Glücksspiel Süchtig nach Sportwetten

In Deutschland sind mindestens 200.000 Menschen Glücksspiel süchtig. Dennoch wird das Online-Glücksspiel nun legalisiert und damit auch Online-Sportwetten aus dem Graubereich geholt. Dabei machen die Anbieter gerade mit den Menschen Gewinne, bei denen das Zocken pathologisch ist, sagt eine Expertin.

2 Männer im Fußballstadion
Paul hat mit Sportwetten fast 10.000 Euro verzockt, ist dabei depressiv geworden und hätte beinahe alles verloren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Gedanke war da: "Wenn ich nicht mehr wäre, wären die Probleme auch nicht mehr da", sagt Paul. Er hat Freunde, Freundin und Familie belogen. Jeden Tag musste er Schauspielern, um nicht aufzufliegen. Der 26-Jährige hat mit Sportwetten fast 10.000 Euro verzockt, ist dabei depressiv geworden und hätte beinahe alles verloren.

Paul war zwei Jahre lang spielsüchtig. Er heißt eigentlich anders, aber er will unerkannt bleiben. Sein Weg in die Sucht ist typisch. Er hat selbst aktiv Fußball gespielt, hat Ahnung vom Sport und hat bei Freunden gesehen, dass man bei Online-Sportwetten auch Geld gewinnen kann. Die Einsätze wurden höher, die Verluste auch. Aber Paul sei nie soweit gewesen, aufzuhören. Der Gedanke war eher: "Komm, irgendwie holst du das schon wieder rein."

Da sei schnell der nächste 50-Euro-Schein eingezahlt worden, "bis man nichts mehr hatte", sagt Paul. Dabei sei er auch in eine Lügenspirale geraten. Der Freundin konnte er nichts erzählen, da er auch gemeinsames Geld verspielt hatte. "Dann lebt man wie ein Schauspieler."

Zwei Männer sitzen auf einer Fußballstadiontribühne 17 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es hat depressiv gemacht"

In dieser Phase sei er auch depressiv geworden, wie ihm im Nachhinein bewusst geworden sei. In den Nächten "war es fast unmöglich einzuschlafen", sagt Paul. Weil er wusste, am nächsten Morgen geht das Theater von vorne los. Es ging so lange, bis aufgefallen sei, dass Geld auf dem gemeinsamen Konto fehle. "Zum Glück" wurde er erwischt, sagt er heute.

Experten schätzen, dass in Deutschland mindestens 200.000 Menschen Glücksspiel-süchtig sind. Und dennoch wird das Online-Glücksspiel nun ab dem 1. Juli legal sein und damit auch Online-Sportwetten aus dem Graubereich geholt werden. Am Mittwoch hat nun auch der Landtag von Sachsen-Anhalt dem neuen Glücksspiel-Staatsvertrag zugestimmt. Die neuen Regeln sollen durch eine neue Bundesbehörde überwacht werden, die in Sachsen-Anhalt entstehen soll.

"Eigentlich bin ich der Auffassung, dass man die illegalen Angebote hätte ausmerzen müssen", sagt Rüdiger Erben. Er ist Glücksspiel-Experte der SPD. "Doch das haben manche Länder vielleicht nicht gewollt." Nun solle mit dem Staatsvertrag versucht werden, das Glücksspiel zu regulieren und zu legalisieren. "Ich bin aber eher pessimistisch, dass das am Ende gelingen wird."

Sportwetten – ein Milliarden-Geschäft

Es geht um ein Milliarden-Business. Allein durch Sportwetten sind 2019 etwa  neun Milliarden Euro Umsatz gemacht worden.

Hier bin ich schon der Auffassung, dass am Ende die Mehrheit der Ministerpräsidenten vor der Glücksspiel-Lobby auch eingeknickt sind.

