Rechtsterrorismus Was machen die ehemaligen Helfer des NSU heute?

Knapp zehn Jahre nach dem Auffliegen des NSU sind viele der verurteilten Unterstützer wieder auf freiem Fuß. Doch was ist aus den vielen Helfern geworden, die dem Terror-Trio bis 2011 ein knapp 13 Jahre langes, unerkanntes Leben im Untergrund ermöglichten?

Das NSU-Terrortrio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos
Das NSU-Terror-Trio: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch zehn Jahre nach dem Auffliegen des NSU-Trios sind viele Fragen offen: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe konnten ihre Mordserie nur begehen, weil der "Nationalsozialistische Untergrund" ein Netzwerk an Unterstützern hatte. Heimtückisch hatte das Trio neun Migranten und eine Polizistin erschossen, zahlreiche Banküberfälle und drei Sprengstoffanschläge begangen. Unmittelbar nach dem Auffliegen des Trios, im November 2011, begaben sich MDR-Reporter bereits auf die Spuren der Rechtsterroristen und ihres Netzwerkes. Zehn Jahre später folgen sie den Spuren erneut.

So fanden die Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt damals über den Vermieter der Wohnung des Trios in der Zwickauer Polenzstraße heraus, dass sich dort Beate Zschäpe als Frau D. ausgegeben hatte. Der Mietvertrag wurde auf Matthias D. ausgestellt – es ist nicht der einzige Mietvertrag, unter dem dessen Unterschrift steht.

Neonazi-Szene aus dem Erzgebirge

Die MDR-Reporter bekommen heraus, dass Matthias D. in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Johanngeorgenstadt wohnt. Dort gehörte er zum harten Kern der Neonazi-Szene. "Er war erkennbar aktiv und hatte das typische Outfit in den Neunziger Jahren: Glatze und Bomberjacke", sagte im November 2011 ein ehemaliger Sozialarbeiter, der damals anonym bleiben wollte. D. sei bei einem Überfall auf ein alternatives Dorf beteiligt gewesen und habe dabei auch Menschen mit einem Messer attackiert. "Dem wurde von seinen eigenen Kameraden im letzten Augenblick das Messer aus der Hand geschlagen. Die meinten, er solle sich ein bisschen zurückhalten. Das bringe ja nichts, da jemanden abzustechen."

Zu diesem Zeitpunkt haben die Ermittler im NSU-Komplex Johanngeorgenstadt im Erzgebirge noch nicht auf dem Schirm. Im Dezember 2011 wird Matthias D. verhaftet. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung entdeckt die Polizei einen regelrechten Nazi-Schrein im Wohnzimmer: Hitler-Büste, SA-Dolche und HJ-Gürtelschnallen.

Unterstützer meldeten Wohnungen und Wohnmobile auf sich an

Es ist nicht die einzige Spur, die schon damals nach Johanngeorgenstadt führt. Auf den Namen André E. wurden Wohnmobile und eine weitere Wohnung angemietet. Auch er gehörte von früh an zur dortigen Neonazi-Szene.

Allerdings sei E. eher ein Strippenzieher als ein Schläger, erinnerte sich der ehemalige Sozialarbeiter: "Der E. war in einer etwas größeren rechten Szene aktiv, im Blood&Honour-Netzwerk." Er habe auch geholfen, in Breitenbrunn ein Blood&Honour-Konzert auf die Beine zu stellen. Es handelt sich dabei um ein militantes Neonazi-Netzwerk, das seit dem Jahr 2000 in Deutschland verboten ist.

Seit Jahren Köpfe der Bruderschaft im Erzgebirge

Die Sicherheitsbehörden zählen E. und seinen Zwillingsbruder bereits seit der Jahrtausendwende zu den Köpfen der rechtsextremen Kameradschaft "Weiße Bruderschaft Erzgebirge". Die Brüder sollen auch für die eigene Zeitschrift der Bruderschaft verantwortlich sein. Titel: "The Aryan Law and Order". Übersetzt: Das arische Recht und Gesetz. In der ersten Ausgabe wird eine terroristische Neonazi-Gruppierung aus den USA gefeiert. Ihr Name "The Order". Ein Zitat dazu: "The Order verfolgt nur ein Ziel. Und zwar den Kampf gegen die zionistisch besetzte Regierung, deren Sturz und Vernichtung. Der Kampf beginnt. Es folgt eine Welle von Sprengstoffanschlägen auf Synagogen, Morde an politischen Gegnern, Brandstiftungen in Räumen der Feinde, Überfällen auf Banken und Geldtransporte und Waffenhandel."

