Integration Wie Afghanen in Mitteldeutschland integriert werden

Am Dienstag treffen sich die Innenminister der EU zu einer Sondersitzung: Wer nimmt welche und wie viele afghanische Geflüchtete auf? Um diese Frage geht es. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hat sich vergangene Woche schon festgelegt und gesagt: Österreich werde keine Menschen aus Afghanistan aufnehmen. Begründet hat er das unter anderem damit, dass Afghaninnen und Afghanen schwerer zu integrieren seien als andere Bevölkerungsgruppen. Ist das so?

Die afghanische Familie Fasli Tochter Asma (l-r), Vater Gulmohammad, Mutter Sachaima und Tochter Maleka gehen im Stadtzentrum spazieren.
Migrationsforscher sehen keine Zusammenhang zwischen Herkunft und Integrationsbereitschaft. Bildrechte: dpa

Was bedeutet "gut integriert sein"? Schwer zu beantworten, sagt Niklas Harder. Er ist der Co-Leiter der Abteilung Integration am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. Es gebe in der Forschung keine einheitliche Definition. Es gebe aber so eine Art Konsens: Ein selbstständiges Leben in Deutschland führen können – indem man die Sprache spricht, eine Beschäftigung findet, ein soziales Netzwerk hat etwa.

23.500 Afghaninnen und Afghanen leben in Mitteldeutschland

Ein Bild darüber, wie "gut integriert" Afghaninnen und Afghanen in Mitteldeutschland sind, kann man sich deshalb nur begrenzt machen. Nach den jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes leben etwa 23.500 Afghaninnen und Afghanen in Mitteldeutschland. Sie sind damit die viertgrößte Gruppe mit ausländischem Pass. Zum Vergleich: etwa 65.000 syrische Menschen leben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, gefolgt von gut 44.000 polnischen und 32.000 rumänischen Staatsangehörigen.

Die Regionaldirektionen der Bundesagentur für Arbeit für Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen liefern MDR AKTUELL Datenreihen, die zeigen: Parallel zum Einwanderungszuwachs ist sowohl die Zahl der als arbeitslos gemeldeten Afghaninnen und Afghanen in Mitteldeutschland gestiegen als auch die Zahl der afghanischen Beschäftigten. Ähnliches gilt für irakische und syrische Bürgerinnen und Bürger, die seit 2015 verstärkt zuwandern.

Geert Mackenroth
Geert Mackenroth, Ausländerbeauftragter Sachsen Bildrechte: dpa

Geert Mackenroth, der sächsische Ausländerbeauftragte, sagt, ihm liege kein statistisches Material für besondere Auffälligkeiten in bestimmten Ethnien vor. "Mir ist davon nichts bekannt und es gilt der alte Grundsatz, es gibt hier wie da Menschen, die so bunt sind wie das Leben selbst und vor Pauschalisierung würde ich mich hüten."

Kriminalstatistik: Vor allem Verfahren wegen Asyl- und Aufenthaltsverstößen

Auch in der polizeilichen Kriminalstatistik Sachsens sind tatverdächtige Afghaninnen und Afghanen seit 2015 zwar deutlich häufiger aufgeführt, aber es sind auch deutlich mehr Menschen auf Afghanistan gekommen. Zudem bezieht sich ein Großteil der Verfahren auf Verstöße gegen das Aufenthalts- oder Asylverfahrensgesetz.

Unter allen nichtdeutschen Tatverdächtigen kam 2020 die größte Gruppe aus Syrien mit knapp zehn Prozent, gefolgt von Polen, der Ukraine und Rumänien. Mit rund fünf Prozent kommt Afghanistan an fünfter Stelle. Niklas Harder vom DeZIM-Institut gibt zu bedenken: Geflüchtete in Erstaufnahmeunterkünften würden viel stärker überwacht und häufiger kontrolliert als andere.

Migrationsforscher: Herkunftsland kein Hinweis für Integrationsbereitschaft

Das Herkunftsland kann laut Harder keinen Hinweis auf die Integrationsbereitschaft der Menschen geben – wohl aber auf die des Aufnahmelandes. Grundsätzlich sei es nicht falsch, in Gruppen zu sprechen. Nur die Gruppe müsse zur Frage passen. Wenn die Frage laute: "Integrieren sich Menschen aus Land X grundsätzlich besser oder schlechter als die aus einem anderen Land?", sei das möglicherweise keine gute Gruppierung, da in einem Land sehr viele unterschiedliche Menschen leben.

Das habe sich bei der Migration aus der Türkei gezeigt. Zunächst seien vor allem Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus ländlichen Regionen gekommen. Nach dem Putschversuch kamen dann höher gebildete Menschen aus den urbanen Zentren. Die Voraussetzungen seien jeweils anders.

Afghanen wurden Integrationschancen systematisch verwehrt

Niklas Harder DeZIM-Institut

Mit Blick auf Migrantinnen und Migranten aus Afghanistan sagt Harder: "Es ist momentan in Deutschland vielleicht tatsächlich so, dass die in den letzten Jahren gekommenen Afghanen nicht so gut integriert sind." Das liege aber nicht daran, dass diese sich nicht gut aktiv integrieren. Es liege daran, dass Deutschland ihnen in den letzten Jahren systematisch Integrationschancen verwehrt habe. "Und dabei sei das Herkunftsland tatsächlich wichtig."

Viele Menschen aus Afghanistan wurden nur geduldet, haben subsidiären Schutz erhalten oder haben sehr lange Asylverfahren. Mit diesen unsicheren Rechtssituationen sei die Anmeldung zu einem Sprachkurs oder die Möglichkeit zu arbeiten deutlich schwieriger als mit einer sogenannten "guten Bleibeperspektive". Integration sei am Ende nicht nur Sache der migrierenden Personen, sondern auch des Aufnahmelandes.

Mackenroth will weitere Menschen aus Afghanistan aufnehmen

Das sieht auch der sächsische Ausländerbeauftragte Geert Mackenroth so: "Richtig ist, dass im Freistaat Sachsen und in Mitteldeutschland im Vergleich zur Aufnahmegesellschaft im Westen eine gewisse größere Aufnahmeskepsis da ist. Das hat verschiedene Ursachen, über die wir hier nicht reden müssen. Da müssen wir ein bisschen aufpassen." Das bedeute für diejenigen, die sich dem Thema Integration widmen gewisse Herausforderungen. "Und da müssen wir dann eben besondere Anstrengungen unternehmen."

Eine Landkarte stellt dar, wie viele Ortskräfte aus Afghanistan in Sachsen bisher wohin verteilt wurden
Verteilung von Ortskräften aus Afghanistan in Sachsen Ende August. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mackenroth spricht sich deshalb für die Aufnahme weiterer Menschen aus Afghanistan aus. Er kritisiert, die von einigen Länderchefs pauschal erklärte Nicht-Bereitschaft zur Aufnahme sei nicht besonders hilfreich in dieser Situation, die man in Afghanistan sehe. "Da ist doch zumindest mal Empathie angebracht."

Der Migrationsforscher Niklas Harder ist sich außerdem sicher: Afghanische Hilfskräfte, die für die Bundeswehr oder deutsche und internationale Organisationen gearbeitet haben, werden wahrscheinlich sehr gute Voraussetzungen mitbringen, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. August 2021 | 08:17 Uhr

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