Strategie gegen Pandemie "ZeroCovid" und "NoCovid": Zwei sehr verschiedene Konzepte

Ihren Namen nach wollen beide Konzepte dasselbe: Keine neuen Coronavirus-Infektionen mehr durch eine fast komplette Ausrottung des Erregers. Tatsächlich unterscheiden sich beide erheblich. Chancen auf schnelle Umsetzung dürfte nur eines der Konzepte haben, denn das andere plant mit tief greifenden sozialen Maßnahmen, die gegen erhebliche Widerstände wohl Jahre für ihre Umsetzung bräuchten.

Verschlossenes Rolltor eines geschlossenen Geschäfts in der Einkaufsstraße und Fußgängerzone Planken in der Innenstadt Mannheim.
Einige Wochen harter Lockdown für alle und alles, finanziert von den Reichen. Das schlägt die Initiative ZeroCovid vor. Das NoCovid-Konzept dagegen wirkt weniger revolutionär. Bildrechte: imago images/Ralph Peters

Seit einiger Zeit machen zwei Konzepte die Runde, die andere Strategien gegen das Coronavirus vorschlagen. Trotz ähnlicher Namen und mit dem gleichen Ziel sind sie sehr unterschiedlich, vor allem abseits der Epidemiologie. Ambitionierter wirkt das Konzept der Initiative ZeroCovid. Als eher umsetzbar erscheint das zweite mit dem Titel NoCovid.

ZeroCovid: Radikaler Lockdown

Die Initiative geht davon aus, dass es unmöglich ist, die Coronavirus-Pandemie zu kontrollieren. Diese Strategie habe "das Leben dauerhaft eingeschränkt und dennoch Millionen Infektionen und Zehntausende Tote gebracht". Sie habe einen Ping-Pong-Effekt zwischen Ländern und Regionen und deren Schutzmaßnahmen gebracht.

Statt nur "aktionistischer Einschränkungen der Freizeit" wird von ZeroCovid "eine solidarische Pause von einigen Wochen" vorgeschlagen, ein kurzer Komplett-Lockdown für fast alles und möglichst in ganz Europa gleichzeitig, um die Zahl der Infektionen auf Null zu bringen. Kontakte sollten minimiert werden,  alle "nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft" schließen: Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen.

Die "Arbeitspflicht" solle ausgesetzt werden, heißt es im ZeroCovid-Aufruf: Die Beschäftigten sollten die Maßnahmen in den Betrieben gestalten und durchsetzen. Wenn das Null-Ziel erreicht sei, sollten Einschränkungen vorsichtig gelockert, niedrige Fallzahlen mit Kontrollen stabil gehalten und lokale Ausbrüche energisch bekämpft werden. Längerfristig sollten regionale und nationale Aktionspläne das Testen und Impfen regeln sowie den Schutz und die Unterstützung für Risikogruppen.

Radikale Begleitmaßnahmen

In diesem harten Lockdown sollen alle finanziell abgesichert werden, denn "die umfassende Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen" seien "problemlos finanzierbar" durch einen Reichtum, "den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben" – also durch eine europaweite "Solidaritätsabgabe" auf große Vermögen und Einkommen, Unternehmensgewinne und Finanztransaktionen. 

Viele Hundert Euro Scheine
ZeroCovid: Umverteilung in der Pandemie Bildrechte: imago images / CHROMORANGE

Auch solle der Gesundheits- und Pflegebereich "sofort und nachhaltig" ausgebaut werden; auch Behörden und Gesundheitsämter, die Infektionsketten verfolgen. Gegen Profitstreben in diesem Sektor sollen Privatisierungen und Schließungen zurückgenommen werden und die Krankenhäuser statt Fallpauschalen "eine solidarische Finanzierung des Bedarfs" bekommen.

Zudem sollen öffentliche und private Unternehmen "umgehend die erforderliche Produktion von Impfstoffen vorbereiten und durchführen", die Impfstoffe als "globales Gemeingut" aber der privaten Profiterzielung entzogen werden.

