Klimawandel Dürrejahre trocknen Mitteldeutschland aus

Klimaforscher schlagen schon lange Alarm. Das Wetter hat sich spürbar verändert. Extreme Trockenheit. Wenig Regen. Dürre Zeiten, von denen immer mehr Menschen betroffen sind. Wir haben drei Regionen in Mitteldeutschland besucht, in denen der Klimawandel schon jetzt dramatische Auswirkungen hat.

Dürre Zeiten
Die Dürre bereitet Menschen in immer mehr Regionen in Mitteldeutschland Sorgen. Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Angst ums Wasser

Ernteverluste, Baumsterben, versiegende Quellen, trockene Bachläufe: Das Klima in Mitteldeutschland verändert sich spürbar. Seit drei Jahren erleben wir im Sommer extreme Trockenheit und Hitzewellen. Beim Regen werden nie dagewesene Rekord-Niedrigwerte gemessen. Grundwasserpegel sinken. Wasserspeicher bleiben leer. Nach der Trockenheit ist der Klimawandel nun verstärkt auch beim Wasser zu spüren.

Professor Dietrich Borchardt weiß, was es heißt, wenn der Boden trocken ist. Der Hydrobiologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg erforscht seit Jahrzehnten unsere Wasserressourcen: "Wir haben es mit drei Trockenjahren in Folge zu tun, in denen wir ungewöhnlich wenig Niederschlag hatten. Aber auch unterschiedliche Verteilung."

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Prof. Dr. Dietrich Borchardt, Leiter des Department Aquatische Ökosystemanalyse und Management, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Wir sind in einer Klimawandelzeit und wir sind in einer Zeit, in der wir es in Zukunft mehr mit Wetterextremen zu tun bekommen. Die Messdaten sagen uns in Deutschland und belegen es eindeutig, dass der Klimawandel angekommen ist.

Prof. Dr. Dietrich Borchardt

Ein halbes Jahr kein Wasser im Brunnen

Besonders in "Brunnendörfern" versiegen wegen der außergewöhnlichen Trockenheit Quellen oder sprudeln nicht mehr das ganze Jahr. Ob im Harz, im Erzgebirge oder im Thüringer Wald, besonders in den höheren Lagen Leben Menschen von Quellwasser und hier wird die Versorgung zunehmend ein ernsthaftes Problem. Dürre Zeiten, von denen besonders die Menschen im Erzgebirgs-Brunnen-Dorf Rübenau bedroht sind.

In keinem anderen Dorf in Sachsen wohnen die Menschen so weit auseinander. Seit Jahrhunderten sind die Haushalte in der Streusiedlung auf Wasser aus eigenen Brunnen angewiesen. Im Hitzejahr 2018 haben hier die Quellen der Hausbrunnen teilweise ein halbes Jahr aufgehört zu sprudeln. 230 Grundstücke haben eigene Brunnen. "Wenn die Trockenheit weiter so bleibt oder sich gar verstetigt, dann ist die Trinkwasserversorgung auf Dauer nicht gesichert. Dieses Problem bereitet uns große Sorgen", sagt Marienbergs Oberbürgermeister André Heinrich.

Von der Trockenheit ist inzwischen auch der Wasserversorger betroffen. Die Hälfte der Grundstücke von Rübenau werden mit einer Trinkwasserleitung versorgt, die sich aus zwei kleinen Quellgebieten speist. "Den Tiefbrunnen mussten wir aufgrund der extremen Trockenheit im Jahre 2018 neu errichten, da in den vorhandenen Quellgebieten kaum noch Wasser gewonnen werden konnte", sagt Jörg Roscher, Produktionsleiter von der Erzgebirge Trinkwasser GmbH. Den gesamten Ort mit einem Trinkwassernetz zu versorgen ist kaum möglich.

Es müssten neue Wassergewinnungsanlagen errichtet und bis zu 25 Kilometer Rohrleitungen verlegt werden. Die Kosten werden auf bis zu acht Millionen Euro geschätzt. Jeder Haushalt müsste sich mit rund 5.500 Euro beteiligen. Bisher führten die Brunnen in den Gebirgsdörfern des Erzgebirges immer genügend Wasser. Die Menschen wollten daher gar kein zentrales Trinkwassernetz – auch wegen der hohen Anschlusskosten. Lange Wege, wenig Anschlüsse: Wirtschaftlich kann ein Trinkwassernetz in Rübenau kaum betrieben werden.

