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Bildrechte: MDR/Katharine Mähler

recap30 Jahre Rostock-Lichtenhagen: Wenn der Staat vor Neonazis kapituliert

von MDR AKTUELL

Stand: 22. August 2022, 10:45 Uhr

Vor 30 Jahren kam es in Rostock-Lichtenhagen zu massiven rassistischen Ausschreitungen. Die Polizei kapitulierte vor dem Mob. Hunderte ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam konnten nur knapp aus dem brennenden Sonnenblumenhaus entkommen. Recap fragt: War die Gewalt in Rostock 1992 eine Initialzündung für den folgenden Rechtsextremismus? Und: Wie geht die vietdeutsche Community heute mit diesen Erinnerungen um?

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August 1992. Die Stimmung in Rostock-Lichtenhagen ist hasserfüllt, Steine und Brandsätze fliegen. Und das unter dem Applaus der Anwohner und anderer Schaulustiger. Die Menge brüllt "Ausländer raus!", es werden Hitlergrüße gezeigt. Rechte Gewalttäter und organisierte Neonazis reisen aus ganz Deutschland an. Ihr Ziel: Das Sonnenblumenhaus, in dem Asylsuchende untergebracht sind und in dem über hundert vietnamesische Vertragsarbeiter wohnen. Der Mob wütet über mehrere Tage, die Polizei kapituliert und bringt die Vertragsarbeiter nicht in Sicherheit.

Die Randalierer näherten sich und fingen an, Molotowcocktails in die Fenster zu werfen. Die Flammen begannen im ersten Stock, dann erreichten sie den zweiten und dritten Stock.

Hung Quoc Nguyen, Zeitzeuge

Als das Haus schließlich in Flammen steht, gelingt ihnen gerade noch rechtzeitig die Flucht über das Dach. Warum ist die rassistische Gewalt so eskaliert? Wieso haben die Behörden versagt?

Ultimativer Push für Rechtsextreme?

Rostock-Lichtenhagen gilt als Synonym für rassistische Gewalt im wiedervereinigten Deutschland. Tagelang konnten die Täter ungehindert angreifen, wurden von Anwohnern angefeuert und beklatscht. Die Medien schürten den Hass zusätzlich und übertrugen die Ausschreitungen live. Und die überforderten Polizeibeamten ließen den Mob gewähren. Waren diese Tage der ultimative Push für Rechtsextreme, der Auftakt für eine Kontinuität rassistischer Gewalt?

Die zweite Generation

Außerdem fragen wir, wie tief das Trauma in der vietdeutschen Community sitzt. Wie blickt die zweite Generation der ehemaligen Vertragsarbeiter 30 Jahre später auf die Ausschreitungen? Darüber sprechen wir mit Duc. Auch seine Eltern kamen in den Achtzigern aus Vietnam in die DDR. Von Rostock-Lichtenhagen erfuhr Duc erst spät, doch Erfahrungen mit Rassismus machte auch er schon früh.

Manchmal habe ich mir auch einfach gewünscht, unsichtbar zu sein, sodass ich mich frei bewegen darf. Es ist nämlich ein super unangenehmes Gefühl, einfach so angestarrt zu werden.

Viet Duc Pham, Student

Abschiebung nach 35 Jahren

Während die Nachrichten diese Woche voll sind mit den Bildern von Rostock-Lichtenhagen, geht gleichzeitig der Fall der Chemnitzer Familie Pham/Nguyen durch die Medien. Phi Son Pham lebt und arbeitet seit 35 Jahren in Sachsen. Nun soll er nach Vietnam abgeschoben werden – zusammen mit seiner Frau und fünfjährigen Tochter, die in Chemnitz geboren wurde. Eine Welle der Solidarität und eine Petition machen der Familie Hoffnung, dass die drohende Abschiebung doch noch verhindert werden könnte.

Dieses Thema im Programm:recap – bei Youtube | 26. August 2022 | 17:00 Uhr