Rechtsextremismus Völkische Siedler: Rechtsextreme besiedeln mitteldeutsche Dörfer

Ein Leben auf dem Land, ökologisch nachhaltig, vielleicht auch etwas esoterisch angehaucht – das klingt erstmal nach harmlosen Aussteigern, die der Großstadt entfliehen wollen. Tatsächlich kann dahinter aber eine gefährliche Ideologie stecken: Die sogenannten völkischen Siedler geben sich im ökologischen Gewand, um so ihre rassistisch-antisemitische Ideologie zu verbreiten und die Dorfgemeinschaft für sich einzunehmen. Auch in Mitteldeutschland gibt es solche völkischen Siedlungsprojekte.

Landstraße mit Ortseingangsschild von Wienrode.
Wienrode im Harz ist eines der mitteldeutschen Dörfer, in denen sich in den letzten Jahren völkische Siedler niedergelassen haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Wienrode im Harz war es eine alte Dorfschänke, die die rechtsextreme, sogenannte Weda-Elysia-Bewegung 2019 aufgekauft hatte. Sie hatte sich so mitten in die Dorfgemeinschaft gepflanzt. Der Ortsbürgermeister begrüßte die neuen Bewohner damals herzlich und freute sich über neues Leben im Dorf.

Völkische Siedler spalten Dorfgemeinschaft

Mehr Gegenwind kommt vom Bündnis "Bunter Harz". Es hat sich nach dem Vorfall in Wienrode gegründet, um gegen Rechtsextreme in Sachsen-Anhalt vorzugehen. Jana Lasch, die in Wirklichkeit anders heißt, ist Mitglied bei "Bunter Harz": "Das hat auch damit zu tun, dass die Akteure dementsprechend versucht haben, in die Dorfgemeinschaft, in einen Chor reinzukommen und so weiter." Daraufhin sei in der Bevölkerung Widerstand dagegen aufgekommen.

Lasch beschreibt, wie die völkischen Siedler eine Dorfgemeinschaft spalten können. Denn die Siedler werden oft als Menschen wahrgenommen, die anpacken, die in dünn besiedelten Regionen wieder Gemeinschaft aufbauen wollen. Auf einmal sind die Vereine wieder gefüllt, es gibt einen vollen Chor oder Bogenschießen für die Kinder. Doch zu welchem Preis? "Es wird dann, glaube ich, auch schnell emotional", erzählt Lasch, "weil so ein Argument: 'Oh, unsere Chöre sind wieder voll' wird von der anderen Seite auch oft gehört als: Oh, du bist bereit, rechte Leute aufzunehmen sozusagen. Dann geht es ganz schnell an die eigene Haltung, die man eigentlich beziehen muss, was ja vielleicht auch gut ist, wenn alle mal dazu gezwungen sind, sich dagegen zu positionieren."

Völkische Siedlungsprojekte in Mitteldeutschland

Wie viele völkische Siedlungsprojekte es genau in Mitteldeutschland gibt, lässt sich von Experten nicht seriös beziffern. Neben Wienrode sind aber zum Beispiel folgende Orte bekannt, in denen sich völkische Siedler immer wieder treffen: Im thüringischen Ortsteil Ilfeld der Gemeinde Harztor liegt das Ferienhotel Hufhaus-Harzhöhe. Das Thüringer Innenministerium beobachtete hier mehrere Treffen der "Germanischen Glaubens-Gemeinschaft". In Sachsen werden völkische Siedler vor allem im Umkreis der Kleinstadt Leisnig zwischen Leipzig und Dresden vermutet.

Was völkische Siedler ausmacht

Das Leben auf dem Land ist zum Sehnsuchtsort für völkische Gruppierungen geworden, sagt Anna Meier von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die zum Thema geforscht hat: "Altes Handwerk, ökologische Landwirtschaft lässt sich nun mal leichter abseits der Großstädte ausüben und dazu kommt die ablehnende, antimoderne Haltung gegenüber allen städtischen Einflüssen, die als dekadent angesehen werden und nicht mit der vermeintlich ursprünglichen Kultur vereinbar sind."

