Umweltverschmutzung Wie schlimm steht es um die Ostsee?

Die Strände wirken sauber, das Wasser klar und der Urlaub an der Ostsee ist meist entspannt. Doch die Ostsee ist gefährdet. Die Bestände von Dorsch und Hering schrumpfen seit Jahren, die Wassertemperatur ist den vergangenen Jahrzehnten gestiegen und es schwimmt zu viel Plastik im Meer. Wie schlimm steht es um die Ostsee?

Touristen laufen am Strand von Sellin auf der Insel Rügen auf der Seebrücke.
Die Strände wirken meist sauber, das Wasser ist klar. Doch die Ostsee ist gefährdet – durch Müll, Umweltverschmutzung und den Klimawandel. Bildrechte: dpa

Die Ostsee ist eines der beliebtesten Ziele für den Urlaub in Deutschland: weiße, weite Strände, azurblaues Meer. Doch die Ostsee ist in Gefahr – und damit die Fische, die darin leben und die Natur im Küstenstreifen. Doch woran liegt das?

In der Hansestadt Stralsund hat der Naturschutzbund (NABU) dazu aufgerufen, die Steilküste vom Müll zu befreien. Es sind einige Freiwillige gekommen, so wie Felix Kraus. Der Student trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift "Gewässerretter" und findet im Dickicht: "Jede Menge Glasflaschen. Die Überbleibsel einer Partynacht". Den jungen Mann ärgert das.

"Es ist eine Missachtung der Natur und auch gegenüber der Gesellschaft", sagt Felix Kraus. Es wollten schließlich auch andere Menschen diesen Ort genießen, anstatt dort so viel Müll vorzufinden. "Es ist einfach bitter."

Was am Strand liegt, droht ins Meer zu gelangen

Das Ganze findet am Ufer des Strelasunds statt – einem Meeresarm der Ostsee, der die Insel Rügen vom Festland trennt. Solche Aktionen werden deutschlandweit organisiert, um Flüsse, Seen und Strände zu beräumen. Oberflächlich betrachtet, sehen Strand und Umgebung sauber aus. Doch im Sand und in der Böschung finden die Helfer viel Zivilisationsdreck. Alles, was dort herumliegt, droht im Meer zu landen.

Finn Viehberg hat den Einsatz organisiert. Der studierte Biologe erklärt, dass Plastik in jeder Form in Küstennähe eine der größten Gefahren ist. Beim Aufräumen findet er ein grünes Band und sagt, dass gerade so etwas "gefährlich ist, weil es sich um Beine von allen möglichen Tieren wickeln kann. Oder um den Schnabel, dann können sie nicht mehr fressen."

Überdüngung in Landwirtschaft sorgt für Wüste am Meeresboden

Am Ende des Tages haben die Helfer beim Müllsammeln am Ufer des Strelasund in zwei Stunden auf 100 Meter Küste insgesamt 50 Kilogramm Glas, Plastik, Metall und Bauschutt gesammelt. Der Zivilisationsdreck trägt auch zur Gefährdung der Ostsee bei.

Für die Universität Greifswald und im Rahmen eines Patenprojektes für den NABU erforscht Finn Viehberg Gewässerböden. Das geschieht auch mit Hilfe einer Unterwasserdrohne. Dafür nimmt er MDR exakt mit in die Nähe des Jachthafens von Gustow. Die Drohnenkamera zeichnet in knapp vier Metern Tiefe ein ernüchterndes Bild. Denn dort sollte sich eigentlich Seegras und andere Vegetation befinden. Doch "man sieht hier lange Strecken nichts. Wüste!", sagt Viehberg.

Ein Grund für diese Leere am Grund des Meerarmes: die Überdüngung in der Landwirtschaft. Die Nährstoffe gelangen über Flüsse in die Ostsee und lassen den Sauerstoffgehalt sinken.

Das bedeutet für die Fische Stress. Stress ohne Ende.

Finn Viehberg Biologe

So gebe es weniger Laich, sagt Finn Viehberg, und weniger Nachkommen von den Fischen.

Dorsch: Fischerei ist kaum noch erlaubt

Die Bestände von Dorsch und Hering sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Ein Grund ist: die Überfischung. Außerdem fördern Schadstoffe, die über die Luft und vom Land ins Meer gelangen, das Algenwachstum. "Die Algen sterben ab, sinken auf den Meeresboden, werden dort zersetzt", erklärt Meeresbiologin Dorit Liebers-Helbig. "Der Zersetzungsprozess verbraucht den Sauerstoff, den eigentlich die Dorscheier brauchen, damit sie sich entwickeln können."

Es ist der Lebensstil der Menschen an Land, der den Fischen das Leben im Wasser schwer macht. "Hier bei uns vor der Küste sind die Bestände so dramatisch zurückgegangen, dass gerade aktuell die Fangquoten für die Fischer in Mecklenburg-Vorpommern soweit nach unten gesetzt wurden, dass eigentlich die Dorschfischerei damit zum Erliegen kommen wird", erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund.

Viel Plastik in Bäuchen von Meerestieren

Auf der nahegelegenen Insel Dänholm stehen Kühlhäuser. In denen werden die tot an dem Küsten Mecklenburg-Vorpommerns angespülten Tiere gelagert. Dorthin nimmt die Biologin Dorit Liebers-Helbig MDR exakt mit. Hier wird aufbewahrt, was die Wissenschaftler bei Obduktionen finden. Zum Beispiel der Mageninhalt der Tiere. Immer häufiger wird Plastik gefunden. Wie bei einem Buckelwal, der 2018 angespült wurde. Viele Meeressäuger gehen daran zu Grunde. "Sie können nicht unterscheiden, ob es eine Qualle oder zum Beispiel eine Plastiktüte ist", sagt Liebers-Helbig. Wenn solch eine Tüte im Magen lande, dann werde diese nicht verdaut. "Die könnten nicht weiterfressen, sie verhungern.

Welche Auswirkungen hat Klimawandel auf die Ostsee? Der Meeresspiegel steigt um vier Zentimeter pro Jahrzehnt. Um 1,8 Grad hat sich die Wassertemperatur an der Oberfläche in den letzten 30 Jahren schon erhöht. Das bedroht auch die Heringsbestände. Durch den Temperaturanstieg schlüpfen die Larven zu früh und finden nicht genügend Nahrung. Auch dieser Population droht in der Ostsee der Zusammenbruch. "Das ist total zu bedauern", sagt Dorit Liebers-Helbig. "Wir müssen uns bedauern, dass wir nicht in der Lage sind, mit der Natur so zusammenzuleben, dass wir hier gemeinsam auf diesem Planeten überleben können."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 29. September 2021 | 20:15 Uhr

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