13. Integrationsgipfel Nur wenige Geflüchtete arbeiten bislang in Pflegeberufen

Am Dienstag findet der 13. Integrationsgipfel der Bundesregierung statt. Fragen zur Integration bewegen regelmäßig die Öffentlichkeit, spätestens seit der Ankunft Hunderttausender Geflüchteter im Spätsommer 2015. Eine Hoffnung damals: Die Geflüchteten könnten helfen, die Löcher in der Pflege zu stopfen. Was ist daraus geworden?

Mohamed Tazout und die Seniorin Marlene sitzen freundlich zusammen in einer Senioren-WG
In der Pflege arbeiten hierzulande nur wenige Geflüchtete. (Archivbild vom 11.10.2018) Bildrechte: dpa

Mohamed Jamshed Azizi ist 2015 aus Afghanistan geflüchtet. Dort hatte er bereits zwei Jahre Pharmazie studiert. Nach seiner Ankunft standen erst einmal Deutschkurse auf dem Programm. Einen Arbeitsplatz zu finden, sei damals schwer gewesen, weil er kein Deutsch sprechen konnte, sagt Azizi. "Aber ansonsten war es okay, alles gut gelaufen."

Gut Hunderttausend Altenpfleger fehlen

Zweieinhalb Jahre arbeitete Azizi als Pflegehelfer in der Stiftung Marthahaus in Halle. Nun ist er Teil des Hygieneteams an der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Halberstadt. Er führt Corona-Tests durch und übersetzt. Die Arbeit gefalle ihm, weil er den Leuten helfe, die gerade ganz neu nach Deutschland gekommen seien, erzählt Azizi.

Allein in der Altenpflege fehlen in Deutschland einer Studie der Universität Bremen zufolge rund 100.000 Fachkräfte. Die Engpässe betreffen alle Bundesländer.

Soziologin: Geflüchtete können Bedarf nicht decken

Doch welchen Beitrag können Geflüchtete in der Pflege leisten? Grundsätzlich laufe die Integration in den Arbeitsmarkt besser als erwartet, sagt Yuliya Kosyakova. Sie ist Soziologin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Sie warnt dennoch vor übertriebenen Erwartungen. Nur eine überschaubare Zahl der Geflüchteten arbeite in der Pflege: "Geflüchtete können diesen Bedarf vielleicht lindern, aber nicht komplett beseitigen, weil von den Personen, die vorher erwerbstätig waren, nur sieben Prozent in diesen medizinischen oder nicht-medizinischen Gesundheitsberufen waren. Eigentlich haben es nur ein Prozent geschafft, in Deutschland auch in diesen Berufen tätig zu sein", sagt Kosyakova.

Ein Problem neben den Sprachbarrieren: Die fehlende Anerkennung von Abschlüssen. Und von der Ankunft in Deutschland bis zu einer abgeschlossenen Pflegeausbildung dauere es meist länger als fünf Jahre, sagt Kosyakova. Die Gefahr sei, dass sich Geflüchtete für Hilfstätigkeiten auf dem Bau oder in der Logistik entschieden.

Einheitliche Abschluss-Anerkennung notwendig

Andreas Westerfellhaus ist der Pflegebeauftragte der Bundesregierung. Er sagt, es habe viele Fortschritte bei der Integration in Pflegeberufe gegeben. Das reiche jedoch nicht. Pflegeberufe müssten besser bezahlt werden. Und ein bundeseinheitliches Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegekräfte müsse her, sagte Westerfellhaus im Gespräch mit MDR AKTUELL: "Es ist doch ein Unding, dass wir in einem Bundesland die Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung Gesundheits- und Krankenschwester anerkennen und in dem nächsten dann nicht. Das muss für alle Länder gelten, das muss Standard sein." Die Geflüchteten leisteten einen wichtigen Beitrag, sagt Westerfellhaus.

Nach Einschätzung der Bundesregierung ist Deutschland auf zusätzliche Hilfe angewiesen. Bereits Ende 2019 stellte Gesundheitsminister Jens Spahn daher eine Agentur zur Anwerbung ausländischer Pflegekräfte vor. Damals sagte er: "Allein mit mehr Ausbildungen hier in Deutschland, mit mehr Umschulungen, die wir ja auch zusätzlich  finanzieren, mit besseren Arbeitsbedingungen rund um die Entlohnung oder Dokumentation – das alleine reicht nicht. Sondern wir werden eben auch Fachkräfte aus dem Ausland brauchen."

Denn, da sind sich alle einig: Der Pflegebedarf wird weiter steigen.

Illegale Pflegekräfte 8 min
Weil es sehr umständlich ist, eine legale Arbeitszulassung zu bekommen, lassen sich viele Ukrainerinnen darauf ein, illegal nach Deutschland geschleust zu werden, um hier als Pflegekräfte in Familien zu arbeiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. März 2021 | 06:38 Uhr

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