Anna Meier beschreibt völkische Siedler häufig so: Lange Röcke bei Frauen, Zimmermannshosen bei Männern — bei Volksfesten und Märkten voll engagiert. Völkische Rechtsextreme gelten bei vielen schnell mal einfach nur als traditionsbewusst: "Hinter dieser Ablehnung der Stadt und Moderne steht die Ablehnung gesellschaftlicher Entwicklungen wie Globalisierung, Kapitalismus, Feminismus und der internationalen Menschenrechtsbewegung."

Anna Meier zufolge geraten deshalb vor allem Journalisten, Wissenschaftler und Lehrer ins Visier der völkischen Siedler. Sie würden als die Inkarnation des Bösen ausgemacht, das angeblich von der EU oder Israel gesteuert werde. Spätestens hier entlarve sich auch die antisemitische Haltung.

Kundgebung der Neonazi-Partei "Die Rechte" für die verurteilte und inhaftierte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck am Jahrestag der Nazi-Reichpogromnacht am 9. November in Bielefeld. 2019
Rechte Demonstranten bei einer Kundgebung. Die Zahl der Menschen mit rechtsextremen Einstellungen soll in Thüringen laut einer Umfrage zurückgegangen sein. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. August 2021 | 06:00 Uhr

171 Kommentare

Simone vor 8 Wochen

@Matthi:
Wer Forderungen wie sie stellt, der sollte auch benennen wer sie bezahlen soll?

Ärzte leben von Patienten. Wo es nicht ausreichend gibt, da gibt es kein Auskommen. Gleiches gildt für Händler oder Gastwirte.
Buslienien brauchen neben den horrenden Subventionen auch Fahrgäste. Wenn da am Tag nur 50 Leute fahren, dann kann man auf der Linie keinen 30 Personenbus im Stundentakt einsetzen

Ohne Eigeninitiative der Bürger, die vom Staat übrigens auch gefördert wird, kann man manches schlicht und ergreifend auf dem Land nicht anbieten. Wenn der Edeka kein Auskommen mehr hat, dann muss man halt schauen was man braucht und wie man einen Bürgerladen zum laufen bekommt. Vielleicht kaufen dann dort auch die Pendler ein, statt nur am Samstag um 19:45 noch schnell vor Ort Chips und Bier zu holen.

Rumsdibums vor 8 Wochen

@Fakt: Sie möchten Gesinnung bekämpfen? Ein hehres Ziel!
Mir geht es hier im Forum um den Austausch von Meinungen und Ideen. Bitte seien Sie mir nicht böse wenn ich auf den Rest von ihrem Beitrag nicht näher eingehe.

ralf meier vor 8 Wochen

@MDR team, das ist richtig, So erfährt man in der von mir zitierten Quelle:
'Die Einstufung als Verschlusssache ist im vorliegenden Fall im Hinblick auf das Wohl des Landes Sachsen-Anhalt und die schutzwürdigen Interessen Dritter geeignet, das Informationsinteresse des Parlaments unter Wahrung berechtigter
Geheimhaltungsinteressen der Landesregierung zu befriedigen'

Letzteres spielt aber im abschließenden Urteil keine Rolle. Das ist eindeutig so, wie ich es zitiert habe und es wohl kaum anzunehemen , das eine derart entlastende Aussage getroffen worden wäre, wenn es belastende Verschlussinformationen gäbe

Unabhängig davon steht es Ihnen immer noch frei, Fakten zu benennen, die Ihre im Artikel genannten unbelegten Tatsachenbehauptungen wenigstens im nachhinein belegen. Ich bitte ausdrücklich um die Freigabe dieser klärenden Rückmeldung.

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