Geisterfahrer bei Starkregen, 2017
Falschfahrer auf einer innerstädtischen Straße: Die mit Abstand meisten Fälle gibt es aber auf Autobahnen. Bildrechte: IMAGO / Andreas Gora

"Geisterfahrer" Viele Falschfahrten auf Autobahnen absichtlich

23. August 2023, 17:08 Uhr

Unfallforscher der Versicherungen in Deutschland haben untersucht, aus welchen Gründen hierzulande Falschfahrer auf Autobahnen unterwegs gewesen sind. Jetzt haben sie ihre durchaus überrraschenden Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt.

MDR AKTUELL Mitarbeiter Kristian Schulze
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Mehr als 40 Prozent der Unfälle durch Falschfahrten auf den Autobahnen werden von Menschen jenseits des 75. Lebensjahrs verursacht. Das ist ein wesentliches Ergebnis von Untersuchungen der Unfallforschung deutscher Versicherer. Demnach wurden bei 224 auswertbaren Unfällen in mehr als zehn Jahren 99 Menschen getötet, 207 schwer und 210 leicht verletzt.

Siegfried Brockmann, Chef der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sagte MDR AKTUELL, dass 80 Prozent der ausgewerteten Fälle sich seit 2015 ereigneten und nur solche ausgewertet wurden, bei denen Daten für eine vertiefte Auswertung auch vorlagen. Tatsächlich dürfte die Zahl der Fälle also höher sein.

Vor allem ältere Männer

Dass dabei überwiegend ältere Männer am Steuer saßen, liege vermutlich daran, dass in dieser Altersgruppe weniger Frauen auch noch Auto fahren. Verwirrtheit oder Demenz seien hier die Hauptgründe für Falschfahrten, erläuterte UDV-Leiter Brockmann dann auch auf einer Pressekonferenz.

"Die Ergebnisse sind erschreckend und zeigen, dass wir bisher unsere Hoffnungen auf Maßnahmen gesetzt haben, die nur begrenzt Wirkung entfalten", so Brockmann. Denn Verbesserungen, etwa durch "Stopp-Hände" wie in Österreich, könne es nur bei unabsichtlichen Falschfahrten geben.

Jüngere eher mit Absicht – ältere aus Versehen

Tatsächlich aber kommt es den UDV-Daten zufolge zu unbewussten Falschfahrten auf Autobahnen "nur" in 54,1 Prozent der Fälle – mit 45,9 Prozent in ebenfalls fast der Hälfte aber als bewusste Handlung. Der Anteil bewusster Falschfahrten sinkt dabei mit dem Alter – von 70 Prozent bei den 24 bis 64 Jahren alten Falschfahrern auf 28 Prozent bei den älteren.

In mehr als der Häfte der Fälle führe falsches Auffahren auf Autobahnen zu der Verkehrsgefährdung, und bei bewussten Falschfahrten seien es mit einem Anteil von 37,7 Prozent absichtliche Wendemanöver im fließenden Verkehr.

Zu 48,1 Prozent gingen demnach Falschfahrten auf Fahrer zurück, die schon älter als 65 Jahre waren, die meisten sogar älter als 75 Jahre. Hier spielten Demenz und Verwirrung oder andere Probleme die Hauptrolle, bei jüngeren eher auch suizidale Absichten oder die Flucht vor der Polizei. Alkohol sei in 18,3 Prozent der Fälle im Spiel gewesen, vor allem bei jüngeren Leuten.

Fahrer-Assistenz-Systeme könnten helfen

Falschfahrer auf Autobahnen waren dabei zu 96 Prozent, also fast immer in Pkw unterwegs, während sie nur in etwa drei Prozent der Fälle in Lkw oder Kleintransportern saßen. Mehr als die Hälfte der ausgewerteten Falschfahrten gingen über weniger als zwei Kilometer, mehr als 17 Prozent über mehr als zehn Kilometer und wiederum mehr als die Hälfte bei Dunkelheit.

Infrastruktur-Maßnahmen wie Schilder und ähnliche Dinge wirken laut Brockmann nur eingeschränkt, weil die bewussten Falschfahrten damit nicht verhindert würden und sie auch sehr teuer seien. Mehr Wirkung verspricht sich der Unfallforscher von technischen Lösungen, etwa durch Fahr-Assistenz-Systeme, da sie unbewusste und bewusste Falschfahrer adressierten.

Quelle: UDV, MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. August 2023 | 16:20 Uhr

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