Der stille Schrei - Interview mit Autorin Lisa Hentschel "Gewalt an Kindern ist immer noch sehr präsent"

Ein Klaps auf den Po wird von vielen Menschen immer noch für eine weit verbreitete Erziehungsmethode gehalten. "Es ist erstaunlich, dass selbst niedrigschwellige Gewalt an Kindern noch immer Alltag ist", sagt Lisa Hentschel, die drei Jahre für "exakt – die Story" zu diesem Thema recherchiert hat. Im Interview erklärt die Autorin, wo laut Experten Gewalt an Kindern anfängt und welche Folgen die Corona-Krise für Betroffene haben könnte.

Ein Mann schreit ein Mädchen an.
Bildrechte: imago images/Shotshop

Frage: Wie haben Sie sich diesem sensiblen Thema angenähert?

Lisa Hentschel: "Es ist ein Thema, das Zeit braucht. Eben, weil es ein sensibles Thema für alle Beteiligten ist – allen voran für diejenigen, die selbst betroffen sind. An die heranzukommen, geht nur durch Vertrauen. Das dauert einfach echt lange. Also insofern kann man wirklich sagen, dass ich eigentlich vor drei Jahren angefangen habe."

Gab es Momente in der Recherche, von denen Sie sagen: Das habe ich so nicht erwartet?

"Ja klar, es ist ein Thema, das niemanden kalt lässt – auch wenn man versucht, da sehr professionell ranzugehen. Für mich waren das jedoch gar nicht die extremen Fälle, die schockierten. Als die Rechtsmedizinerin uns etwa Bilder von Schädeldecken gezeigt hat – von Kindern die zu Tode geschüttelt wurden. Da habe ich die Abgrenzung einigermaßen gut hinbekommen. Da konnte ich mich auf das medizinische konzentrieren: Verletzungsmuster, was passiert mit dem Kopf des Kleinkindes. Das war irgendwie abstrakt.

Erschrocken war ich in Momenten, in denen deutlich wurde, wie alltäglich Gewalt an Kindern immer noch ist. Ein Beispiel: bei einer ‚ganz normalen‘ Umfrage in der Magdeburger Innenstadt. Dabei ging es darum, Menschen zu fragen, ob Gewalt für sie bereits bei einem Klaps anfängt. Und wenn dann nach einer 10-sekündigen Pause die Antwort kommt: 'Klaps ist ja nicht gleich Klaps' und dabei macht die Person noch eine ausholende Schlagbewegung. Das war für mich so eine Situation, wo ich gedacht habe: Wahnsinn, wie präsent und wie akzeptiert Gewalt an Kindern immer noch ist."

Lisa Hentschel
Lisa Hentschel hat drei Jahre für den Beitrag "Der stille Schrei - Gewalt hinter verschlossenen Türen" recherchiert. Bildrechte: Lisa Hentschel

Sie haben 2020 für den Film auch eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Wie würden Sie die Ergebnisse einordnen?

"Da gibt es zwei Ergebnisse. Zum einem gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen den ältesten (65 plus) und den jüngsten Befragten (18 bis 29 Jahre). Wenn es darum geht zu sagen: Inwiefern glauben Sie, dass ein Klaps auf den Po immer noch eine verbreitete Erziehungsmethode ist? Dann stimmen dem die ältesten Befragten am meisten zu, die jüngsten am wenigsten.

Das andere wesentliche Ergebnis ist, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland gibt. Vor allem die Menschen aus den 'neuen Bundesländern' gehen immer noch davon aus, dass der Klaps eine verbreitete Erziehungsmethode ist."

Eine andere Frage: Ist Gewalt gegen Kinder auf bestimmte soziale Schichten begrenzt?

"Ja, das ist das, was man denkt, wenn man mit der Recherche beginnt. Und es gibt durchaus Wissenschaftler und Ärzte, die sagen: Gerade die Gewalt, die von außen sichtbar ist – die offene, körperliche Gewalt – passiert häufiger in bildungsferneren Schichten. Und die subtilere Gewalt passe in Schichten mit höherem Bildungsstandard. Andere lehnen diese Unterschiede komplett ab. Darunter die Polizistin, die ich in Berlin getroffen habe. Sie hat jahrzehntelang in 600 Fällen von Kindstötungen ermittelt und sagt: Auch körperliche Gewalt an Kindern passiert überall!"

Was würden Sie sagen, wo fängt sie an? Ist es ein Klaps auf den Po oder kann das auch schon verbal geschehen?

"Dazu hat Doktor Andreas Krüger, der in Hamburg schwerst traumatisierte Kinder und Jugendliche betreut, etwas ganz schönes gesagt:  Es gibt einen extremen Unterschied, ob man bestraft oder ob man konsequent handelt. Ein Negativbeispiel wäre etwa, wenn sich das Kind irgendwie blöd verhalten hat und man dann zu ihm sagt: Ich finde dich so ätzend, zur Strafe gehe ich mit dir heute definitiv kein Eis mehr essen.

Etwas anderes wäre es, in derselben Situation zu sagen: Weißt du, ich bin immer noch genervt, ich habe jetzt schlechte Laune und keine Lust, heute irgendetwas Schönes zu unternehmen. Lass uns das wann anders machen. Man bleibt bei sich. Man ist konsequent. Man sollte ja auch sein eigenes Ding durchziehen und sich selbst ernst nehmen und nicht immer dem Wunsch des Kindes entsprechen.

Aber da ist dieser Unterschied: konsequentes Handeln, bestrafendes Handeln. Sobald man seine Macht dem Kind gegenüber ausnutzt, fängt – so sagt das zumindest auch Doktor Krüger – Gewalt an Kindern schon an."

