnahme. Die Eltern von Linh reden über ihre Erfahrungen als Vertragsarbeiter nur ungern. "Ich hätte ich es gerne, dass unsere erste Generation offener wird", sagt die junge Frau aus Leipzig. "Dass sie freiwillig über ihre Geschichten erzählt und dass ihnen natürlich auch zugehört wird. Und dass man auch auf sie zugeht und fragt, wie war das damals. Es interessiert keinen und ich glaube, deshalb schweigen sie auch."

Quelle: MDR exactly/ mpö

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