Interview Architekt Günther Gruner: "Ich könnte meinen Enkeln nichts mehr zeigen"

Das "Picknick" war zu DDR-Zeiten das modernste Schnellrestaurant Dresdens. Im Volksmund hieß es bald schon "Dreckscher Löffel". Wir konnten einen der Architekten, Günther Gruner, in dem alten Gebäude treffen. Der Besuch war für ihn auch ein Abschied.

Das Picknick war etwas Besonderes in Dresden. Was war neu?

Es war ein sogenanntes Durchlauf-System. Man hat sich am Eingang einen Bon geholt. Dann ist man durchgelaufen, hat sich genommen, was man wollte. Und hinten hat man bezahlt. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.

Wie wichtig war ihnen und ihren Mitstreitern der Bau?

Älterer Herr mit Brille vor Aufnahmen des DDR-Restaurants Picknick
Architekt Günther Gruner hat das Schnellrestaurant Picknick mitentworfen. Bildrechte: MDR

Wir waren junge Leute, frisch von der Hochschule. Wir waren begeistert, dass wir als Anfänger so eine Aufgabe bekommen hatten. Das ist ein Stück Herzblut von uns gewesen. Es war ja Nachkriegszeit. Es wurde noch gehungert. Wir haben Dresden Stück für Stück wieder aufgebaut. Und dann nach der Wende kamen die Bagger und haben alles wieder abgerissen. Ich könnte meinen Enkeln nichts mehr zeigen von dem, was ich gemacht habe.

Im Volksmund hieß das Lokal „Dreckscher Löffel“. Hat die Hygiene nicht gestimmt?

Ich denke nicht. Das war hygienisch einwandfrei hier. Das Geld zum Beispiel hat man erst ganz zum Schluss angefasst. Das war weit weg von den Speisen. Und es gab auch genug Räume für das Personal. Das war großzügig gestaltet, sogar mit Duschen. Das ist in modernen Gaststätten gar nicht mehr üblich.

Wie hat das Gebäude die Jahrzehnte überstanden? Ist es abrissreif?

Restaurant Dreckscher Löffel in Dresden 2021
Das Schnellrestaurant Picknick vor dem Abriss. Bildrechte: MDR

Noch lange nicht. Sie sehen ja die Beton-Wände. Von der Machart würde das Haus noch Jahrzehnte halten. Aber es wird wirtschaftlich nicht mehr genutzt.

Warum, weiß ich auch nicht. Hier ist ja ein Platz mit viel Verkehr. Man hätte das schon weiter als Schnellrestaurant nutzen können.

Sie haben auch das HO-Restaurant Am Zwinger mitgeplant und das International. Warum solche Komplexe?

Wir mussten das damals so machen. Die Wirtschaft in der DDR war nicht in der Lage, das anders zu organisieren. Die HO hat die Waren dort zentral angeliefert. Und diese Gaststätten waren total gefragt. Da war immer Hochbetrieb. Aber nach der Wende hatte die Bevölkerung andere Wünsche. Da wurden diese Komplexe nicht mehr gebraucht.

Sie sind inzwischen verschwunden. Wären sie erhaltenswert gewesen?

Ich finde ja. Jede dieser Gaststätten war ein Juwel. Sicher hätte man sie noch verwenden können. Aber die neuen Besitzer hatten andere Gedanken. Und da wurde nicht gefragt, ob man das erhalten kann. Sondern es kam der Bagger und brachte das ganze Zeug weg. Und heute stehen hier Häuser, über deren Wert man sich sicher streiten kann.

Sind Sie traurig, dass Ihre Bauten so schnell wieder verschwunden sind?

Ein Bäcker, der Brötchen backt, weiß jeden Abend, dass die am nächsten Tag weg sind. Das ist sein Beruf, das stört ihn nicht. Aber ein Planer plant eigentlich für die Zukunft. Und wenn das zu Lebzeiten schon wieder verschwindet, da fragt man sich schon: Warum hab ich mir die Mühe gemacht? Aber immerhin habe ich meine Freude gehabt an der Arbeit. Und ich habe Bilder von vielen Gebäuden. Sie halten die Erinnerung wach.

Quelle: MDR UMSCHAU

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 13. April 2021 | 20:15 Uhr

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