Kriegsflüchtlinge in Deutschland Ukrainischen Frauen droht sexueller Missbrauch und Menschenhandel

Torben Lehning
Bildrechte: MDR/Tanja Schnitzler

Die Hilfsbereitschaft für ukrainische Geflüchtete in Deutschland ist groß. Doch nicht jede Hilfe, die angeboten wird, ist auch so gemeint: EU-weit mehren sich Berichte von Menschenhandel und sexuellen Missbrauch von ukrainischen Frauen. Auch in Deutschland kommt es zu Missbrauchsfällen. Politik und Flüchtlingsorganisationen sind alarmiert und fordern eine rasche dezentrale Unterbringung.

Menschen auf einem Bahnsteig
An Bahngleisen gibt es viele freiwillige die den ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine weiterhelfen. Bildrechte: dpa

Sie suchen Schutz, sie suchen Hilfe. Jeden Tag kommen 2.000 bis 4.000 Geflüchtete am Berliner Hauptbahnhof an. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Ihre Männer und Väter müssen mit wenigen Ausnahmen in der Ukraine bleiben, um ihre Heimat zu verteidigen.

In geordneten Zweierreihen stehen die Geflüchteten an, werden von freiwilligen Helferinnen und Helfern beraten. Eine von ihnen ist Liana P. Die Berlinerin verteilt Flyer in ukrainischer und deutscher Sprache an die wartenden Frauen. Auf den blau-gelben Zetteln stehen Warnungen vor Menschenhändlern und Sexualstraftätern.

Eine Ukrainerin. 32 min
Eine Ukrainerin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
32 min

MDR Dok So 13.03.2022 22:30Uhr 32:04 min

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Belästigung am Bahngleis

Hier am Hauptbahnhof gab es seit Kriegsbeginn immer wieder Männer, die Frauen direkt am Gleis mit dubiosen Angeboten belästigen. Liana P. hört zu und gibt Ratschläge. Ihre dringende Empfehlung ist, sich registrieren zu lassen. Außerdem sollten die ankommenden Frauen ihre Pässe nicht aus der Hand geben, meint Liana. Sie wolle keine Panik schüren, aber die Informationen seien wichtig.

Julia Kuwalchuck ist alleine geflohen. Über die Warnhinweise ist sie sehr dankbar. Von Menschenhändlern und organisierten Banden, die Frauen in die Sexsklaverei zwingen, hat sie auch schon gehört. Unsicher fühle sie sich jedoch nicht.

Vor dem Berliner Hauptbahnhof steht ein Zelt der Berliner Stadtmission. Hier können sich die Geflüchteten in einem geschützten Bereich aufhalten, bevor sie sich entschieden haben, wohin die Weiterreise gehen soll. Viele von Ihnen wollen in Berlin bleiben, andere lassen sich zu einer Weiterreise in kleinere Städte mit freien Kapazitäten für Geflüchtete überzeugen. Ins Zelt darf nur noch, wer registriert ist.

Gefahren auf dem Fluchtweg

Auch die freiwilligen Helferinnen und Helfer müssen sich ausweisen, erklärt die Pressesprecherin der Stadtmission, Barbara Breuer. In der Vergangenheit habe es immer wieder Versuche gegeben, die Geflüchteten mit undurchsichtigen Ansprachen und Angeboten von Hilfsorganisationen und helfenden Händen wegzulocken.

Eine Kollegin von Breuer sprach mit einer Person, die dort um junge Arbeitskräfte für ein Hotel geworben hatte: "Er wollte aber nur junge alleinreisende Frauen im Hotel anstellen und als nachgefragt wurde, ob er denn eine Visitenkarte hat, konnte er keine vorweisen. Wir haben ihn dann gebeten, die Leute in Ruhe zu lassen."

Auf ihrer Reise nach Deutschland wurden viele Frauen bereits belästigt. Manche Frauen, erzählten, sie seien an der polnisch ukrainisch-polnischen Grenze von fremden Männern an die Hand genommen worden, erzählt Breuer. Diese hätten versucht, sie wegzuzerren.

Manche angeblichen Helfer würden Frauen anbieten, bei Ihnen gegen Bezahlung zu übernachten oder forderten sie im Gegenzug für ein Bett zur Hausarbeit auf.

Ein Mann steht mit seinen Kindern vor einer Wiese 2 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 28.03.2022 17:10Uhr 01:38 min

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Bundesinnenministerin verstärkt Polizeipräsenz

Das Problem ist längst auch Thema in der Bundespolitik. Die Polizeipräsenz an Bahnhöfen wurde landesweit verstärkt, Beamte und Bahnpersonal für die Not der Frauen und die drohende Gefahr sensibilisiert, erklärte Bundesinnenministerin Faeser am Dienstag.

Es sei nur schwer zu ertragen, dass die Not von Geflüchteten so brutal ausgenutzt werde. "Es muss klar sein, sexuelle Übergriffe und andere Taten gegen Geflüchtete sind höchst verachtenswerte Straftaten. Die Täter werden mit der ganzen Härte des Gesetzes und verfolgt bestraft werden", sagt Faeser.

Die Landeskriminalämter in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben bislang noch keine Übergriffe auf ukrainische Geflüchtete festgestellt. Auch hier wurde die Polizeipräsenz an Bahnhöfen verstärkt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der mitteldeutschen Geflüchtetenhilfe berichten jedoch auch bereits von dubiosen Ansprachen und fragwürdigen Angebote an alleinreisende ukrainische Geflüchtete. 

Die Belästigungen finden dabei nicht nur an Bahngleisen oder vor Sammelunterkünften, sondern auch im Netz statt. In Internetforen und auf Telegram tauschen sich täglich Männer über Sexfantasien mit ukrainischen Geflüchteten aus. Andere bieten Hilfesuchenden eine Unterkunft gegen sexuelle Dienstleistungen an.

Registrierung statt Mundpropaganda

Wer Geflüchteten wirklich helfen wolle, sollte sich am besten bei seriösen Onlineportalen oder bei der Stadt als Helferin oder Helfer registrieren, erklärt Roland Bank vom UN-Flüchtlingshilfswerk, UNHCR in Deutschland. Viele Kommunen, auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, bieten hier Hilfe an. Das Vorgehen sei sicherer – sowohl für Gastgeber als auch Geflüchtete.

Über 300.000 Menschen aus der Ukraine haben sich bereits in Deutschland registriert. Eine Pflicht dazu besteht aber nicht. Ohne die immens große Solidarität von Privatmenschen hätten die Kommunen gerade große Probleme, Geflüchtete aufzunehmen, sagt Bank. Umso wichtiger sei es, private Unterbringungen so transparent wie möglich zu gestalten und die Kommunen finanziell so auszustatten, dass sie eine dezentrale Unterbringung der Geflüchteten ermöglichen können.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. April 2022 | 06:00 Uhr

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