Gendersprache Journalistin: "Ich wollte nicht gendern"

Sind es nun Ärzte oder Ärzt:innen? Manche reden sogar von Gästen und von Gäst:innen? Kaum ein Thema wird derzeit so hitzig diskutiert, wie das sogenannte Gendern. Manche sagen: "Vergewaltigung der Sprache", andere, das ist eine "überfällige Entwicklung, um alle Geschlechtsidentitäten einzubeziehen". Autorin Inga Klees hat sich gefragt: wo stehe ich da eigentlich – und sich auf die Suche nach einem Kompromiss gemacht.

Autorin Inga Klees vor ihrem Rechner.
Für Autorin Inga Klees war es bislang selbstverständlich von "Politikern" zu sprechen. Da gehören für sie Frauen selbstverständlich mit rein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für mich gehört Sprache zu meinem Beruf. Ich beschäftige mich als Journalistin täglich damit. Doch die Sprache hat sich in jüngster Vergangenheit sehr gewandelt. Vor einem Jahr hätte ich eine Mail noch mit "Liebe Kollegen" begonnen. Inzwischen tue ich das nicht mehr. Nun lautet die korrekte Anrede: "Liebe Kolleginnen und Kollegen". Mich lässt das Gefühl nicht los, dass ich mich ändern muss, anpassen muss – an neue Sprachgepflogenheiten. Doch muss das sein?

Die Texte für meine TV-Beiträge spreche ich häufig selbst ein und dabei graut es mir vor dem "Glottisschlag". Das ist die kleine Pause vor dem *innen. Den hatte ich bislang noch nicht gesprochen. Doch nun geht es mir für diesen Beitrag über die Lippen: "Lehrer:innen". In meinen Ohren klingt das etwas seltsam oder zumindest ungewohnt. 

Das Wort Lehrer:innen auf einem Blatt Papier.
Es klingt für mich zumindest ungewohnt, als ich das Wort ausspreche: Lehrer:innen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass Sprache das Bewusstsein prägt, leuchtet mir ein. Doch für mich als Frau war es bislang in Ordnung, von "Politikern" zu sprechen. Da gehören für mich Frauen selbstverständlich mit rein. Ich habe ein paar schwule Freunde, und wenn sich jemand weder als Mann noch als Frau sieht – kein Problem. Also: Was soll die ganze Aufregung um Sternchen‚ -Innen und Co?

Enthält die deutsche Sprache zu viel Männlichkeit?

Um darüber entspannt reden können, bin ich zu einem Trabi-Treffen nach Nitzschka in Sachsen gefahren. Das hat nichts mit Gendern zu tun, aber neben den DDR-Autos kann man gut ins Gespräch kommen und auch über ein in Deutschland manchmal hitzig diskutiertes Thema reden.

Ein Mann in grauer Handwerkerhose, silberner Kette um den Hals und in meinem Alter erklärt mir erst, wo im Trabi der Keilriemen sitzt. Auf meine Frage, ob er wisse was gendern ist, antwortet er kurz: "Ne." Ich erkläre, dass Sprache zu viel Männlichkeit enthalten soll und dass man dies verändert. Auffallen würde dies etwa in den Nachrichten, wenn die Sprecherinnen und Sprecher auf einmal "Politiker:innen" sagen. "Das habe ich schon mal gehört", sagt er. "Aber da legt man kein Augenmerk drauf."

Andere Besucher des Trabi-Treffens in der Nähe von Wurzen sagen dazu: "Ich finde es ehrlich gesagt nicht notwendig." Ein Mann mit schwarzer Brille unter grünem Käppi und graumeliertem Schnauzer erklärt weiter, dass es auch in der "DDR-Zeit so gewesen ist, dass wir eine Rechtschreibung hatten und wir hatten männlich und weiblich. Und von mir aus noch die zwei Gruppen lesbisch und schwul, dann muss es irgendwann ja auch mal aufhören."

Gendern eine Frage der Generationen?

Ein anderer Mann sagt: "Das ist jetzt halt die nächste Generation. Mit Deutsch und Englisch kann fast jeder, ich nicht, aber das ist mit dem Gendern genauso." Manfred Engelmann steht stolz vor dem beigen Trabi im Originalzustand, den sein Vater 1964 gekauft hat. Aus seiner Sicht ändern sich Dinge einfach. "Für wie viele Leute ist die Deutsche Einheit, Ost und West noch ein Thema? Das ist doch unser Thema", sagt er zu mir. Für seinen Sohn sei das keins mehr. Für dessen Generation sei Ost, West, Nord oder Süd einfach "Wurscht". So sehe er es auch mit der Sprache, die werde sich einfach wandeln.

