Thüringen Stadt, Land, Drogen – das Crystal-Problem der Jugendlichen

Teile Deutschlands sind überschwemmt von Crystal Meth. Gerade unter Jugendlichen ist die Droge beliebt - besonders auf dem Land. Doch was reizt einen jungen Menschen daran und was denkt er über seine Sucht?

Nachaufnahme von Crystalmeth
"Ich komme in Kahla leichter an Crystal als in Jena", berichtete Alex. beim ersten Treffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aufgekratzt wirkt der schmale 17 –jährige Alex als MDR exakt ihn das erste Mal trifft. Seine Worte über seine Drogenvergangenheit sprudeln nur so aus ihm heraus. Und das obwohl Crystal Meth sein Leben brutal ausgebremst hat. Er ist in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Trotzdem gab es in seinem Leben eine Leere, die ihn irgendwann zu Drogen greifen ließ. "Es gibt eben weniger Freizeitangebote und man kann auch einfach den ganzen Tag Drogen nehmen. Warum nicht", sagt er im Herbst 2019. Der Jugendliche stammt aus dem kleinen Ort Kahla in Thüringen und der Konsum habe "Spaß gemacht", berichtet Alex. "Es macht glücklich, man ist extrem konzentriert, ausdauernd. Man hat Motivation alles zu tun. Man hat unendlich Energie."

Doch das Methamphetamin, das eine dramatische Konjunktur in Thüringen hat und Menschen in seelische und körperliche Wracks verwandeln kann, hat auch im Leben von Alex irgendwann für Chaos gesorgt. "Man merkt schon, dass man geistig nicht mehr so richtig fit ist." Es fiel ihm auch manchmal schwer, seinen Tagesablauf zu planen. Alex musste sein Abitur und eine Ausbildung abrechen. Er rutschte immer weiter ab.

Crystal ist überall

Die billige Droge ist überall zu kriegen, in jeder Kleinstadt, in vielen Dörfern. Dies spiegelt sich auch im Kriminalitätsatlas von Thüringen bei der Auflistung der Rauschgift-Straftaten wider. Einen Löwenanteil der  Delikte macht Crystal aus. In 67 Dörfern, Klein- und Mittelstädten werden zum Teil deutlich mehr Rauschgiftstraftaten gezählt, als im Thüringer Durchschnitt – wenn die Zahlen der Delikte aus der Kriminalitätsstatistik 2019 hochgerechnet werden auf 100.000 Einwohner – die sogenannte Häufigkeitszahl.

"Ich komme in Kahla leichter an Crystal als in Jena", erzählt Alex. Seine Heimatstadt hat knapp 7.000 Einwohner, zwei weiterführende Schulen und eine bemerkenswerte Drogenszene. "Ich habe ungefähr fünf bis zehn Nummern im Handy, die ich anrufen könnte, um mir etwas zu besorgen."

Alex nahm Crystal und kiffte. Dann wurde er verurteilt: "Wegen Beschaffungskriminalität", sagt er. Die Verhandlung sei mit seinem damaligen besten Freund und einem Mittäter gewesen. "Ich habe zwar die geringste Strafe bekommen, aber ich muss ein Jahr weg, in eine Jugendhilfeeinrichtung", sagte der dunkelblonde junge Mann. Alex erhält vom Gericht die Auflage seine Sucht therapieren zu lassen.

Keine Zeit, keine Alternative?

Der Vater von Alex ist ein vielbeschäftigter und gutverdienender Unternehmer. Er macht sich Vorwürfe, zu wenig Zeit mit seinem Sohn verbracht zu haben, sieht aber auch strukturelle Defizite in den Kommunen. "Es ist viel weggebrochen in den kleinen Städten", sagt Steffen Behrendt. Die soziale Betreuung wie Jugendklubs oder Sportklubs werde immer weniger. "Bäder schließen, Kinos schließen. Aber wo soll man als Jugendlicher hin?"