Der Text liest sich wie eine Blaupause – er erschien im selben Jahr, in dem der NSU seinen ersten Mord begeht: An Enver Şimşek. Zu der Bruderschaft, die trotz ihres militanten Antisemitismus nie verboten wurde, gehörte damals – im Jahr 2001 – auch ein alter Bekannter von André E.: Matthias D..

NSU-Helfer in Sachsen und Thüringen

Doch das NSU-Trio soll nicht nur Unterstützer in Sachsen gehabt haben, sondern auch in Thüringen – im Umkreis ihrer einstigen Heimat Jena. Ralf Wohlleben soll die Drei nach dem Untertauchen unterstützt und eine der Tatwaffen besorgt haben. Wohlleben ist NPD-Funktionär und jahrelang Mitbetreiber des "Braunen Hauses" in Jena. Wie das Trio gehörte er zur radikalen Neonazi-Gruppierung "Thüringer Heimatschutz".

Der Angeklagte Ralf Wohlleben sitzt hinter der Angeklagten Beate Zschaepe am Dienstag (28.06.2016) im Landgericht in Muenchen beim 291. Verhandlungstag im NSU-Prozess.
Der Angeklagte Ralf Wohlleben sitzt hinter der Angeklagten Beate Zschäpe (28.06.2016) im Landgericht in München beim 291. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Bildrechte: IMAGO

Die Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss aus Jena kannte Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt noch als politische Gegner, ebenso wie andere Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes: Sie und Kollegen waren sich sicher, die Drei waren nicht allein. "Da gehört Ralf Wohlleben mit rein. Da gehören weitere Personen mit rein, mit denen die in den Neunziger-Jahren zusammen ihre Aktionen durchgeführt haben."

1998 halfen Ralf Wohlleben und der "Thüringer Heimatschutz" ihren Kameraden bei der Flucht nach Chemnitz. Dort hatten sie ein großes Unterstützer-Umfeld. Polizei und Verfassungsschutz hatten die Drei aus Jena im Visier – und trotzdem gelang es nicht, sie zu verhaften. Das gelang wohl auch nicht, weil die örtliche Neonazi-Szene das Terror-Trio über zweineinhalb Jahre in wechselnden Wohnungen unterbrachte. Das Netzwerk sorgte dafür, dass die drei Rechtsterroristen im Untergrund überleben und somit morden konnten.

Bis heute laufen Ermittlungsverfahren gegen Unterstützer

Nach anderthalb Jahren Ermittlungen begann im Mai 2013 der Prozess gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André E., sowie Carsten S. und Holger G., auch sie langjährige Unterstützer des NSU. Gegen den Wohnungsgeber Matthias D. und acht weitere mutmaßliche Unterstützer läuft bis heute ein Ermittlungsverfahren.

Die Netzwerkstrukturen, wer dem Terror-Trio alles geholfen hatte, sind bis heute nicht ausreichend ausgeleuchtet, so die Vorsitzende der beiden Thüringer Untersuchungsausschüsse Dorothea Marx (SPD):

Das war, glaube ich, die wichtigste Arbeit von uns, so ein Netzwerk darzustellen. Dass es eben doch sehr viele gegeben hat und gegeben haben muss, die dieses Trio die ganze Zeit gedeckt haben.

Dorothea Marx Vorsitzende der NSU-Untersuchungsausschüsse in Thüringen

Es seien, so Marx, nicht einfach drei irregeleitete Kriminelle gewesen, sondern dahinter stecke eine Struktur und eine Ideologie. Knapp sieben Jahre nach der Aufdeckung des NSU, am 18. Juli 2018, endete der Prozess in München mit der Verurteilung der fünf Angeklagten. Lebenslang für Beate Zschäpe mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Die vier Mitangeklagten bekommen zwischen zweineinhalb und zehn Jahren Haft. Längst sind sie wieder auf freiem Fuß.

Die Verbindungen aus den Neonazi-Netzwerken von damals bestehen noch immer

Die Terror-Zelle NSU gibt es heute nicht mehr. Doch die Verbindungen aus den Neonazi-Netzwerken von damals bestehen noch immer. Die MDR-Reporter von damals haben sich zehn Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU noch einmal auf die Spuren der engsten Unterstützer des Trios gemacht – was tun sie heute?

