Vor Ort versus zu Hause Spaltet Homeoffice die Belegschaft eines Unternehmens?

Seit über einem Jahr gehört das Homeoffice zum festen Bestandteil bei den meisten Unternehmen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung hat herausgefunden, dass die Unzufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor Ort im Betrieb arbeiten, gewachsen ist. Außerdem drohe eine Spaltung zwischen Vor-Ort-Arbeitenden und ihren Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice. Welche Folgen hat das für die Arbeitswelt?

Ein Mann im Anzug sitzt in einem Großraumbüro und schaut auf sein Smartphone
Wer im Büro arbeitet, ist unzufriedener als Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice. Bildrechte: imago/Westend61

Jörg Habich, Experte für Führung und Unternehmenskultur bei der Bertelsmann Stiftung, findet, dass die Ergebnisse der Studie schon so etwas wie ein kleines Alarmzeichen seien. Unter den 1.133 befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern hatten 21 Prozent (jede und jeder Fünfte) angegeben, dass sich ihr Wohlbefinden seit der Corona-Pandemie verschlechtert habe. Bei den Vor-Ort-Arbeitenden – also denjenigen, die weiterhin im Unternehmen tätig sind – seien es sogar 31 Prozent.

Sozialer Austausch fehlt

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Der soziale Austausch im Homeoffice sei stark zurückgegangen – "nicht nur bei denjenigen, die im Homeoffice sind, sondern auch bei denjenigen, die weiter vor Ort gearbeitet haben", so Habich.

Man hat nicht mehr die Möglichkeit, seine Kolleginnen und Kollegen beim Mittagessen in der Kantine oder irgendwo auf dem Flur zu treffen. Das fehlt und dafür brauchen wir entsprechende Maßnahmen.

Jörg Habich, Experte für Führung und Unternehmenskultur bei der Bertelsmann Stiftung

Habich sieht Anzeichen für eine Spaltung der Arbeitnehmerschaften. Deshalb müssten Führungskräfte und Personalabteilungen angepasste Lösungen finden. Eine Standard-Lösung für alle gebe es nicht. Beispielsweise könnten soziale Events digital veranstaltet werden, wo sich Angestellte auch über ihre Gefühle und Emotionen während der Pandemie austauschen oder über Themen außerhalb der Arbeit reden könnten. Das sei eine Möglichkeit, Kollegen und Kolleginnen wieder in sozialen Austausch zu bekommen.

Stefan Weißwange, IT-Projektleiter aus Halle 9 min
Bildrechte: MDR/Weißwange

Jörg Förster vom Landesbezirk für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kann eine mögliche Spaltung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bisher nicht erkennen. Ihn beunruhigt, dass die Belastung im Homeoffice weiterhin hoch sei – zum Beispiel wenn noch Homeschooling beaufsichtigt werden müsse.

Führungskräfte können Spaltung entgegenwirken

Unabhängig davon wolle Verdi gemeinsam mit Betriebs- und Personalräten helfen, eine drohende Spaltung zwischen Beschäftigten vor Ort und denen, die zu Hause arbeiten, zu verhindern. "Flexiblere Arbeitszeitmodelle, Verschmelzung von Arbeitsaufgaben und regelmäßige Abstimmungen zwischen allen Beteiligten sind hierfür zwingende Voraussetzungen", so Förster.

Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitern eine klare Perspektive aufzeigen und vor allem deren Interessen einbeziehen.

Jörg Förster, Verdi

Ute Zacharias vom Allgemeinen Arbeitgeberverband Thüringen kann bisher keine Spaltung oder Unzufriedenheit innerhalb der Arbeitnehmerschaften entdecken – zumindest nicht in den Mitgliedsbetrieben ihres Verbandes. "Sollte das auftreten, ist das natürlich eine Management-Aufgabe, gegenzusteuern. Das tun die Führungskräfte in den Firmen auch." So würden Möglichkeiten gesucht, wie sich Beschäftigte begegnen können. Und nach der Pandemie sei das ohnehin wieder stärker möglich.

Eine Spaltung in den Firmen unter der Belegschaft kann ich nicht erkennen. Und die muss man auch nicht herbeireden.

Ute Zacharias, Allgemeiner Arbeitgeberverband Thüringen

Besonders problematisch, so die Bertelsmann-Studie, sei das Fehlen der sozialen Kommunikation für junge Menschen, die gerade in den Beruf einsteigen – gerade dann, wenn vorher noch keine persönliche Beziehung zu Kollegen und Kolleginnen aufgebaut werden konnte. In dieser Gruppe erlebe nur die Hälfte der Befragten das Homeoffice als positiv.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Mai 2021 | 06:00 Uhr

11 Kommentare

aus Elbflorenz vor 28 Wochen

Wenn Arbeitnehmer besser im Betrieb arbeiten können und darum zum Betrieb fahren, dann ist das deren gutes Recht. Dies gilt auch für psychisch Kranke oder Behinderte, welche zuhause kaum oder gar nicht arbeiten können.
Dass Arbeitgeber die Arbeitsplätze selber zur Verfügung stellen, wurde mal hart erarbeitet (man denke an Hauptmanns "Die Weber" oder die klassische Heimarbeit in prekären Verhältnissen"). Freiwillig Homeoffice (macht in der Praxis derjenige, der weit pendeln muss) ist okay, Pflicht zur Heimarbeit kehrt diese Errungenschaften wieder um.

kleinerfrontkaempfer vor 28 Wochen

Die Arbeitnehmer werden sich daran gewöhnen müssen. Solange der Umsatz, der Gewinn, der Profit stimmt. Umfragen und Statistiken zur "Heimarbeit", neudeutsch Homeoffice, sind in der Regel allgemein gehalten. Da wird von "vielen" Betroffenen geredet und geschrieben. In der Regel sind ja Bürojobs betroffen. Dagegen stehen Millionen prekär Beschäftigte, mitunder nicht nur in einem Arbeitsverhältnis.
Bezeichnend war ein Interview mit dem Unternehmer Herrn Grupp von Trigema Textilien. (Bekannt von der Werbung mit dem Affen). Der lehnt Heimarbeit grundsätzlich ab. Er braucht seine Mitarbeiter greifbar+sprechbar sofort vor Ort.

DanielSBK vor 28 Wochen

Fühle mich benachteiligt und gemobbt ... als Maurer habe ich kein Homeoffice .... wo ist eine NGO die für mich als Opfer kämpft ???
Ich sozusagen ein "working people with white color"... Ich bin empört!
#EinfachMalneWandMauern

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