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Kein Wasser im Brunnen. Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Viele Bewohner haben in den letzten Jahren neue Brunnen in tiefere Grundwasser-Schichten gebohrt, um nicht auf dem Trockenem zu sitzen. Eine Entwicklung, die die Menschen in Rübenau auch spaltet. Einige im Ort fürchten, dass dadurch der Grundwasserspiegel weiter absinken könnte. "Da Wasser lebensnotwendig ist, ist die Diskussion wenn es an die Existenz und Substanz geht natürlich auch sehr aufgeheizt. Die Bedenken, dass der eine dem anderen die Wasserader abklemmt, kann ich mir vorstellen", sagt Anwohnerin Sabine Voigtmann-Helmert.

Angst vor Versteppung

Dramatische Auswirkungen zeigt die Wetterveränderung auch in Teilen Sachsen-Anhalts. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld schlagen die Einwohner Alarm. Ganze Bäche, Quellen und Feuchtgebiete sind verlandet. Mitten in der Urlaubsregion Fläming liegt der kleine Ort Deetz. Die letzten Dürre- und Hitze-Jahre haben die Sand- und Kiesböden hier bis in die tiefen Schichten austrocknen lassen. Der Grundwasserspiegel ist deutlich gesunken. Brigitte Gube hat Angst um ihre Heimat. Die Anwohnerin hat noch nie so trockene Jahre erlebt.

Dürre Zeiten
Brigitte Gube aus Deetz in Sachsen-Anhalt Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Leider kann ich es mir jetzt vorstellen, dass es hier versteppt. Vor 2018 habe ich es noch nicht gedacht, dass es so krass wird. Ich würde mein Haus gerne nehmen und woanders wohnen.

Brigitte Gube

Die Dürre-Zeiten in Deetz erhitzen auch die Gemüter. Es herrscht Krisenstimmung im Dorf. Denn seitdem es kaum noch regnet, taucht ein alter Vorwurf wieder auf. Die Menschen im Ort glauben, dass der Trinkwasserversorger täglich zu viel Grundwasser aus dem Boden der Region abpumpt. "Seit Anfang der 90er-Jahre haben wir die Situation ertragen müssen und ich muss auch sagen können, weil wir immer von oben noch etwas Regen bekommen haben. Jetzt eskaliert die Situation, weil von oben nix mehr kommt", so Kees de Vries, CDU-Bundestagsabgeordneter und Landwirt aus Deetz.

Das Wasserwerk in Lindau versorgt rund 150.000 Menschen in Sachsen-Anhalt. Täglich zwischen 20.000 und 22.000 Kubikmeter Grundwasser werden aus der Erde gesaugt. In den letzten drei Jahren ist der Grundwasserspiegel in den tiefen Schichten um rund 1,20 Meter abgesunken.

Dass die zuständige Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH die Region trocken pumpt, kann Unternehmenssprecher Peter Bogel nicht bestätigen. "Wir haben Wasserrechte, die wir nutzen. Wir sind unter strenger behördlicher Kontrolle. Wir machen nur das, was uns genehmigt ist. Wir weisen das jedes Jahr in einem Gutachten nach." Die Landwirte und Menschen würden das Grundwasser im ersten Grundwasserleiter in zwei, drei Metern Tiefe nutzen und der Wasserversorger beziehe das Wasser aus bis zu 60 Metern Tiefe. "Das sind zwei unterschiedliche Schuhe. Also wir sind nicht dafür verantwortlich, dass es trocken ist", so Bogel.

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Wassermangel in Deetz, Sachsen Anhalt Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Hannelore Sachse sieht das anders. Sie betreibt seit langer Zeit eine Teichwirtschaft in Deetz. Doch wegen des Wassermangels kann sie nicht mehr abfischen. Das Wasser im Deetzer Teich ist um fast zwei Meter gesunken. "Der Teich ist 438 Jahre alt und er hatte niemals solchen Wassermangel. Ich habe seit 2018 kein Wasser mehr abgelassen. Wenn ich das gemacht hätte, hätten wir schon seit 2019 keinen Teich mehr", sagt Hannelore Sachse von der Teichwirtschaft Deetz. Jedes Jahr im Oktober organisierte sie, wie schon die Generationen vor ihr, das weit über den Ort hinaus bekannte "Deetzer Abfischen". Es war über Jahrhunderte der Höhepunkt im Dorfkalender. Doch seit zwei Jahre fällt es nun wegen der Dürre aus.

