Kommentar Freiheit als Lebensthema: Joachim Gauck erhält Point-Alpha-Preis

Im US Camp der Gedenkstätte Point Alpha im hessischen Rasdorf erhält Joachim Gauck am Donnerstag den Point-Alpha-Preis 2022. Mit der Auszeichnung des Kuratoriums Deutsche Einheit e.V. und der Point-Alpha-Stiftung werde der ehemalige Bundespräsident für seine "besonderen Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit" geehrt, teilte die Stiftung mit. Ein Kommentar von Jan Schönfelder.

Joachim Gauck
Ob als Volkskammer-Abgeordneter, Sonder- und Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen oder Bundespräsident: Stets bewies Joachim Gauck seinen eigenen Kopf. Bildrechte: dpa

Wenn Altbundespräsident Joachim Gauck am Donnerstag den Point-Alpha-Preis 2022 erhält, ist das für viele Menschen folgerichtig und andererseits für einige Menschen sicher auch irritierend. Folgerichtig ist die Auszeichnung aus mehreren Gründen: Gauck war ein Gegner der DDR. Er schloss keine Kompromisse mit dem Staat.

Gauck verkörpert den selbstbewussten Ostdeutschen, der im Zuge der Friedlichen Revolution von 1989 Verantwortung übernahm. Der Pastor lud in Rostock zu Friedensgebeten ein und saß für die Bürgerrechtsbewegung Neues Forum wenige Monate später in der freigewählten Volkskammer sowie für einen Tag im Bonner Bundestag.

Bekannt wurde Gauck aber vor allem als Sonder- und später als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er prägte seine umstrittene Behörde so sehr, dass sie schnell als "Gauck-Behörde" bekannt wurde. Anfang der 1990er-Jahre wurden Ostdeutsche "gegauckt", wenn sie auf eine mögliche Stasi-Vergangenheit überprüft wurden.

Den Osten im Westen erklärt

Nach dem Ende seiner Amtszeit ging Gauck nicht zurück in den Pfarrdienst und wurde auch nicht Parteipolitiker. Stattdessen engagierte er sich in verschiedenen Vereinen und Verbänden. Sein Thema war nicht nur der Umgang mit der Vergangenheit. Er gab zwar den Opfern der SED-Diktatur eine Stimme und wandte sich immer wieder gegen das Vergessen. Aber Gaucks Thema war und ist die Freiheit. Sie ist quasi sein Lebensthema.

Gauck legte eine vielbeachtete Autobiografie vor, in der er einerseits seinen gewachsenen Antikommunismus und andererseits seine Sehnsucht nach Freiheit beschrieb. Als Vortragsreisender erklärte er vor allem im Westen den Osten.

Blick über den deutschen Tellerrand hinaus

Dann wurde Gauck 2012 zum Bundespräsidenten gewählt. In diesem Amt war er zwar der erste Ostdeutsche, aber das spielte keine große Rolle. Denn Gauck schaute über den deutschen Tellerrand hinaus und stellte Fragen, die nicht bequem waren und dem allgemeinen Mainstream oft nicht entsprachen. Gauck ist eben kein Parteipolitiker. Er hat stets seinen eigenen Kopf.

Und schließlich ist die Auszeichnung mit dem Point-Alpha-Preis für Gauck folgerichtig, weil sich das Kuratorium Deutsche Einheit gern mit großen Namen schmückt, vorzugsweise denen ehemaliger Präsidenten und Kanzler.

Auszeichnung sorgt auch für Irritationen

Die Auszeichnung für Gauck ist für manche aber eben auch irritierend. Denn Gauck, 1940 in Rostock geboren, gehörte 1989 zunächst nicht zu den Vorkämpfern der Friedlichen Revolution. Das lag nicht unbedingt an ihm selbst. Vielmehr war es im Norden der DDR verhältnismäßig lange ruhig, während in Thüringen und vor allem in Sachsen schon viel riskiert und mutig auf den Straßen demonstriert wurde.

Gauck engagierte sich im Neuen Forum. Die Bürgerrechtsbewegung haderte lange mit einer raschen Wiedervereinigung. Ein Dritter Weg, zwischen demokratischem Sozialismus und Kapitalismus, wurde dort diskutiert. Gauck nimmt für sich in Anspruch, solchen Ideen widersprochen zu haben. Als Parteipolitiker fiel er in der turbulenten Zeit in der freigewählten DDR-Volkskammer allerdings nicht auf. Sein Thema wurden die Hinterlassenschaften der Staatssicherheit.

Ein Spalter der Ostdeutschen?

Die Öffnung der Akten, die Überprüfung der Ostdeutschen und die aktive Auseinandersetzung mit der SED-Vergangenheit machten Gauck - aus Sicht mancher Kritiker - nicht zum Einiger, sondern zum Spalter. Kein Spalter zwischen Ost und West, sondern ein Spalter der Ostdeutschen.

Er sei kein vergebender Pastor, sondern ein hasserfüllter Inquisitor, lautete der Vorwurf zumeist aus dem linken Lager, wo die DDR gern verklärt wurde und wird. Gauck vernichte Existenzen, mache sich zum Handlanger der Wessis, nerve mit dem ewigen Blick zurück und nehme den Menschen ihre gelebten Biografien. Er habe Schaum vorm Mund.

Ein Leben für Deutschland

Quasi legendär sind Gaucks Auseinandersetzungen mit Manfred Stolpe oder Gregor Gysi. Gegen beide Politiker gab es über Jahre immer wieder massive Stasi-Vorwürfe. Gauck legte die belastenden Dokumente über den IM "Sekretär" und den IM "Notar" offen. Parlamente befassten sich immer wieder mit den Vorwürfen. Gutachten wurden geschrieben. Gerichte entschieden letztendlich - nicht immer in Gaucks Sinne.

Joachim Gauck hat einen bemerkenswerten Lebensweg zurückgelegt. Hat das höchste Staatsamt erreicht - und ist doch kein Politiker geworden. Während einige seiner Vorgänger den Preis dafür erhalten haben, dass sie in ihrem Amt Entscheidungen für Deutschland gefällt haben, hat Gauck ein Leben für Deutschland geführt.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 16. Juni 2022 | 07:00 Uhr

Mehr aus Deutschland

Mehr aus Deutschland