Mann
Der Vater von Alex sagt, dass er damals nicht das rechte Maß gefunden hätte, um auch auf die Sorgen und Nöte des Kindes einzugehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf der anderen Seite kostet auch die Arbeit die Eltern viel Zeit. Zeit, die für das Kind fehlte. "Wenn man jeden Tag anderthalb Stunden auf Autobahnen und in Zügen verbringt, um der Arbeit nachzugehen, dann fehlt uns auch diese Zeit für die Kinder", gibt Steffen Behrendt zu. "Das Pendeln und der Zeitfaktor sind die Hauptprobleme, die den familiären Rahmen in der Freizeitgestaltung sprengen." Das rechte Maß, um auch auf die Sorgen und Nöte des Kindes einzugehen, hätten er und seine Frau damals nicht gefunden.

"Sich kümmern ist das Wesentliche. Vernachlässigt man das, hat man ein stückweit auch die Kontrolle verloren", sagt der Vater von Alex. Steffen Behrendt fährt jetzt alle zwei Wochen in die Therapieeinrichtung seines Sohnes. Er nimmt sich mehr Zeit für sein Kind, als früher, als Alex noch in seiner Nähe war.

In die Therapie als Jugendlicher

Denn jetzt lebt der inzwischen 18-Jährige im Sinntal in Hessen – 200 Kilometer von der Heimat entfernt. Dort gibt es eine der wenigen Suchttherapie-Einrichtungen in Deutschland, die ausschließlich mit minderjährigen Abhängigen arbeitet. Fast alle der Jugendlichen, die derzeit im Sinntal sind, kommen aus Ostdeutschland und alle sind auf Grund von Drogenerfahrungen hier, berichtet die Chefin der Einrichtung, Christine Zeller. "In den letzten Jahren ist es Crystal, das bei den meisten die Hauptdroge ist."

Gebäude
Im Sinntal gibt es eine der wenigen Suchttherapie-Einrichtungen, die nur mit minderjährigen Abhängigen arbeitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In dieser Jugendtherapie gelten strenge Regeln. Handys sind verboten. Es gibt einen engen Tagesablauf. Schule, Sport, viel Bewegung im Freien oder Arbeitstherapien sind vorgeschrieben. Viel Zeit wird an der frischen Luft zwischen großen Bäumen und altehrwürdigen Gemäuern verbracht.  

Ein Ziel: Sanitäter

Alex hat mehr Farbe im Gesicht als vor einem Jahr. Die Statur ist stabiler geworden. Er redet immer noch schnell, aber langsamer als vor Beginn der Therapie. Langeweile, wie in Kahla, gibt es hier nicht. Die Tage sind ausgefüllt mit Aktivitäten und Aufgaben. Alles ist sehr strukturiert. Im Sommer ging es mit der ganzen Wohngruppe für sechs Wochen in die Türkei.

Alex sagt, dass er im Sinntal zur Ruhe gekommen sei. Nach einem Jahr ohne Drogen kämen auch seine kognitiven Fähigkeiten zurück. Früher hatte er an Schach-Olympiaden teilgenommen, heute erklärt den anderen Jugendlichen in der Einrichtung Physik und die Schwerkraft.

"Alex ist auf einem guten Weg", berichtetdie Leiterin Christine Zeller. "Es gibt viele Dinge, die für eine gute Prognose sprechen: Das Elternhaus, er hat einen Schulabschluss, er ist gebildet, er ist willensstark." Experten wissen, dass es statistisch gesehen drei Therapieanläufe bedarf, um endgültig der Sucht zu entkommen. Vielleicht klappt es bei Alex bereits jetzt. Der junge Mann hat ein Ziel: Er will Rettungssanitäter werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 17. Februar 2021 | 20:15 Uhr

4 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 31 Wochen

Crystal, Cannabis, Koka, Alk, Nicotin, Tabletten.......... Herz was willst du mehr.
Trotz aller Erfolgsmeldungen von Zoll & Polizei sieht der Alltag in (Drogen)- Deutschland beängstigend traurig aus. Die offiziellen, amtlichen Zahlen des Drogenkonsums zu Grunde gelegt, kommt einem bei einer sicher vorhandenen Dunkelziffer das kalte Grausen.

wer auch immer vor 31 Wochen

Wenn man sich nicht selber sinnvoll beschäftigen kann, auch abseits einer Großstadt, nur meint in einer Spaßgesellschaft zu leben, kommt man auf irrwitzige Ideen.
Raus gehen, alten Menschen helfen uvm.

MarcIl vor 31 Wochen

Richtig, zudem schützten uns Behörden vor Drogen. Auch daran kann man durchaus erinnern.

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