Femizid "Es wird nicht akzeptiert, dass die Frau frei ist"

Monika Schröttle forscht seit Jahren zu Morden an Frauen. Doch eins sei klar: Männer aus allen Bildungs- und Sozialschichten können gewalttätig werden, sagt die Politik- und Sozialwissenschaftlerin.

Soziologin Monika Schröttle von der Universität Nürnberg-Erlangen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wann wird von einem Femizid gesprochen?

"Wir sprechen von Femiziden, wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist. Dahinter steht oft die Vorstellung: Die Frau gehört mir. Das ist sozusagen die Art von Tötungsdelikten, die eindeutig auch mit einer patriarchalisch verfassten Gesellschaft zu tun haben."

Warum hat das etwas mit einer patriarchalischen Gesellschaft zu tun?

"Es sind Tötungsdelikte, bei denen nicht akzeptiert wird, dass die Frau frei ist und ihre eigene Entscheidung trifft. Das Recht auf ein gewaltfreies Leben – auch ohne den Ex-Partner – wird nicht akzeptiert."

Das geschieht also vor allem bei Trennungen?

"Ja, Frauen erleben ganz häufig im Kontext von Trennung und Scheidung Gewalt. Und wenn eine Frau getötet wird, ist es sehr, sehr häufig durch den Partner oder Ex-Partner."

Welche Frauen sind davon betroffen?

"Es sind Frauen aus allen Sozial- und Bildungsschichten von Gewalt betroffen. Ebenso haben wir in einem Forschungs-Projekt festgestellt, dass Männer aus allen Bildungs- und Sozialschichten gewalttätig werden können. In Presseberichten wird nur die Kriminalität durch Migranten oder Menschen in sozial schwierigen Lagen sichtbarer. Das liegt einfach daran, dass zum Beispiel Kriminalität durch Migranten oder durch Menschen in schwierigen sozialen Lagen häufiger sichtbar wird. Also den Professor in der Villa in Grünewald nehme ich mal als Beispiel. Da hören die Nachbarn nichts, wenn er seine Frau schlägt. Und die Frau schämt sich, das offenzulegen. Da kommt dann auch nicht so oft die Polizei, und die Frau geht auch selten ins Frauenhaus."

Werden Femizide vorwiegend von Migranten verübt?

"Nein, das geben unsere Zahlen nicht her. Es sind Männer aus allen sozialen Schichten und Ethnien vertreten."

Was wird getan, um solchen Morde zu verhindern?

"Jetzt, nach 40 Jahren Anti-Gewalt-Arbeit, kommt es langsam zu berechtigter Ungeduld. Etwa durch die jungen Frauen, die mit ihren Kampagnen „#KeineMehr“ dies deutlich machen und wollen, dass diese Gewalt endlich eingedämmt wird. Es geht nicht mehr, dass so etwas gesellschaftlich akzeptiert wird."

Inwiefern wird so etwas akzeptiert?

"Also wir haben in Deutschland und auch in den meisten europäischen Ländern keine systematische und wirksame Prävention von Gewalt gegen Frauen. Damit fängt es an. Dabei wissen wir, dass es viele wirksame Maßnahmen gibt."

Welche?

"Zum Beispiel geht dies durch Nachbarschafts-Projekte, oder durch Prävention in Bildungseinrichtungen oder auch durch sehr frühzeitige Täterprävention. Nur erfolgen diese Maßnahmen bislang nur punktuell und nicht flächendeckend. Es wird nicht zusammengefasst zu einem systematischen bundesweit wirksamen Präventionskonzept. Und das ist das erste, was wir brauchen, wenn wir das Problem wirklich überwinden wollen."

Also werden auch noch weitere Maßnahmen benötigt…

"Der zweite Punkt ist: wir brauchen eine wirkungsvolle Intervention, bei der alle Institutionen fallspezifisch zusammenarbeiten, sobald wir erfahren, dass hier ein gefährlicher Täter unterwegs ist. Um ihn zu stoppen und weitere Gewalt zu verhindern. Und diese Täter sind übrigens in der nächsten Paarbeziehung auch wieder gefährlich. Genau deshalb ist es auch ein Unding, dass die Täterprävention in Deutschland nicht breit ausgebaut wird."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. Juni 2020 | 20:15 Uhr

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