Studien Armutsrisiko für Mittelschicht nimmt zu

In Deutschland fallen immer mehr Menschen aus der Mittelschicht heraus. Besonders der untere Rand der Gruppe, die 75 bis 100 Prozent des mittleren Einkommens verfügen, ist abstiegsgefährdet. Zugleich ist es schwieriger denn je, in die Mittelschicht aufzusteigen. Das belegen zwei Studien von Bertelsmann- sowie Hans-Böckler-Siftung.

Menschen in der Einkaufsstraße und Fußgängerzone in der Innenstadt von Heidelberg.
Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft: Immer mehr Menschen rutschen in die untere Einkommensschicht. Bildrechte: imago images/Ralph Peters

Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Das geht aus einer Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Bertelsmann Stiftung hervor. Demnach zählten 2018 nur noch 64 Prozent der Bevölkerung zur mittleren Einkommensgruppe, was im Vergleich zu 1995 (70 Prozent) ein Schrumpfen um sechs Prozentpunkte bedeute.

Wer ist die Mittelschicht? Zur Mittelschicht werden der Studie zufolge jene gezählt, deren Einkommen nach Steuern und Transfers zwischen 75 und 200 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland liegt - für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern entspricht das einem verfügbaren Einkommen zwischen 3.000 und 8.000 Euro.

Armutsrisiko gewachsen

Der Studie zufolge hat auch das Risiko eines sozialen Abstiegs in den vergangenen Jahren vor allem in der unteren Mittelschicht zugenommen. Gefährdet sei, wer über 75 bis 100 Prozent des mittleren Einkommens verfüge. Zwischen 2014 und 2017 seien 22 Prozent dieser Gruppe im erwerbsfähigen Alter (18 bis 64 Jahre) in die untere Einkommensschicht gerutscht. Sie seien damit arm oder von Armut bedroht.

Natascha Hainbach von der Bertelsmann Stiftung erklärte am Mittwoch dazu: "Gefährdet sind all jene [in der Mittelschicht], die unter Berücksichtigung der Haushaltsgröße ein verfügbares Einkommen zwischen 75 und 100 Prozent des mittleren Einkommens haben."

Das seien 2018 in der Gruppe der mittleren Einkommen bei den Singles alle die, die nur über rund 1.500 bis 2.000 Euro Nettoeinkommen verfügen. Bei Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zählen diejenigen als armutsgefährdet, die 3.000 bis 4.000 Euro im Monat zur Verfügung haben, erläuterte Hainbach bei der Vorstellung der Studie. Alle Personen, die mehr verdienen, gelten der Studie zufolge nicht als armutsgefährdet.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte auch ein im November veröffentlichter Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung. Darin wird die Entwicklung von Einkommen und Sorgen in der Mittelschicht analysiert. Demnach seien die Risiken für die Mittelschicht, sozial abzusteigen, stärker gewachsen, erklärte die wissenschaftliche Direktorin des Instituts, Bettina Kohlrausch. "Gleichzeitig könnten Erwerbspersonen mit Niedrigeinkommen, die es ohnehin schwer haben, den wirtschaftlichen Anschluss zu halten, noch weiter zurückfallen", so die Direktorin.

Pandemie hat Entwicklung verschärft

Es gibt zudem Anzeichen dafür, dass der Schrumpfkurs nach 2018 angehalten und sich durch die Pandemie noch verschärft hat. Denn unter Personen mit mittleren Einkommen gab es auch deutliche Beschäftigungsverluste: Acht Prozent dieser Gruppe, die vor Beginn der Krise 2019 noch arbeiteten, waren im Januar 2021 nicht mehr erwerbstätig. Das geht aus Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hervor.

Die Hans-Böckler-Stiftung konstatiert eine ähnliche Entwicklung. Demnach haben rund 54 Prozent der Erwerbspersonen, die zur unteren Mittelschicht zählen, während der Krise Einkommen verloren. Für die repräsentative Erhebung wurden mehr als 3.800 Erwerbstätige und Arbeitssuchende im Juli 2021 befragt.

Vor allem junge Erwachsene gefährdet

Anlass zur Sorge gebe es in mehrfacher Hinsicht, schreiben die Autoren der Bertelsmann-Studie. So falle der Rückgang bei jüngeren Erwachsenen (18 bis 29 Jahre) aus der Einkommensmitte überdurchschnittlich stark aus. Und wer in Deutschland einmal aus der Mittelschicht herausfalle, habe es heute deutlich schwerer, wieder aufzusteigen, schilderte Mitautorin Valentina Consiglio. Zudem gelinge es Ostdeutschen seltener, in den mittleren Einkommensbereich zu gelangen oder sich dort zu halten, als Westdeutschen. Die Mittelschicht schrumpfte auch nur in drei anderen OECD-Ländern stärker als in Deutschland: in Schweden, Finnland und Luxemburg.

Mehr Gegenmaßnahmen um Mittelschicht zu stärken

Um die Mittelschicht zu stärken, müssten Barrieren auf dem Arbeitsmarkt abgebaut und Frauen stärker in den Blick genommen werden, fordert Valentina Consiglio. Sie arbeiteten zwar häufiger als früher, aber oft mit geringer Stundenzahl und in Tätigkeiten, für die sie überqualifiziert seien. "Wollen wir die Mittelschicht stärken, sollten Umfang und Qualität der Jobs von Frauen verbessert werden", sagte Consiglio. Zudem seien eine gute Ausbildung oder ein Studium wichtig. Vor allem Bildungsrückstände, die durch die Pandemie entstanden seien, müssten dringend aufgeholt werden. "Sonst wird vielen der mühsame Aufstieg in die Mittelschicht zusätzlich erschwert", mahnte Consiglio.

Der wesentliche Rückgang fand der Bertelsmann-Studie zufolge schon bis 2005 statt – seitdem habe sich die Mitte nicht wieder erholt. Auch wenn die Mittelschicht erheblich kleiner sei als noch Mitte der 1990er Jahre, sei sie doch als "recht stabil" einzustufen, betonte Natascha Hainbach von der Bertelsmann-Stiftung.

dpa(sra)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 01. Dezember 2021 | 06:00 Uhr

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