Ein Kind isst Eis.
Das Negativbeispiel: Zur Strafe gehe ich mit dir heute kein Essen. Bildrechte: IMAGO

Welchen Tipp würden Sie Eltern geben, damit sie ihren Kindern angemessen begegnen können?

"Da gebe ich gerne wieder einen Tipp vom Experten weiter: Ich glaube, es ist wichtig, dass man auch eigene Fehler eingesteht. Dass man dem Kind etwa auf Augenhöhe begegnet und sich bei ihm entschuldigt, wenn man eine Grenze überschritten hat. Denn Fehler passieren mit Sicherheit jedem Elternteil. Und die Frage ist: Wie gehe ich persönlich damit um?"

Welche Rolle spielt die Corona-Krise, wenn es um Gewalt gegen Kinder geht?

"Ich war erstaunt, wie plötzlich alle auf das Thema häusliche Gewalt schauen. Vorher war dazu wenig zu hören – höchstens zu aktuellen Anlässen. Nun aber dachten alle, dass in der Krise die Emotionen stärker eskalieren. Davon gehen auch nach wie vor diejenigen aus, die im direkten Kontakt zu betroffenen Kindern stehen. Nur ist es – das sagt zum Beispiel die Rechtsmedizinerin, die ich begleitet habe – seit der Pandemie ruhiger geworden. Und genau das sei das Problem: Bislang können alle nur mutmaßen, dass häusliche Gewalt oder Gewalt an Kindern durch die Einschränkungen zugenommen hat."

Es gab ja während der Zeit des Lockdowns auch weniger Kontrollinstanzen?

"Ja, darauf will ich hinaus. Vorher gab es Kontrollinstanzen, ob Schule oder Kindergarten, in denen blaue Flecken an einem Kind aufgefallen sind. Ich glaube schon, dass Corona eine unangenehme Stille gebracht hat. Auch die Hilfsvereine mussten ja schließen. Auch, wenn sie dann telefonisch oder digital zu erreichen waren; sind die Hürden für die Betroffenen, über ihr Leid zu berichten, so noch größer geworden.

Aber mir ist es wichtig, auch noch einmal zu betonen, dass es nicht so ist, dass die Gewalt vorher kaum vorhanden war, so habe ich das nicht erlebt. Ich habe noch vor Corona angefangen zu recherchieren. Bereits da haben die, mit denen ich gesprochen habe, gesagt: Gewalt an Kindern ist noch immer Alltag."

Zusammengefasst ist es also im Moment ein Stochern im Dunkeln?

"Das ist es. Das sagen ja auch die, die ganz nah an den Kindern dranstehen: die Rechtsmedizinerin, der Kinderarzt, die Therapeutin. Die sagen, dass sie über das Ausmaß der Gewalt in Zeiten der Corona-Pandemie nur mutmaßen können. Es wird noch Jahre dauern, die Auswirkungen dessen anzugehen, was innerhalb der letzten Monate passiert ist."

Über Lisa Hentschel Nach dem Multimedia-Volontariat beim MDR war Lisa Hentschel 2016 als VJ und Autorin für MDR Wissen unterwegs und begann damals auch als Autorin für „exakt – die Story“ Filme zu drehen. 2017 hat sie den Journalistennachwuchs-Preis Sachsen-Anhalt für ein Multimediaprojekt über Leistungsdruck für MDR Sputnik gewonnen. 2019 ist Lisa Hentschel von Leipzig nach Hamburg gezogen und moderiert dort bei NDR Kultur, ist Autorin beim Hamburg Journal, sowie Onlinerin für NDR 90,3. Gleichzeitig arbeitet sie noch in der Redaktion „Lange Formate“ in Magdeburg – in der auch der Film entstanden ist.

Das Interview wurde zur Erstausstrahlung des Films im August 2020 geführt.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 03. März 2021 | 20:45 Uhr

8 Kommentare

Atze1 vor 38 Wochen

"...trauern ...immer noch den alten Zeiten nach"

Ich sehe Ihnen nach, dass ich nicht weiss, was Sie Schlimmes erlebt haben. Ich habe mein Leben lang mit jungen Menschen zu tun gehabt und mir ist nie die Hand ausgerutscht. Im beruflichen und im persönlichen Leben. Ich bin auch über Jahre mit Schwererziehbaren im Kontakt gewesen und mein Credo ist Achtung, Achtung, Achtung. Mit Worten und Hinwendung kann vieles geklärt werden. Schlimm ist aber, wenn diejenigen, die Geschlagen wurden, dann selbst zu diesem Mittel greifen. Dieser Kreislauf kann nur von Ihnen selbst unterbrochen werden. Das wäre dann ausgezeichnet. Schlagen ist nur Angst, die Lage nicht zu beherrschen. Eine Schwäche.

do it yourself vor 38 Wochen

Corona hilft geschundenen Seelen nicht wirklich. Familien unternehmen mehr gemeinsam. Freiräume nutzen und ganz "neue" Wege gehen - Eis gab es beim Lockdown mehr als Hefe, Nudeln und Klopapier, liest sich als Erziehungsmethode naiv, da Süßigkeiten als Belohnungen nur Ersatz für Anerkennung waren, sind und bleiben.

do it yourself vor 38 Wochen

verhört trifft es wohl eher, schon der Weg ins Gebäude war einschüchternd aber die Psychotricks sind wohl immer noch ...
nach 30 Jahren grenzenlose Freiheit trauern einige Ossis immer noch der schlimmen Zeiten hinterher
--------------------
verbale Gewalt erfahren Kids oft in bildungsarme Umgebung, in Schraplau redeten schrecklich und erschrocken schon Kleinkinder in gossenhaftem Jargon

Ein Angebot von

Mehr aus Deutschland