Seit drei Jahren ist Ralf Wohlleben aus der Untersuchungshaft entlassen. In der rechtsextremen Szene genießt er Heldenstatus. Bis heute pflegt Wohlleben Verbindungen in die Thüringer Neonazi-Szene. Im Fokus der Sicherheitsbehörden steht eine rechtsextreme Rockergang namens "Turonen". Weil sie vor Jahren Gäste einer Kirmes überfielen, stehen einige Mitglieder in Erfurt vor Gericht. Längst laufen neue Ermittlungen. Es geht um Waffen- und Drogenhandel sowie Geldwäsche – auch Wohlleben soll partizipiert haben.

"Ralf Wohlleben hat sich weder ideologisch noch personell von der rechten Szene gelöst", sagt die Linken-Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss. Weil er im NSU-Prozess nichts über die Szene preisgegeben habe, genieße er dort hohes Ansehen und erfahre auch weiterhin Unterstützung. Im Ermittlungsverfahren gegen die Turonen spiele er eine Rolle, weil er über diese und "deren kriminelle Geschäfte monatlich eine Geldzahlung erhalten haben soll". Die Rocker der Turonen wollen sich dazu gegenüber dem MDR nicht äußern. Auch die direkte Kontaktaufnahme mit Ralf Wohlleben scheitert.

Unterstützer werden in rechtsextremer Szene gefeiert

Neben Ralf Wohlleben war André E. einer der wichtigsten Unterstützer des NSU. Die Bundesanwaltschaft hat Revision eingelegt, weil ihr das Urteil von zweieinhalb Jahren Haft zu milde ausgefallen ist. Auch E. ist der rechtsextremen Szene treu geblieben.

Im Sommer 2017 feierten im thüringischen Themar 6.000 Rechtsextremisten auf einem Neonazi-Konzert. Aufnahmen zeigen unter den Gästen auch André E. Heute ist er eine gefeierte Szene-Größe, auch weil er vor Gericht eisern geschwiegen hatte.

E. und seine Familie finden die MDR-Reporter in einem Vorort von Zwickau. Die Kennzeichen von Auto und Motorrad tragen einschlägige Codes: A8 und 18 für Adolf Hitler. Zehn Jahre später wollte der MDR ihn noch einmal nach seinen Verbindungen zu NSU-Trio fragen – auch dieser Kontaktversuch scheitert.

Jena, Chemnitz und Johanngeorgenstadt: Ideologie ungehindert ausgelebt

Das NSU-Trio überwachte seine letzte Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße mit Kameras. Die Festplatte, auf der die Bilder abgespeichert sind, blieb durch den Brand unversehrt. Aufnahmen vom 18. Dezember 2010 zeigen, wie ein Besucher von Beate Zschäpe herzlich begrüßt wird. Es war Matthias D., der dem Trio jahrelang Wohnungen untervermietete. Regelmäßig besuchte er die Drei.

Heute lebt Matthias D. immer noch in Johanngeorgenstadt. Gegenüber dem MDR äußert er sich erstmals öffentlich. Es gibt viele Frage, es sind viele Menschen gestorben. Darauf antwortet D. den Reportern: "Das ist mir egal. Hauen Sie ab." Die Reporter sagen: "Es kann doch auch sein, dass sie unschuldig sind." Seine Antwort: "Gerade deswegen. Hauen Sie ab. Geht zum Verfassungsschutz. Da seid ihr an der richtigen Adresse."

Was im Rückblick auf den NSU für Jena und Chemnitz gilt, gilt offenbar auch für Johanngeorgenstadt: Eine militante Neonazi-Szene, die ihre NS-Ideologie weitgehend ungehindert ausleben konnte und Fanatiker und Terrorhelfer hervorbrachte.

"Das kann ja im Endeffekt jeden Augenblick auch in jedem anderen Ort genauso wieder auftauchen und passieren", sagt der ehemalige Sozialarbeiter aus Johanngeorgenstadt. Luckas Winter will inzwischen nicht mehr anonym bleiben. Es könne genauso weitere Untergrundorganisationen geben, von denen man erst in zehn Jahren etwas erfahre. "Hätte man vielleicht damals ein bisschen sensibler drauf geguckt und gewisse Zeichen erkannt, hätte man vielleicht gewisse Sachen auch verhindern können."

Quelle: FAKT

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 29. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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