Es gibt einige Umfragen zum Thema geschlechtersensible Sprache – alle kommen zu einem ähnlichen Ergebnis, wie die jüngste vom MDR: Die Debatte sei vor allem eines: Unwichtig. 86 Prozent der Befragten haben dies angegeben. Nur 14 Prozent sind der Auffassung, dass das Anliegen, alle Geschlechter in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, wichtig ist.

Wie gelangte Gendern in den Fokus?

Doch wie es ist überhaupt dazu gekommen, dass die deutsche Sprache als männlich definiert wurde, die Frauen nicht mitdenkt? Die Antwort gaben Feministinnen Anfang der Achtziger Jahre. "Wenn die Frauen vom Rand ins Zentrum wollen, müssen sie auch sprachlich was tun", erklärt die Linguistik-Professorin Luise Pusch, die damals zu den Initiatorinnen gehörte. Es sei in der Sprache sichtbar, dass die Frauen nur am Rande seien. Sie könnten jederzeit unterdrückt werden, sobald nur ein einziger Mann auftauche.

99 Sängerinnen und ein Sänger sind zusammen 100 Sänger – auf Deutsch in unserer Grammatik. Also die Frauen zählen alle nicht.

Luise Pusch Professorin für Linguistik

Sprache ist männlich. Das kann man kaum übersehen. Es scheint, als müsste ich eine neue Ausdrucksweise lernen. Im Netz finde ich eine Rubrik "Geschickt gendern" von A bis Z. Gegliedert in ungegenderte Begriffe und gendergerechte Alternativen. So sagt man etwa nicht mehr "Abenteurer", sondern stattdessen biete sich an: "Wagehals, Abenteuer liebende Person, abenteuerlustige Person, abenteuermutige Person oder Abenteuermensch." Laut diesem Verzeichnis werden Ampelmännchen zu Ampelfiguren, Ampelfigürchen oder Ampelmenschlein. Letzteres lässt mich schmunzeln.

Was spricht für eine Anpassung der Sprache?

Doch welche Argumente sprechen dafür, meine Sprache an vielen Stellen anzupassen? "Uns geht es um Sichtbarkeit", sagt Vera Ohlendorf vom "LAG - Queeres Netzwerk Sachsen". Deren Anliegen ist eine geschlechtersensible Sprache – auch für Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau begreifen oder fühlen. "Geschlechtliche Vielfalt wird in der Regel gar nicht sichtbar, schon gar nicht hier wo wir sind, im eher kleinstädtischen Raum", sagt Vera Ohlendorf, während ich mit ihr in Wurzen sitze.

Ich habe mich auch an das Netzwerk gewandt, weil ich nicht binäre Menschen gar nicht kenne. "So geht es, glaube ich, den meisten Menschen", sagt Vera Ohlendorf. "Sprache macht Realitäten sichtbar." Darum gehe es.

Ich frage, welche Form das Queere Netzwerk Sachsen gern sehen würde: Glottisschlag, das Sternchen oder das Binnen I? "Das Binnen I macht sozusagen eine Zweigeschlechtigkeit sichtbar, also verweist auf Männer und Frauen und deswegen ist es für uns nicht ausreichend", erklärt Vera Ohlendorf. Sie hätten sich für das Gendersternchen entschieden, "weil es eben diese Lücke gut markiert, die geschlechtliche Vielfalt und mehr Identitäten als nur männlich und weiblich umfasst".

Nur Universitäten und Studenten gendern?

Dem Gendern haben sich inzwischen viele Universitäten und Studenten verschrieben, obwohl es um eine kleine Minderheit in der Bevölkerung geht. Wie geht das? "Queere Leute sind in allen gesellschaftlichen Schichten vorhanden und treten an ihren Stellen und Positionen für ihre Rechte ein", sagt Manuela Tillmanns, die ebenfalls zum Netzwerk gehört. So würden auch "Professor:innen und Doktorand:innen ihre eigenen Interessen vertreten".

Ich frage mich, ob diese Sichtweise mehrheitsfähig ist oder ob sie zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beiträgt: Auf der einen Seite eine universitäre Elite und auf der anderen Seite Menschen, die sich sprachlich abgehängt fühlen. Bei den Altersgruppen lässt sich klar feststellen: Die 16- bis 29-Jährigen stehen mit 38 Prozent der Verwendung einer geschlechtersensiblen Sprache deutlich positiver gegenüber als die über 65-Jährigen mit sieben Prozent.

"Ich plädiere da für Gelassenheit", sagt die Feministin und Linguistin Luise Pusch. Bei der Sprache seien es im Wesentlichen die Jüngeren, die es gern machen und sich als fortschrittlich begreifen würden. "Die anderen sind eingeladen mitzumachen oder es zu lassen."

Ich denke mir, dass jede und jeder so sprechen sollte, wie sie oder er es möchte, weil Sprache eben doch etwas sehr Persönliches ist. Und entschuldigen Sie bitte, dass diese Formulierung nicht 100 prozentig genderneutral ist.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 06. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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