Gendersternchen mit Schriftzug Innen und Duden
Die deutsche Sprache ist eine geschlechtsbasierte Sprache. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Linguistik Warum unterscheidet die deutsche Sprache zwischen Geschlechtern?

01. Juni 2023, 05:00 Uhr

Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer: Die deutsche Sprache ist eine geschlechtsbasierte Sprache. Im Unterschied zu anderen Sprachen wie beispielsweise dem Englischen wird häufig zwischen männlicher und weiblicher Form unterscheiden. Ein MDR-AKTUELL-Hörer fragt nach den Hintergründen. Die Unterscheidung zwischen Geschlechtern gehe dabei weit zurück, erklärt die Sprachexpertin Renata Szczepaniak.

Über den Umgang mit den Geschlechtern in der Sprache kann man trefflich streiten – und das macht man ja auch. Denn die Trennung der Geschlechter ist im Fundament der deutschen Sprache angelegt. Fast jedes Substantiv ist der oder die und das sei auch schon ganz zu Beginn der Sprachgeschichte im Althochdeutschen vor 1.500 Jahren so gewesen, erklärt Renata Szczepaniak.

Deutsch als geschlechtsbasierte Sprache

Sie ist Professorin an der Universität Leipzig und befasst sich mit der Geschichte der deutschen Sprache, wo man schon zu Beginn die Trennung findet: "Sowas wie Herzogin oder Feindin, aber auch viele Tiere wie Löwin, Eselin, Fuchsin. Das geht viel weiter als das, was wir uns heute vorstellen könne. Auch Elchin ist möglich. In der althochdeutschen Zeit ist das Suffix -in, also diese Endung, vor allem dafür da, um weiblich Personen zu bezeichnen."

Weil das Geschlecht im Deutschen so wichtig ist, sprechen Fachleute vom Deutschen als einer Genus-Sprache, also einer geschlechtsbasierten Sprache. Das bedeutet auch: "Im Großteil des Wortschatzes müssen wir uns entscheiden, ob wir maskuline Formen weiter tatsächlich geschlechtsübergreifend oder ob wir verschiedene Formen verwenden möchten, wie zum Beispiel die Benennungen Bäcker und Bäckerinnen, um die gesamte Breite – je nachdem wie man das sieht – an geschlechtlichen Identitätsmodellen abzudecken", erklärt Szczepaniak.

Scrabble-Buchstaben bilden die Worte: Schauspielerin, Gendern und Stern. Daneben ein Bild der Autorin des Beitrags bei ihrer Arbeit für den Video-Beitrag. 13 min
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Sprachwissenschaftlerin: Deutsche Sprache hat Grenzen

In Freiburg erforscht Helga Kotthoff die deutsche Sprache. Seit Jahrzehnten befasst sich die Professorin für deutsche Sprachwissenschaft auch mit den Geschlechtern in der Sprache. Trennt die deutsche Sprache am Ende auch die Gesellschaft? "Die Frage finde ich total berechtigt. Ich sage mal, da ist etwas dran, dass so eine Dauerunterteilung wie Hörer und Hörerinnen in Richtung Unterschiede auch eine Wirkung hat."

Dabei habe das Deutsche wie es im Moment gebräuchlich ist Grenzen, wenn es um Geschlechter geht, erklärt Kotthoff. Das zeige sich an umstrittenen Formen wie Lehrer_innen oder Pfleger_innen. Der Satz: Hier arbeiten Lehrer_innen bedeute dem Hören nach ja, dass Lehrer innen arbeiten und nicht außen und nicht, dass es um verschiedene Geschlechter geht.

Es gibt aber einige überregionale Tageszeitungen, die zumindest aus Kotthoffs Sicht einen gangbaren Weg gefunden haben, wenn es um Geschlechter geht: "Die schreiben zum Beispiel Regisseurinnen, Kameraleute und Schauspieler gingen über den roten Teppich. Da stutzt man dann und denkt, ach Regisseurinnen, da sind nur die Frauen über den roten Teppich gegangen, aber dann wird einem klar, dass das geschlechterübergreifend gemeint war. Ich denke, das ist viel eher der Weg."

Figuren mit jeweils einer Hose, einem Kleid und sowohl Hose als auch Kleid. Ein Finger berührt ein im Bild platziertes Gendersternchen. Zusätzlich der Animationstitel: Die Formen des Genderns. 2 min
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2 min

Liebe Leser...oder besser: Liebe Leserinnen und Leser...oder vielleicht: Liebe Lesende? Und was ist mit: Liebe Leser*innen? Wir geben einen kurzen Überblick über die verschiedenen Formen des Genderns.

Fr 19.11.2021 10:10Uhr 01:38 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/animation-formen-des-genderns-100.html

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Kotthoff: Vergleich mit Englisch ist kompliziert

Der viel bemühte Vergleich mit dem Englischen sei kompliziert, sagt die Wissenschaftlerin. Denn das Englische lege weitaus weniger Wert auf das Geschlecht, auch wenn es hier Geschlechtsbezeichnungen gebe, seien ganz viele Substantive ungeschlechtlich.

Der Vergleich lohnt trotzdem betont Renata Szczepaniak – nur die Erwartungen müssen passen: "Es ist immer interessant zu schauen, wie es denn in einer anderen Sprache aussieht. Aber man kann nicht erwarten, weil die Sprachen so unterschiedlich sind, dass die Lösungen einer anderen Sprache in der eigenen Sprache aufgeht." Das sei so leider nicht möglich, sagt Szczepaniak

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 01. Juni 2023 | 06:00 Uhr

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