Ungleichheit Ist die Armut durch die Pandemie gestiegen?

#Stayathome war früh ein Schlüsselbegriff in der Pandemie: Zuhause bleiben, um sich und andere zu schützen. Für einige bedeuteten die Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung aber auch weniger Einkommen oder gar Jobverlust. Doch ist damit die Zahl der von Armut betroffenen Menschen gestiegen?

Auf einer digitalen Anzeigetafel steht Unnoetige Wege und Kontakte vermeiden. stayathome .
Der Unterschied zwischen einem Haus mit Garten und einer kleinen Wohnung ohne Balkon oder Garten fällt in Pandemiezeiten besonders stark ins Gewicht, sagt der Soziologe Groh-Samberg. Bildrechte: imago images/photothek

Fakt I: Spürbare Auswirkungen am Arbeitsmarkt

Auf den Arbeitsmarkt hatte die Pandemie deutliche Auswirkungen. In Mitteldeutschland stieg die Arbeitslosenquote 2020 nach Angaben der Arbeitsagentur im Jahresdurchschnitt auf 6,5 Prozent (Sachsen 6,1; Sachsen-Anhalt 7,7; Thüringen 6,0). Höher war der Wert zuletzt im Jahr 2017 mit 7,0 Prozent. Auch bundesweit stieg die Quote (5,9 Prozent). Ebenso verschlechterten sich die Indikatoren Beschäftigung und gemeldetes Stellenangebot. Die Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit betont jedoch, die mitteldeutschen Länder stünden im Vergleich zu anderen Bundesländern verhältnismäßig gut da. Gleichzeitig federten die Regelungen zum Kurzarbeitergeld auch einiges ab: Zum Höchststand 2020 wurden den Angaben zufolge allein in Sachsen täglich mehr als sieben Millionen Euro an Kurzarbeitergeld an die Betriebe ausgezahlt.

Positiv bewertet die Regionaldirektion etwa die sinkende Zahl an Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit ergänzende Leistungen vom Jobcenter erhielten. Insgesamt waren das 2020 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch knapp 103.000 Menschen. Der Trend der Vorjahre setzte sich damit trotz Pandemie weiter fort. Ebenso bezogen 2020 weniger Menschen Leistungen aus der Grundsicherung: insgesamt waren das in Mitteldeutschland noch etwa 587.000 Personen aus knapp 332.000 Bedarfsgemeinschaften.

Fakt II: Bewertung von Einkommensverlusten noch nicht abgeschlossen

Erste Hinweise auf die Armutsentwicklung in Deutschland während der Pandemie gibt etwa der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Eine repräsentative Umfrage kam in dem Zusammenhang zu dem Ergebnis, dass ein Viertel der im Sommer 2020 Befragten teils deutliche Einkommensverluste durch die Corona-Krise zu verzeichnen hatten. Besonders Beschäftigte der 40 Prozent mit dem geringsten Einkommen berichteten demnach von Einbußen. Zugleich waren in derselben Gruppe besonders häufig Einkommenssteigerungen zu beobachten. Dem Bericht zufolge ist eine mögliche Interpretation, dass Änderungen jeweils deutlicher empfunden wurden, "da sie relativ stärker ins Gewicht fielen".

Die Nationale Armutskonferenz wertet den Bericht so, "dass die Corona-Pandemie und die zu ihrer Eindämmung getroffenen Maßnahmen bestehende Ungleichheiten, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Gesundheit und bei der Bildung verschärft haben".

Der Soziologe und Ungleichheitsforscher Olaf Groh-Samberg betont dagegen, bei solchen Umfragen handle es sich zunächst um subjektive Eindrücke. Zwar gebe es Hinweise darauf, dass die Einkommensverluste da am größten oder groß sein werden, wo die Einkommen ohnehin gering waren. "Wir wissen auch, dass wir gerade bei den Einkommensverlusten neue Gruppen haben werden, nämlich die Selbstständigen, die eigentlich nicht immer zum Kern der Armutspopulation gehört haben." Für flächendeckende Analysen der Corona-Effekte auf die Einkommen sei es aber noch zu früh.

Ein Indikator von Armut ist die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Sie zeigt an, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hatten. Zudem fließt ein, wie viele Erwachsene und Kinder im jeweiligen Haushalt leben. Im Jahr 2019 lag die Quote bei knapp 16 Prozent bundesweit, in Sachsen gemessen am Bundesmedian bei 17 Prozent (regionaler Median: 13), in Sachsen-Anhalt bei 20 (regionaler Median: 15) und in Thüringen bei 17 (regionaler Median: 12). Die Berechnung für das Jahr 2020 wird dem Statistischen Bundesamt zufolge im Herbst erwartet.

Aussagen über längerfristige Effekte der Pandemie auf Armut in Deutschland sind laut Groh-Samberg aber frühestens in etwa zwei Jahren und noch später möglich. So habe man zum Beispiel in der Finanzkrise beobachtet, dass Selbstständige zwar zunächst einen Einbruch hatten. Von diesem hätten sie sich jedoch relativ schnell erholt.