Grundwasserdefizite werden noch Jahre spürbar sein

Der Dürre-Monitor für Deutschland zeigt besonders in Sachsen-Anhalt eine große Trockenheit. Ob die Grundwasser-Defizite aufgefüllt werden können, hängt von der Regen-Entwicklung in den nächsten Monaten ab. "Wenn sich ein trockener Winter anschließt – für das Grundwasser sind die trockenen Winter die eigentlich kritische Bedingung –, dann wird sich das Defizit weiter vergrößern. Es müsste schon jetzt viele Monate eigentlich einen kontinuierlichen Landregen geben, damit wir die vorhandenen Defizite auffüllen. Das heißt, das Defizit was wir jetzt haben, wird sich auch in Jahren noch bemerkbar machen, selbst wenn wir wieder normale Niederschläge haben", so Prof. Dietrich Borchardt.

Die großen Niederschlags- und Grundwasserneubildungsdefizite haben sich in den letzten Jahren aufgeschaukelt und so wird ein Defizit von Jahr zu Jahr weitergegeben. "Der Wasserkreislauf hat ein langes Gedächtnis und reagiert mit entsprechenden Verzögerungen und aus diesem Grund ist es plausibel, dass Quellen austrocken an Stellen wo sie bisher Quellen waren", sagt Professor Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Eine Kleinstadt auf dem Trockenen

So richtig trocken ist es im thüringischen Artern. Die Stadt im Kyffhäuserkreis mit 6688 Einwohnern trägt seit diesem Jahr den traurigen Titel "Trockenster Ort Deutschlands". An keinen anderen Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) werden noch weniger Niederschläge registriert. Wer hier in der "Goldenen- und Diamantenen Aue", wie der Landstrich auch genannt wird, auf Regen wartet, wartet vergeblich.

In Artern regnet es so wenig wie in der mongolischen Steppe. Reihenweise sterben hier bereits die Bäume. Mehr als 300 vertrocknete Fichten und Birken im Ort musste der Bauhof schon fällen. Das Totholz verkauft die Gemeinde oder lässt im Sägewerk Bänke davon errichten. "Vor zwei Jahren war der zweite Sommer, wo es längere Zeit nicht geregnet hat, da konnte man selbst als Laie erkennen, die Bäume verändern sich, sie werden gelb und dürr", sagt Christine Wehling, Leiterin des Bauhofs in Artern.

Arterns Bürgermeister Torsten Blümel wird täglich mit dem Problem konfrontiert. Schuhe braucht der Bürgermeister nicht mehr zu putzen. Staubtrocken ist der Boden überall. "Klimaexperten sagen, dass das was wir jetzt hier in Artern erleben, sich nach und nach in Deutschland ausbreiten wird. Wir sind das Testfeld, was in den nächsten 30 bis 40 Jahren ringsum passieren wird", meint Blümel.

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Meteorologin Evelyn Lange vom Deutschen Wetterdienst (DWD) Bildrechte: MDR/Martin Reißmann

Meist regnet es in den Höhenzügen um Artern herum und nicht im Ort selbst. Entsprechend alarmierend sind die Regenmengen aus den Dürre- und Hitze-Jahren seit 2018, die pro Quadratmeter ausbleiben. Es fehlt eine gesamte Jahresmenge an Regen, stellt die Artener Meteorologin Evelyn Lange bei der Auswertung der letzten drei Jahre fest: "Wir brauchen den Regen. Seit 40 Jahren beobachte ich das. Es war immer recht wenig Niederschlag. Es war mal mehr wenig, mal weniger wenig." Inzwischen ist es ganz wenig, was in Artern von oben kommt. Die Dürre-Lage ist ernst. Längst wird überlegt, welche Bäume überhaupt auf Grund der Trockenheit zukünftig noch gepflanzt werden können.

Unsere Wälder werden sich laut Wasser- und Klimaforschern verändern. In der Landwirtschaft wird viel davon abhängen, wie wir bewässern müssen oder können. "In den Städten müssen wir Wege finden, die Hitzeperioden durch Umgestaltung erträglicher und damit Klimafest zu machen", so Prof. Dietrich Borchardt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 25. September 2020 | 16:00 Uhr

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