Hintergrund Der 9. November in der deutschen Geschichte

Carolin Voigt, Autorin, Redakteurin und Sprecherin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Der 9. November ist ein zentrales Datum in der deutschen Geschichte. Im 19. und 20. Jahrhundert ist der Tag mit etlichen politischen Wendepunkten verbunden. Im kollektiven Gedächtnis sind vor allem die Reichspogromnacht und der Mauerfall verewigt.

November 1938, eine Frau läuft an einer Druckerei mit kaputten Fensterscheiben vorbei.
In einer von den Nationalsozialisten organisierten Aktion wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 im ganzen Land Jüdinnen und Juden angegriffen, verhaftet und getötet. Ihre Geschäfte und Gotteshäuser wurden zerstört und angezündet. Bildrechte: imago/United Archives International

Der 9. November ist für Deutschland ein geschichtsträchtiger Tag. Er wurde oft als "Schicksalstag" bezeichnet, was Historiker und Historikerinnen inzwischen ablehnen. Alles, was an den verschiedenen 9. Novembern passiert ist, war kein Schicksal, sondern menschengemacht, argumentieren sie. Egal, ob es um die Geburtsstunde der ersten deutschen Republik geht, um die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung unter den Nazis oder um den Mauerfall - immer ereigneten sich die zentralen Geschehnisse am 9. November. Viele Gedenk- und Feierstunden fallen daher an diesem Tag zusammen. Doch nicht erst im 20. Jahrhundert wurde der 9. November zu einem folgenschweren Tag für Deutschland.

Märzrevolution 1848

Am 9. November 1848 wurde der liberale Freiheitskämpfer und Führungsfigur des Vormärz, Robert Blum, standrechtlich erschossen. "Ich sterbe für die Freiheit" waren die letzten Worte des Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung. Sein Leben hatte Blum dem Kampf für eine deutsche Republik gewidmet. Ein Aufbruchsgeist hatte in den 1830er-Jahren von Frankreich aus Europa und schließlich Deutschland erfasst. Bürger- und Bauerntum strebten nach Selbstbestimmung und wollten Adel und Monarchie absetzen. Neben der nationalen Frage ging es auch um die soziale: Bauernbefreiung, soziale Absicherung und freie Lohnarbeit waren zentrale Themen des Vormärz zwischen 1830 und 1848. An diesem Punkt der deutschen Geschichte konnten sich die Revolutionäre jedoch nicht gegen reaktionäre Kräfte durchsetzen. Als Blum in Wien von den Truppen der Gegenrevolution erschossen wurde, markierte das den Anfang vom Ende der der so genannten Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes.

Novemberrevolution 1918

Deutschland im Herbst 1918 war vor allem kriegsmüde. Der Erste Weltkrieg war praktisch verloren. Die Menschen wollten Frieden und Kaiser Wilhelm II. abdanken sehen. Ausgangspunkt der Novemberrevolution ist Norddeutschland. Ende Oktober verweigern Matrosen der deutschen Marine in Wilhelmshaven den Befehl auszulaufen. Die Meuterer ergeben sich schließlich und werden festgenommen. In Kiel solidarisieren sich hunderte Matrosen und Arbeiter. Es kommt zum Aufstand, der blutig niedergeschossen wird. Anfang November schließen sich alle Kieler Marineeinheiten den Aufständischen an. Die Regierung in Berlin ist alarmiert und schickt schließlich Vertreter für Verhandlungen nach Kiel. Kurz darauf kommt es im ganzen Land zu Arbeiteraufständen und Streiks. In vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Aus Sorge vor einem gewaltsamen Umsturz gab Reichskanzler Prinz Maximilian von Baden schließlich die Abdankung des Kaisers bekannt. Am 9. November 1918 trat der SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann auf den Balkon des Berliner Reichstages und rief die erste deutsche Republik aus. Sie wird als Weimarer Republik in die Geschichtsbücher eingehen.

Hitler-Putsch 1923

Bereits zehn Jahre vor seiner Machtergreifung versuchte Adolf Hitler in das politische Geschehen der Weimarer Republik einzugreifen, um die Regierung in Berlin zu stürzen. Zusammen mit General Erich Ludendorff und weiteren Unterstützern organisierte der NSDAP-Chef einen Putsch. Am Sonntagmorgen, den 9. November 1923, marschierten Hitler und seine Anhänger zur Feldherrnhalle in München. Die Polizei stoppte den Aufstand jedoch. Die NSDAP wurde daraufhin verboten und Hitler zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1933 gelang es Hitler schließlich auf legalem Weg an die Macht zu kommen – er wurde als Reichskanzler gewählt.

Novemberpogrom 1938

Für die Nacht vom 9. auf dem 10. November 1938 hatte die nationalsozialistische Führung antisemitische Ausschreitungen organisiert. SA-Truppen und Angehörige der SS fielen über die jüdische Bevölkerung her. Mindestens 8.000 Geschäfte von jüdischen Inhabern wurden geplündert und zerstört, viele Wohnungen verwüstet. 90 bis 100 Juden wurden in der Nacht durch die Nazis getötet. Sie ging als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher ein und bildete den traurigen Auftakt der systematischen Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In den Tagen nach der Pogromnacht wurden allein im deutschen Reich etwa 30.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt.