Rüdiger Erben Glücksspiel-Experte der SPD

Die Anbieter von Sportwetten begrüßen den im März vergangenen Jahres verabschiedeten Glücksspielstaatsvertrag offenbar. An vielen Stellen ist Werbung für solche Wetten zu sehen. Die Begründung dafür durch den Lobbyverband: "Der neue Glücksspielstaatsvertrag lässt Werbung für lizenzierte Angebote grundsätzlich zu, weil Werbung ein wichtiges Instrument der Kanalisierung und damit der Schwarzmarkt Bekämpfung ist. Durch Werbung werden die legalen seriösen Anbieter für den Verbraucher erst sichtbar gemacht."

DFB und Fußballvereine machen Werbung für Wetten

Wenn Paul Werbung für Sportwetten sieht, macht ihn das oft wütend – etwa wenn diese gemeinsam mit dem größten deutschen Fußballverein, Bayern München, aufgenommen wurde. "Ich würde mir wünschen, dass Vereine aktiv sagen: 'Wir nehmen bewusst keine Werbeverträge mit Wettanbietern an.'" Doch es sei eher das Gegenteil sei der Fall. So hat sogar der Fußball-Dachverband – der DFB – eine Partnerschaft mit einem Wettanbieter.

Doch wie passt das zusammen: Jugendarbeit und Vorbildfunktion im Amateurbereich und gleichzeitig Werbung für Glücksspiel machen. Der größte Sportverband der Welt antwortet darauf schriftlich: "Der DFB versteht sich seit Jahren als verantwortungsvoller Partner der Politik im Bereich der Gesundheitsförderung und Suchtprävention. In der Partnerschaft des DFB mit bwin sind Verpflichtungen für die Entwicklung und Konzeption von Präventions- und Schulungs-Programmen enthalten."

Expertin: Werbung verharmlost die Gefahr

"In einer idealen Welt hätten wir keine Glücksspiel - und keine Tabakwerbung", sagt Ilona Füchtenschnieder. Sie ist Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht, Dauerkartenbesitzerin bei Arminia Bielefeld und kritisiert die Kooperation von DFB, Vereinen und Sportwettenanbietern. "Ich mache es mal konkret. Ich bin Fußballfan und gehe, wenn nicht gerade Corona ist, regelmäßig ins Stadion. Mit mir, die vielleicht mal fünf Euro auf den Lieblingsverein setzt, kann man kein Geschäft machen. Die Geschäfte werden gemacht mit den Menschen, die die Kontrolle verloren haben über ihr Glücksspielen."

Es gehe um die Menschen, die problematisch oder pathologisch spielten, sagt Diplompädagogin Füchtenschnieder. Das werde durch die Werbung verharmlost. "Und ich finde,  gerade so Leute wie Oliver Kahn, Podolski und wie sie alle heißen, dass die sich dafür hergeben, für diese Werbefirmen als Galionsfiguren zu fungieren, das irritiert mich." Zudem seien mit Sportwetten nicht nur Glücksspielsucht verbunden, sondern auch Spielmanipulationen und Geldwäsche. "Und das sind drei Tatbestände, die jeweils für sich eine eigene Relevanz haben. Und das ist ein riesen Problemfeld."

Der Glücksspielsucht nur knapp entkommen

Aus Sicht von Füchtenschnieder sehe die Politik das Problemfeld nicht ausreichend komplex. Sie fordert mehr Geld für Prävention, ein striktes Werbeverbot und einen kritischeren Umgang mit dem Thema Glücksspiel.

Doch was passiert, wenn man bereits einmal in den Strudel geraten ist? Dann "ist es ganz besonders wichtig, sofort den Schnitt zu machen und wenn möglich mit Freunden und Familien drüber zu reden", sagt Paul. Man müsse das Schweigen brechen und sagen: Ich brauche Hilfe. "Das trifft wahrscheinlich auf viele Süchte zu."

Er hat es geschafft, wenn auch durch einen Schubser und mit etwas Glück. Dennoch könne er nie ganz ausschließen, dass er nochmal anfängt zu wetten, sagt Paul. Aber er hofft, dass er quasi clean bleibt. Er habe sich ein Sicherheitsnetz gebaut. Ein Familienmitglied kontrolliert etwa alle drei Monate die Kontoauszüge, damit es auffällt, wenn Paul wieder Geld verspielt.

Quelle: MDR exakt

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