Pandemie Ungleichheitsforscher: "Wir müssen Armut neu bewerten"

Rebecca Nordin Mencke
Bildrechte: Rebecca Nordin Mencke

Einkommen ist häufig das zentrale Merkmal, um Armut zu messen. Während der Pandemie ging das für einige Menschen durch weniger Aufträge oder Jobverlust zurück. Eine abschließende Bewertung des Corona-Effekts auf die Armut in Deutschland ist noch nicht möglich. Doch gerade in der Corona-Krise fallen auch noch andere Faktoren verstärkt ins Gewicht, erklärt der Soziologe Olaf Groh-Samberg.

In einer Halle des Berliner Großmarkts packen ehrenamtliche Helfer der Berliner Tafel mit Atemschutzmasken Lebensmittel ein
Die Tafeln in Deutschland berichten von einem Anstieg ihrer Kundinnen und Kunden. Präzise Daten gibt es aber gerade bei extremen Formen von Armut kaum. Bildrechte: imago images/snapshot

In einer Umfrage im vergangenen Sommer gab jeder Vierte an, Einkommensverluste durch Corona verzeichnet zu haben – besonders Menschen mit niedrigem Einkommen. Was wissen wir bisher darüber, welchen Einfluss dabei tatsächlich die Pandemie gespielt hat?

Olaf Groh-Samberg, Soziologe
Bildrechte: Olaf Groh-Samberg

Die Daten dazu haben wir noch nicht so richtig vorliegen. Es gibt sicherlich Hinweise darauf, dass die Einkommensverluste da am größten oder groß sein werden, wo die Einkommen ohnehin gering waren: Also gerade in Minijobs oder Beschäftigungen, die schnell gekündigt wurden. Andererseits wissen wir auch, dass wir gerade bei den Einkommensverlusten neue Gruppen haben werden, nämlich die Selbstständigen, die eigentlich nicht immer zum Kern der Armutspopulation gehört haben. Man kann auch mit Umfragen schon eine subjektive Abfrage von Einkommensverlusten machen. Aber für flächendeckende Analysen der Corona-Effekte auf die Einkommen ist es noch zu früh. Wirklich verlässlich kann man dazu vielleicht etwas in zwei Jahren sagen, da sind wir einfach immer ein bisschen später dran.

Welche Bedeutung hat denn das Einkommen beim Thema Armut insgesamt?

Um Armut zu bewerten, haben wir bisher eine starke Konzentration auf Einkommen und das ist natürlich ein fundamentaler Aspekt. Aber Corona hat die Situation auch nochmal stark verändert. Ich denke, da wird es sehr wichtig sein, die nicht-monetären Einschränkungen nochmal mit zu bewerten und anders zu bewerten.

Wir schauen ja deswegen auf Einkommen, weil wir sagen, in einer Marktgesellschaft ist das Einkommen der wichtigste Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe. Aber die Corona-Bedingungen haben für Menschen gerade mit geringem Einkommen nochmal ganz viele Kompensationsmöglichkeiten weggenommen und andere Belastungen verstärkt.

Welche Faktoren halten Sie da für besonders wichtig?

Beispielsweise geht es um die Bedeutung von Wohnraum. In nicht-Pandemie-Zeiten ist es auch für ärmere Menschen, die in kleinen Wohnungen ohne Balkon und Garten leben, natürlich möglich, viel Zeit außerhalb der Wohnung zu verbringen. Unter Lockdown-Bedingungen ist das nicht möglich. Wenn ich dagegen ein großes Einfamilienhaus mit Garten habe, kann ich beispielsweise die Kinder auch mal in den Garten schicken und habe sie nicht die ganze Zeit in der Wohnung. Also diese Ungleichheiten in den materiellen Lebensbedingungen gewinnen unter Pandemiebedingungen eine viel größere Bedeutung.

Das betrifft aber auch etwa Beratungsangebote, Unterstützungsangebote und Betreuungsangebote. Darauf sind Menschen in finanzieller Armut stärker angewiesen als andere und wenn das wegfällt, verschärfen sich die Ungleichheiten der Lebensbedingungen und Lebenschancen nochmal massiv. Also das wird eine gewisse Herausforderung sein für den kommenden Armuts- und Reichtumsbericht oder generell die Analyse von Armut unter Bedingungen des Lockdowns. Wir müssen versuchen, die Gesamtheit der Lebenssituation der Menschen zu erfassen und auch all diese Belastungen gut zu erfassen.

Also lässt sich Armut vor der Pandemie letztlich schwer mit Armut während der Pandemie vergleichen?