Mauerfall 1989

Der 9. November ist für immer mit SED-Politbüro-Sprecher Günter Schabowski und seinem Zettel verbunden. Eigentlich sollte die neue Reiseregelung des DDR-Innenministeriums erst ab dem 10. November gelten. Doch Schabowskis Wörtchen "ab sofort, unverzüglich" – am Abend live verkündet im Fernsehen – lösten den bekannten Sturm der Ostberlinerinnen und -berliner auf die Schlagbäume an der Grenze zu Westberlin aus. Bis Mitternacht waren alle Berliner Grenzübergänge offen. Das Ende der Mauer, die Deutschland 28 Jahre lang getrennt hatte, war damit eingeläutet. Dass SED-Regime stand jedoch ohnehin vor dem Zerfall. Massenhafte Ausreisen über Ungarn und die Montagsdemonstrationen in Leipzig und weiteren Städten hatten den Druck auf Krenz & Co seit Monaten erhöht. Am 8. November 1989 war das SED-Politbüro geschlossen zurückgetreten.

Gedenken in Mitteldeutschland

In vielen Städten Mitteldeutschlands gab zum diesjährigen 9. November Gedenkveranstaltungen – vor allem zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht, aber auch zum Fall der Mauer vor 32 Jahren.

So kamen in Dresden am Dienstagnachmittag Menschen zusammen, wo 1938 die Hasenberg-Synagoge niederbrannte und zahlreiche Juden wegen ihres jüdischen Glaubens verhaftet wurden. Bei dem Gedenken wurde an das 20-jährige Bestehen der Neuen Synagoge erinnert. Es sprachen unter anderem der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Michael Hurshell, und Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hielt eine Rede und dankte für die Gemeinschaft mit der jüdischen Gemeinde. Nach dem Zivilisationsbruch durch den Holocaust, habe man die Verantwortung, diese Geschichte wachzuhalten, so Kretschmer.

In Leipzig erinnerte die Stadt gemeinsam mit der Israelitischen Religionsgemeinde und anderen Partnern in der Gottschedstraße an den nationalsozialistischen Pogrom, dort wo einst die Große Gemeindesynagoge stand. Unter anderem in Leipzig und Chemnitz wurden auch Kränze niedergelegt und Stolpersteine geputzt. Zudem gab es mehrere Andachten und Gedenkgottesdienste – etwa in Wurzen, Delitzsch und Zittau.

In Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg kamen am Dienstagabend unter anderem Oberbürgermeister Lutz Trümper und Justizministerin Franziska Weidinger sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde zu einer Gedenkveranstaltung im Forum Gestaltung zusammen. In der Gedenkstätte KZ Lichtenburg-Prettin wurde zudem eine Wanderausstellung über jüdische Identitäten und NS-Tatorte in Sachsen-Anhalt eröffnet.

Die Jüdische Landesgemeinde in Thüringen erinnerte bereits am Dienstagmorgen auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt an die Novemberpogrome von 1938 und legte Kränze und Blumen nieder. Ministerpräsident Bodo Ramelow sagte: "Dieser Schicksalstag der deutschen Geschichte verpflichtet uns, verantwortungsvoll gegen Geschichtsvergessenheit einzutreten." In Jena veranstaltete das Projekt "Klang der Stolpersteine" wie auch in den Vorjahren an verschiedenen Orten der Stadt kleine Konzerte.

In Thüringen und Sachsen-Anhalt hat zudem die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) zahlreiche Gottesdienste, Friedensgebete und Gedenkfeiern veranstaltet, die im Zusammenhang mit den Novemberpogromen und dem Mauerfall standen.

Erinnerungskonkurrenz?

Obwohl verschiedene historische Ereignisse auf den 9. November fallen, müsse es nicht zu einer Konkurrenz beim Gedenken kommen, meint die Jenaer Historikerin Dr. Franka Maubach. "Statt die 'Konkurrenz' von 9. November 1938 und 9. November 1989 zu betonen, könnte man das Datum auch zum Anlass nehmen, über die Wiederkehr von Rassismus und Antisemitismus nachzudenken". So arbeite die Forschung etwa zunehmend heraus, dass die Friedliche Revolution nicht nur ein freudiges Ereignis gewesen sei, sondern von Anfang an begleitet von rassistischer Diskriminierung und rechter Gewalt, erklärt Maubach. Und das "lange vor Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen". Der 9. November könne uns stattdessen dazu motivieren, "in einem weiteren Rahmen über Antisemitismus und Rassismus im deutschen 20. Jahrhundert zu reflektieren".

Als Beispiele nennt die Historikerin zahlreiche zivilgesellschaftliche Veranstaltungen, bei denen in Jena in den vergangenen Monaten kontrovers unter anderem über den NSU und über Rechtsextremismus und Rassismus in der DDR und im vereinigten Deutschland diskutiert worden sei. "Dabei zeigte sich, wie wichtig die Perspektiven von Migrantinnen und Migranten sind: nicht nur als Opfer rechter Gewalt, sondern als Akteur*innen der Aufarbeitung und Mitglieder einer starken Zivilgesellschaft". Auch der 9. November sei zuerst und vor allem ein Tag der jüdischen Opfer, so Maubach.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. November 2021 | 06:00 Uhr

Mehr aus Deutschland

Mehr aus Deutschland

Moderator vor Parteitagskulisse 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachrichten

Die Polizei Motorradstaffel gibt bei einem Pressebriefing Einblicke in die Lotsungen der Staatsgäste. 5 min
Bildrechte: dpa