Die mehr als 100.000 Unterschriften dafür kamen bisher häufiger von Kranken- und Altenpflegerinnnen, von vielen linken Politikerinnen und Politikern sowie von Vertretern von Gewerkschaften, aus Kunst und Musik, von Studierendenschaften, Ärztinnen und Ärzten und einigen prominenteren Namen wie dem Bremer Ökonomen Prof. Rudolf Hickel oder der Rapperin Sookee.

Mit kurzen Komplett-Lockdowns in der Corona-Pandemie sind schon Erfahrungen gemacht worden. Als kurzfristig kaum umsetzbar erscheinen jedoch eine Reform der Krankenhausfinanzierung in Deutschland, was auch für Verstaatlichungen bei Pflege und den Impfstoffen und nicht zuletzt für die "Solidaritätsabgabe" gelten dürfte.

NoCovid: Drei-Zonen-Modell mit Belohnungen

Fast alle Autorinnen und Autoren dieses zweiten Aufrufs haben Professuren, von Pädagogik über Medizin und Virologie bis hin zur Infektionsforschung. Auch namhafte Soziologen, Politikwissenschaftler und Ökonomen sind darunter, wie Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest vom ifo-Institut in München, der vielleicht bekannteste von ihnen.

Sie fordern im Kern eine Übernahme der Strategien aus Australien und Neuseeland. Diese hätten bewiesen, dass eine klare Kommunikation von Inzidenz-Zielen und Exit-Strategien mit tatsächlichen Lockerungen zum Mitmachen motivieren. Das erläutern sie in ihrem unter anderem beim Wochenblatt "Die Zeit" veröffentlichten Papier, das auch die MDR-Redaktion Wissen zusammengefasst hat:

Zuerst soll demnach die Sieben-Tage-Inzidenz auf unter zehn pro 100.000 Einwohner sinken. Schafft das eine Region, wird sie zur gelben Zone, wenn sie noch an Regionen mit höheren Inzidenzen grenzt. Werden diese auch alle gelb, wird sie zur grünen Zone und kann mit auf 0 sinkenden Fallzahlen nach und nach lockern, wenn über Wochen die Inzidenz bei 0 geblieben ist. Bei mehr Fällen bleibt die Zone rot und Einschränkungen gelten.

Wichtig seien strikte Regeln und auch Quarantäne-Unterkünfte für Pendler, flächendeckende Tests und Kontaktverfolgung, heißt es in dem Papier. Auch die Initiatoren dieser Strategie streben dabei ein in Europa möglichst einheitliches Vorgehen an.

Abwägungen für die Wirtschaft

Fahrgäste mit medizinischen Masken im Nahverkehr in Brandenburg
Öffentlichen Nahverkehr will das NoCovid-Konzept eher weniger. Bildrechte: IMAGO / Eibner / Lakomski/Eibner-Pressefoto

Um negative Folgen für die Wirtschaft gering zu halten, solle, wo immer es geht, auf Homeoffice gesetzt werden. Betriebe mit wenig Ansteckungsgefahr, aber einer hoher Wertschöpfung pro Beschäftigtem sollen weiter produzieren dürfen – mit Hygienekonzepten nach klinischen Standards, Masken, Tests und Lüftungen. Für Fahrten solle möglichst Individualverkehr genutzt werden.

Risikogruppen sollen besser geschützt werden – zum Beispiel, indem Hygienepläne in Einrichtungen mit Kontrollen durchgesetzt werden. Zudem solle es präventive Testkonzepte geben sowie häufigere und qualitativ bessere Tests.

Eine reine Lockdown-Strategie "wird grundgesetzlichen Verpflichtungen des Staates gegenüber seinen Bürgern nicht gerecht", schreiben die Autoren. In ihrem NoCovid-Konzept sehen sie die Chance, bei diesen "zeitlich sehr begrenzten, aber erheblichen grundrechtlichen Einschränkungen" einen Interessenausgleich zu ermöglichen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Februar 2021 | 06:00 Uhr

Mehr aus Deutschland