Solche Vergleiche sind nie ganz einfach. Es gab ja die Aussage "In der Pandemie sind alle gleich" und an bestimmten Punkten hat sie ja vielleicht auch Ungleichheiten reduziert, weil bestimmte Sachen für alle weggefallen sind, oder weil auch Selbstständige mal stärker betroffen waren. In der Finanzkrise konnten wir beispielsweise beobachten, dass Reichere oder Selbstständige kurzfristig stärker betroffen waren und dadurch die Ungleichheit etwas runtergegangen ist. Das zeichnet sich auch unter Pandemiebedingungen etwas ab. Andere Ungleichheiten haben sich aber massiv verschärft, vor allem das Leben in den Familien. Ich glaube also schon, dass wir bestimmte Faktoren neu bewerten müssen unter den Corona-Bedingungen, weil sie eine neue Relevanz gewonnen haben.

Im Umkehrschluss ist es ein gutes Zeichen, dass unsere Gesellschaft unter normalen Bedingungen viel abfedert. Aber unter Pandemiebedingungen fällt das weg und es ist eine riesige Herausforderung, das abzufedern.

Die Tafeln in Deutschland berichten ja von einem tendenziellen Anstieg der Kundinnen und Kunden während der Pandemie. Gleichzeitig scheint es in dem Bereich aber keine gesicherten, repräsentativen Daten zu geben. Bleibt da letztlich vieles aus dem Bereich Armut im Dunkeln?

Das Problem haben wir ohnehin. Wir kennen das vor allem aus der Wohnungslosenstatistik: Da gab es Studien zum Armuts- und Reichtumsbericht, die versuchten, Daten zu generieren. Die Messungen zeigten dann aber erhebliche Abweichungen, je nachdem was für eine Methode man verwendet. Es ist nicht ganz einfach, das was wir als absolute Armut fassen, also extreme Formen von Armut wie Wohnungslosigkeit oder Angewiesenheit auf Angebote wie Tafeln gut zu messen.

Ab wann werden denn aus den verschärften Bedingungen während der Pandemie langfristige Effekte, die über die Pandemie hinaus Auswirkungen haben?

Bei der Finanzkrise konnten wir beispielsweise beobachten, dass Reichere oder Selbstständige erst einen kleinen Einbruch hatten. Sie konnten sich aber relativ schnell davon erholen. Andererseits wissen wir aus berühmten Studien etwa zur Großen Depression in den USA der 1930er Jahre, dass solche Krisen für bestimmte Personengruppen Effekte über das ganze Leben hinweg haben werden. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir noch in 20 Jahren einen Effekt bei den Jahrgängen sehen werden, die in den Corona-Jahren ihre Schulabschlüsse hätten erwerben oder ins Berufsleben eintreten sollen. Der Effekt wird nicht riesig sein, aber ich würde vermuten, dass man da auch langfristige Effekte sieht. Also gerade solche biografischen Weichenstellungen sind von großer Bedeutung: Die Frage, mache ich eine Ausbildung oder ein Studium? Breche ich mein Studium ab und mach doch eine Ausbildung? Wenn massenhaft Menschen in ihren Entscheidungen durch die Pandemie beeinflusst werden, wird man das auch später sehen. Und wir wissen, dass die Bildungsmöglichkeiten in der Pandemie für untere soziale Schichten nochmal extrem schlechter waren. Kinder aus Familien mit höherer Bildung kamen dagegen viel besser klar mit Homeschooling.

Oder wenn Sie an Gewalt in der Familie denken, wo man weiß: Das traumatisiert ein Leben lang. Wenn sich das unter Pandemiebedingungen verschärft, wird man solche Effekte auch sehen, aber empirisch in den Daten wird sich das erst viel später abzeichnen. Also es gibt Anzeichen dafür, dass die Belastung in den Familien größer geworden ist. Man weiß, dass die telefonische Anfrage wegen Problemen in der Familie gestiegen ist. Aber richtig gute, gesicherte repräsentative Daten hat man dafür noch nicht.

Auch die gesundheitlichen Auswirkungen und Belastungen sind wichtig. Wir wissen, dass die Sterblichkeit durch die Pandemie in den Stadtteilen mit einem niedrigeren Sozialindex stärker gewesen ist. Deshalb denke ich, das was eigentlich hinter dem Begriff Armut steht, nämlich eine Benachteiligung im Leben, dass sich das unter Pandemiebedingungen verschärft hat – auch dann, wenn sich vielleicht gar nicht unbedingt die Einkommenssituation so drastisch verschlechtert hat. Aber insgesamt haben sich die Auswirkungen auf das Leben, wenig Geld zu haben, unter Pandemiebedingungen nochmal verstärkt.

Quelle: MDR AKTUELL/ rnm

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. August 2021 | 06:00 Uhr

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