Prepper und Survival Ist es sinnvoll, auf eine Katastrophe vorbereitet zu sein?

Vorräte lagern, Überlebenstechniken trainieren, Fluchtwege planen – sogenannte Prepper bereiten sich auf Ausnahmesituationen vor. Lange wurden sie belächelt, manche aufgrund ihrer extremen politischen Einstellungen gefürchtet. Doch nach Hochwasser, Corona-Pandemie oder Ukraine Krieg überlegen sich immer mehr Menschen, ob sie auf Katastrophen nicht vorbereitet sein sollten.

Dominik Knausenberger, Leiter des Überlebenskurses «Lebe die Wildnis» erklärt den Teilnehmern des Kurses, wie man mit einem Feuerstein Feuer entfachen kann.
Survival: Das bedeutet auch in einer Notsituation ein Feuer anzubekommen - ohne Feuerzeug und vielleicht sogar ohne Feuerstahl. Bildrechte: dpa

Der Strom ausgefallen, die Wasserleitung dicht, der Supermarkt geschlossen – seit Tagen. Eine Katastrophe ist eingetreten. Was immer verfügbar schien, ist plötzlich außer Reichweite: Wasser, Lebensmittel, Heizung. Wenn Sie dann auch noch aus ihrer Wohnung fliehen müssten, werden weitere, vermeintlich einfache Fragen überlebenswichtig: Wie bekomme ich ein Feuer ohne Feuerzeug an? Wie kann ich übernachten, ohne zu unterkühlen? Wo finde ich Trinkwasser?

Es sind Fragen, die in Deutschland bislang eigentlich keine Rolle spielen. Doch das jüngste Hochwasser, die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine bereiten vielen Menschen Sorgen. Immer mehr wollen auf einen Ernstfall, in dem es um das Überleben gehen könnte, vorbereitet sein. Dafür gibt es auch zwei englische Begriffe: Preppen und Survival.

Sieben Männer in der Wildnis und Millionen Zuschauer

Preppen kommt vom englischen Verb "to prepare" und bedeutet: Vorbereitet sein auf eine Ausnahmesituation – etwa indem Vorräte angelegt werden. Survival heißt so viel wie, überleben in einer Ausnahmesituation. Letzteres hat Ende vergangenes Jahr einen enormen Boom erlebt – auch durch eine Youtube-Serie, die Fritz Meinecke aus Magdeburg ins Leben gerufen hat. In "7 vs. Wild" versuchten sieben Männer, sieben Tage lang mit jeweils nur sieben Gegenständen in der Wildnis von Schweden zurecht zu kommen.

Sieben Männer haben eine Woche lang das Überleben geprobt – und Millionen Menschen haben es sich angeschaut. Die Serie mit 16 Folgen ist auf Youtube über 60 Millionen Mal angeschaut worden – die zahlreichen Reaktionsvideos sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Offenbar hat der 32-jährige Abenteurer Meinecke einen Nerv getroffen.

Preppern haftet ein negatives Image an

Prepper sind gegenüber Medien häufig misstrauisch, offenbar auch, weil diesem Begriff ein negatives Image anhaftet. MDR exactly hat dennoch jemanden gefunden, der bereit war, sich vor der Kamera zu äußern: Martin. Er ist selbstständiger Softwareentwickler und wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin. In einem zwei mal zwei Meter Schrank in seiner Wohnung bewahrt er alles auf, sagt er. "Dosenfleisch, Öl, viele Konserven. Mit dem Vorrat kommen wir locker zwei Wochen aus."

Martin hat nicht nur Konserven gebunkert. Zu seiner Ausrüstung gehören auch Feuerstahl, Axt, Schlafsäcke, eine Powerbank mit Solarpaneel oder Funkgeräte. Er wolle im Falle einer Katastrophe ähnlich gut klarkommen, wie im Alltag und vorbereitet sein, um auch im Ernstfall seine Familie ernähren zu können. Denn als die Kinder kamen, dachte er: Was wäre, wenn wirklich mal was passiert? Etwa wenn Hochwasser oder Stromausfall sei oder Lieferketten unterbrochen wären. "Kann ich drei Tage überbrücken, bis die Krisenbehörden eben greifen und einen Plan haben, wie es weitergeht?" Auch der Krieg bereite Martin und seiner Familie Sorgen. Das Preppen helfe ihm dabei, nachts ruhiger zu schlafen.

