Mindestlohn Raus aus dem Pflegeheim       

Für Kerstin hatte sich kein Pflegedienst mehr gefunden. Der Mindestlohn für die 24-Stunden-Assistenz für die Betreuung der Frau mit Muskelschwund ist für die meisten zu gering. Doch nun hat sich eine Lösung gefunden und sie kann in ihre Wohnung zurück.

Eine Frau fährt im Rollstuhl durch eine Straße.
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Es gibt sie noch: die guten Nachrichten. Nach fünf Monaten kann Kerstin wieder in ihr zu Hause zurückkehren. Doch dafür musste die Frau aus Borna hart kämpfen. Sie ist alleinstehend, hat Muskelschwund und ist seit 24 Jahren auf Hilfe angewiesen.

Selbst bei einfachen Handgriffen benötigt Kerstin inzwischen Hilfe. Doch trotz der Krankheit hat sie es immer geschafft, ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. Ihre Wohnung ist bei ihrer Rückkehr immer noch so, wie sie sie verlassen hat. Voll mit kleinen eingebauten Hilfsmitteln. Dadurch konnte sie früher nähen, sich selbst schminken oder das Essen nachwürzen. "Ich muss mich natürlich erstmal hier wieder zurechtfinden", sagt sie. "Und das alles erstmal sacken lassen. Die Zeit von dort muss erstmal ich überdenken."

Zeit im Pflegeheim nur absitzen

Dort – das ist ein Pflegeheim, in das sie mit nur 62 Jahren musste, weil sich kein Pflegedienst mehr für sie fand. Durch den Muskelschwund kann sie weder allein aus dem Bett steigen, noch selbst kochen. MDR exakt hat durch einen Brief der Tante von Kerstins Kampf erfahren. "Einsam ist das dort, leer ist das dort." Kerstin habe zwar ein Bett und zu essen, doch ohne ihre Umgebung, werde sie in vielen Sachen eingeschränkt. Deshalb könne sie ihre Freizeit und Lebenszeit im Heim nur absitzen.

Kerstin suchte nach Alternativen für die Unterbringung im Pflegeheim. Sie fand ein Modell, durch das sie selbst sogenannte persönliche Assistenten anstellen kann. Die würden sich entsprechend ihrer  Bedürfnisse – auch rund um die Uhr um sie kümmern. Finanziert wird diese Hilfe von den Stadt- und Landkreisen. Denn behinderte Menschen haben das Recht, so unterstützt zu werden, dass sie selbst bestimmen können, wie sie leben.  

Zu geringe Löhne für Pflegedienste

Doch diese Unterstützung ist teuer und es gibt von Landkreis zu Landkreis unterschiedliche Festlegungen für die Bezahlung der Assistenten. "Das ist schon aufwendig diese Pflege", erklärt Kerstin.

Durch den Muskelschwund habe ich keine Kraft und da klapp ich auch schnell mal zusammen. Da muss zugegriffen werden.

Kerstin

Kerstin hatte im Sommer drei Frauen gefunden, die als Assistentinnen bereit stehen würden – nur nicht für den vom Sozialamt Borna angesetzten Mindestlohn von 9 Euro 35. Ein weiteres Problem: im benachbarten Leipzig werden durchaus höhere Löhne – von mindestens 14 Euro 49 pro Stunde – bewilligt. Diese Unterschiede ziehen sich durch ganz Deutschland.

Hilfe kommt  aus Polen

Zudem müssen sich viele behinderte Menschen erst vor Gericht erstreiten, dass ihre Hilfen adäquat bezahlt werden, damit sie selbstständig leben können. Bis heute erhält Kerstin nicht mehr Geld vom Sozialamt. Doch durch die Berichterstattung von MDR exakt im August 2020 hat sich bei ihr eine Pflegeagentur aus Naumburg gemeldet. 

Diese hat Hilfe im Rahmen des Budgets organisiert: "Der Plan ist, dass es polnische Frauen sind, die jetzt zu mir kommen", sagt Kerstin. Doch die müsse sie nun erstmal kennenlernen – und auch andersrum.

Den Kampf mit dem Sozialamt Borna um höhere Stundenlöhne führt jetzt die Pflegeagentur. Obwohl erst einmal versucht wird, mit dem Budget auszukommen, ist das Ziel eine bessere Vergütung. "Sie haben ja schon einen Antrag an das Sozialamt gestellt, mit einer anderen Kalkulation", berichtet Kerstin. Aber das Sozialamt gehe darauf nicht ein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 02. Dezember 2020 | 20:15 Uhr

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