Böckler-Studie Einkommen im Osten auch preisbereinigt geringer als im Westen

Ein altes Vorurteil besagt, dass unterschiedlich hohe Mieten und Preise in Ost und West immer noch bestehende Lohnunterschiede einebnen. Eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts, das zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gehört, hat nun errechnet, dass das kaufkraftbereinigte Einkommen im Osten aber immer noch 12 Prozent unter dem Vergleichswert im Westen liegt.

Eine Kundin kauft im Einzelhandelsgeschäft „Staufers Markthalle“ ein und trägt eine FFP2-Maske.
Ostdeutsche haben durchschnittlich auch dann eine geringere Kaufkraft als Westdeutsche, wenn man Unterschiede etwa bei Miete und Lebenshaltungskosten mit einberechnet. Bildrechte: dpa

Preisunterschiede können wichtiger sein als Löhne. So könnte man die Ergebnisse der aktuellen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zusammenfassen. Neu ist dabei die Methode der Forscher: Sie untersuchten die Einkommen für alle 401 Kreise und Großstädte in Deutschland. Allerdings: preisbereinigt. Also staatliche Umverteilung und regionale Preisunterschiede mitbedacht. Studienautor Eric Seils erklärt:  

Wenn Sie in München wohnen, haben Sie in der Region München sehr hohe Mieten, Sie müssen sehr viel für Dienstleistungen bezahlen. Und dann ist eben das gleiche Einkommen zum Beispiel in Sachsen-Anhalt viel mehr wert als in München.

Eric Seils – Studienautor, Wirtschafts- & Sozialwissenschaftliches Institut

Preisbereinigte Einkommensliste

So kommt es zum Beispiel, dass die Kaufkraft in Chemnitz größer ist als die in Dresden. Die Schlusslichter dieser preisbereinigten Einkommensliste liegen übrigens im Ruhrgebiet: Gelsenkirchen und Duisburg mit rund 17.400 Euro. Halle ist dagegen auf dem viertletzten Platz mit knapp über 19.000 Euro pro Kopf-Einkommen. Und der Kreis Leipzig schneidet in Mitteldeutschland am besten ab – mit fast 24.000 Euro.

Nichtsdestotrotz wird die Spitze geführt von den üblichen Verdächtigen aus Baden-Württemberg und Bayern: Heilbronn und Starnberg. Generell profitiert der Osten von den niedrigen Preisen vor Ort, sagt Studienautor Seils, allerdings in einem bestimmten Rahmen: Die Leute könnten sich im Osten zwar mehr leisten, aber das führe lange nicht zu einer vollständigen Angleichung, sondern selbst preisbereinigt gebe es im Osten etwa 12 Prozent weniger Kaufkraft als durchschnittlich im Westen.

Die Einkommenslücke zwischen Ost und West wird allmählich geringer

Eric Seils vom WSI führt es unter anderem auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt zurück. So sei die Arbeitslosigkeit im Osten zwar weiterhin höher als im Westen, aber sie sei auch deutlich stärker gefallen und das habe auch die Löhne im Osten stärker ansteigen lassen als im Westen.

Aber damit können sie sich eben mehr kaufen in ihrer Stadt oder ihrem Kreis. Eine wichtige Rolle spielt dabei laut WSI-Studie die staatliche Umverteilung. Die Analyse zeigt, dass das System staatlicher Abgaben und Transfers, wie Kindergeld, Arbeitslosengeld oder Rente, einen erheblichen Beitrag zur Angleichung der Einkommen in der Bundesrepublik leistet.

Insgesamt gehen nur 24 Kreise aus dieser Umverteilung mit einem positiven Saldo hervor, allesamt aus Ostdeutschland. Der "Gewinner" ist übrigens der Landkreis Mansfeld/Südharz mit einem Plus von 1.715 Euro pro Kopf. Darauf folgt Görlitz.

Studienautor Seils sagt, man zahle im Osten weniger Abgaben als in den reichen Regionen im Westen. Im Osten würden dafür mehr Transferleistungen vom Staat ausgezahlt. Dabei gehe es hauptsächlich um die Rente. Und da es sehr viele alte Menschen im Osten gebe, "kommen eben auch sehr viele Transfers da an". 

Dass sich die Lücke zwischen Ost- und West-Gehältern wirklich schließt, sei in naher Zukunft nicht zu erwarten, sagt Eric Seils. Dafür seien die Unterschiede schlicht zu groß. Aber es sei besser geworden, das könne man positiv mitnehmen, findet der Wissenschaftler.

Reporter Ralf Geißler bei Oliver Holtemöller im Institut für Wirtschaftsforschung Halle. 25 min
Bildrechte: MDR / Isabel Theis

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. April 2022 | 09:00 Uhr

32 Kommentare

Nie wieder Sklaverei vor 41 Wochen

"im Westen gibt es vieles, was es im Osten nicht gibt.Und das wurde eben erstreikt."

Dann nennen sie doch mal ein Beispiel, was es im Osten nicht geben soll, aber im Westen geben soll, was erstreikt wurde.

Wenigstens nur ein Beispiel.

Ist das denn alles so schwer?

Wessi vor 41 Wochen

ab 1990 @ Bernd1951.Gerade hier wird doch beklagt, daß die tariflichen Vorteile im Osten vielfach nicht gelten.Gehen Sie einfach darauf ein, daß ich auf den "kleinen" antwortete.Ohne diesen Bezug auf meinen post einzugehen ist fehlerhaft.

Wessi vor 41 Wochen

Sie bewegen sich vom Thema weg @ Nie ... des weiteren: genau das, was Sie hier abstreiten wird doch bejammert: im Westen gibt es vieles, was es im Osten nicht gibt.Und das wurde eben erstreikt.Altersarmut gab es in diesem Umfang 1990 nicht.Aber wenn man so unsolidarisch ist+nicht in die Gewerkschaft eintritt...!

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