Prepping und Rechtsextremismus: Es gibt Überschneidungen

Viele Jahre ist zum Prepping vor allem ein Bild von rechtsextremistischen Außenseitern in Bunkern, ausgerüstet mit Waffen gezeichnet worden, die an einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung glauben. Dafür haben rechtsradikale Gruppen wie "Nordkreuz" oder "Die Gruppe S" gesorgt. Diese Gruppen flogen im Jahr 2018 bzw. 2020 auf und sollen auch Anschläge geplant haben.

Einen Anteil an Rechtsextremen unter Preppern gibt es nach wie vor, wie die Innenministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gegenüber MDR exactly bestätigen. Nach Schätzungen soll es in Deutschland bis zu 200.000 Prepper geben. Wie viele davon rechtsextrem sind, lässt sich aber nicht sagen, schreibt das thüringische Innenministerium: "Überschneidungen der Prepper-Szene mit rechten Gruppen gibt es vereinzelt. Die Übergänge zwischen Querdenkern, Reichsbürgern und Preppern sind teilweise fließend. Vor diesem Hintergrund ist es nicht möglich, seriöse Zahlenangaben über dieses Personenpotenzial zu machen."

Experte: Prepper-Szene vor allem in bürgerlicher Mittelschicht

"Ich würde sagen, Preppen ist per se nicht politisch im Sinne von: es ist keine politische Organisation, die eine bestimmte politische Agenda verfolgt", sagt der Experte beim Prepping-Thema, Dr. Julian Genner von der Universität Freiburg. Auch er kann nicht genau sagen, wie groß der Anteil an Rechtsextremisten oder Reichsbürgern in der Szene ist, doch es gebe sie.

Für die deutsche Prepping-Szene sei auch etwas Anderes exemplarisch: "Die vererbten Kriegserfahrungen, was sich zum Beispiel in den USA nicht findet", erklärt Genner. Dabei gehe es um geflüchtete Eltern, oder Großeltern in Kriegsgefangenschaft. "Da wirken auch Traumata nach."

Die Prepper-Szene rekrutiert sich eigentlich aus der bürgerlichen Mittelschicht.

Dr. Julian Genner Universität Freiburg

Es seien Leute, die Angst hätten, etwas zu verlieren, so Genner. "Das ist ja die Situation, in der viele Menschen in unserer Gesellschaft sind. Wir haben zwar genug, hätten aber gerne mehr." Denn um richtig reich zu sein oder um richtig ausgesorgt zu haben, reiche es trotzdem nicht.

Sollte man für eine mögliche Katastrophe vorbereitet ein?

Vorbereitet sein – das empfiehlt auch die Bundesregierung unter dem Begriff: Katastrophenvorsorge. "Wenn sie darüber nachdenken, wie sie vorsorgen, sagen wir immer, sie sollten für circa zehn Tage vorsorgen", erklärt Sabine Geicht vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Das bedeute, neben Ausrüstung auch Wasser und Nahrungsmittel im Haus zu haben. So empfiehlt das BBK etwa bei Wasser zwei Liter pro Person und Tag. Eine vierköpfige Familie sollte also rund 80 Liter Wasser als Notvorrat haben. Dazu sollten neben Lebensmittel auch Medikamente, Hygieneartikel, Kerzen, Batterien oder eine Taschenlampe vorhanden sein. Auch wichtige Dokumente sollten immer griffbereit sein.

Der Grund: "Es ist schon dafür gesorgt, dass immer Hilfe kommt, wenn etwas geschieht und eine Katastrophe über sie hereinbricht", so die Expertin des BBK für private Katastrophenvorsorge, Sabine Geicht. Doch der Selbstschutz der Bevölkerung leiste auch einen maßgelblichen Beitrag, damit sich die Einsatzkräfte im Ernstfall um die schwächsten Gruppen und die Infrastruktur kümmern könnten. "Wenn man erst mal gucken muss, dass die Bevölkerung in den ersten zwei Tagen etwas zu Essen bekommt, dann sind ganz viele Kräfte gebunden, die eigentlich für die Lagebewältigung vorhanden sein müssen." Das ist nicht neu, doch es gewinnt angesichts der Ereignisse für viele Menschen offenbar immer mehr an Bedeutung.

Quelle: MDR exactly/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 25. April 2022 | 11:00 Uhr

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