Fakt III: Dynamische Situation bei den Tafeln

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Gerade bei extremen Formen von Armut ist die Datenlage jedoch dünn. Im Armuts- und Reichtumsbericht heißt es etwa, die Auswirkungen der Pandemie auf die Zahl der Wohnungslosen sei noch unklar: "Möglicherweise traten aufgrund der belastenden Gesamtsituation häufiger und stärker eskalierende Auseinandersetzungen in den Familien auf, wodurch mehr Menschen die Familienwohnung verlassen haben." Die jüngsten Schätzungen zu Wohnungslosen bundesweit beziehen sich jedoch auf das Jahr 2018 und schwanken – je nach verwendeter Methodik – zwischen 337.000 und 542.000 Betroffenen zur Jahresmitte.

Es ist nicht ganz einfach, das was wir als absolute Armut fassen, also extreme Formen von Armut wie Wohnungslosigkeit oder Angewiesenheit auf Angebote wie Tafeln gut zu messen.

Olaf Groh-Samberg Soziologe

Auch die Tafeln in Deutschland berichten vor allem von einer dynamischen Situation durch die Pandemie. Einer Abfrage des Bundesverbands zufolge gaben 37 Prozent der Einrichtungen an, vergangenes Jahr mehr oder viel mehr Kundinnen und Kunden versorgt zu haben. 22 Prozent berichteten dagegen von einem teils starken Rückgang. Als mögliche Gründe für den Rückgang führt der Verband etwa an, dass soziale Einrichtungen als Abnehmer der Tafel eingeschränkt geöffnet waren und dass bisherige Tafel-Kunden aus Angst vor Ansteckung fernblieben. Diese zählten durch Alter oder Vorerkrankungen häufig zu Corona-Risikogruppen.

Der Tafel-Verband aus Sachsen-Anhalt schätzt jedoch, dass die Zahl der Tafelkunden 2020 und im ersten Halbjahr 2021 landesweit um bis zu fünf Prozent gestiegen ist. Ähnlich äußert sich der Landesverband in Sachsen, der Thüringer Landesverband konnte urlaubsbedingt keine Angaben machen. Auch die Spendenbereitschaft nahm teils zu: Mit insgesamt 1.315 Tonnen Lebensmittel- und Sachspenden verzeichnete etwa der sächsische Landesverband 2020 einen Rekord. Bundesweit geht der Verband davon aus, dass jährlich bis zu 1,65 Millionen bedürftige Menschen mit Lebensmittelspenden unterstützt werden, darunter Arbeitslose, Rentner und Geringverdiener. Der sächsische Landesverband berichtet von etwa 200.000 Kundinnen und Kunden, in Sachsen-Anhalt sind es 50.000. Präzise Statistiken seien aber insbesondere durch die ehrenamtlichen Strukturen nicht möglich, heißt es sowohl bei den Landesverbänden als auch beim Dachverband.

Fakt IV: Soziale Aspekte gewinnen an Bedeutung

Generell sei die Vergleichbarkeit von Armut vor und während der Pandemie schwierig, sagt der Soziologe Groh-Samberg. So sei das Einkommen unter normalen Bedingungen häufig ein Indikator für die sonstigen Lebensbedingungen. Während der Pandemie habe sich jedoch die Bedeutung von Faktoren wie Wohnung, Familie und Unterstützungsangeboten verschärft. Gerade für Menschen mit geringem Einkommen seien viele Kompensationsmöglichkeiten weggefallen und gleichzeitig Belastungen verstärkt worden. Der Unterschied zwischen einem großen Einfamilienhaus mit Garten und einer kleinen Wohnung ohne Garten oder Balkon falle etwa während eines Lockdowns sehr viel stärker ins Gewicht.

Ich glaube schon, dass wir bestimmte Faktoren neu bewerten müssen unter den Corona-Bedingungen, weil sie eine neue Relevanz gewonnen haben.

Olaf Groh-Samberg Soziologe

Auch seien Menschen in finanzieller Armut sehr viel stärker auf Beratungs-, Unterstützungs- und Betreuungsangebote angewiesen. Besonders für Menschen an sogenannten biografischen Weichenstellungen kann die Pandemie laut Groh-Samberg daher langfristige Folgen haben. Der Experte verweist auf eine Studie zur Großen Depression in den USA. Demnach ließen sich an einer bestimmten Personengruppe Effekte aus der damaligen Wirtschafskrise über das ganze Leben hinweg beobachten. "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir noch in 20 Jahren einen Effekt bei den Jahrgängen sehen werden, die in den Corona-Jahren eigentlich ihre Schul-Abschlüsse hätten erwerben oder ins Berufsleben eintreten sollen. Der Effekt wird nicht riesig sein, aber ich würde vermuten, dass man da auch langfristige Effekte sieht."

Fazit: Hinweise auf Effekte, aber noch kein vollständiges Bild

Die bisherigen Daten lassen noch keine eindeutige Aussage darüber zu, ob durch die Pandemie mehr Menschen von Armut betroffen sind. Erkenntnislücken gibt es dabei insbesondere bei den schwersten Fällen von Armut. Dass sich die Situation von ärmeren Menschen durch Corona verschärft hat, ist jedoch unstrittig. Durch die veränderten Lebensumstände während der Corona-Krise deutet sich zudem bereits an, dass sich die Bedeutung einzelner Faktoren zur Messung und Bewertung von Armut verschoben haben.

Quelle: MDR AKTUELL/ rnm

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. August 2021 | 06:00 Uhr

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