Religion Kirchenmitglieder in Deutschland erstmals in der Minderheit

Erstmals seit Jahrhunderten sind die Mitglieder der beiden großen Kirchen in Deutschland in der Minderheit. Weniger als die Hälfte aller Menschen in Deutschland sind noch Mitglieder in einer der zwei großen Religionsgemeinschaften. Der Sozialwissenschaftler Carsten Frerk spricht im Interview über einen Abwärtstrend, der schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist.

Nach Berechnungen der Forschungsgruppe "Weltanschauung in Deutschland" ist der Anteil inzwischen unter die 50-Prozent-Marke gerutscht. Projekt-Koordinator und Sozialwissenschaftler Carsten Frerk spricht im Interview mit MDR AKTUELL vom Ergebnis eines langfristigen Trends. Schon seit drei Jahrzehnten sei der Abbruch einer Tradition zu beobachten. Pro Jahr verlieren die Kirchen 0,6 bis 0,8 Prozent ihrer Mitglieder.

Junge Menschen lernten zu Hause immer weniger religiöse Rituale und was Religion bedeute, so Frerk. Das Tischgebet sei zum Beispiel so gut wie ausgestorben. Auch die Eltern würden liberaler. Sie zwängen ihre Kinder nicht mehr dazu, sonntags mit in den Gottesdienst zu gehen. "Das Christentum gehört zu den Religionen, die man lernen muss", sagt Frerk.

Kirche erreicht junge Menschen nicht mehr

Auch die gestiegene Mobilität begünstige diese Entwicklung. Lebte die Kirchengemeinschaft einst noch vom regelmäßigen Treffen und Austausch, wandern mittlerweile immer mehr junge Menschen aus ländlichen Regionen in die Städte ab.

Die katholische wie die evangelische Kirche hätten es außerdem versäumt, mit den jungen Menschen ins Gespräch kommen und Fragen, die die Jugend an die Kirche, aber auch an die Gesellschaft im Allgemeinen habe, zu beantworten, sagt Frerk.

Er geht davon aus, dass der Abwärtstrend anhält. Sogar Studien der Kirchen selbst gingen davon aus, dass sich die Mitgliederzahlen bis 2060 halbieren würden. Bekannt sei die Entwicklung schon seit Jahrzehnten, sagt der Wissenschaftler – eine funktionierende Strategie der Kirchen, Mitglieder zu halten oder gar neue zu gewinnen, bliebe aus.

MDR AKTUELL(nvm)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. April 2022 | 16:30 Uhr

23 Kommentare

Hugo777 vor 10 Wochen

Bezüglich den angeblich gefälschten Evangelien was sie in den Raum werfen im anderen Kommentar, lassen Sie die Kirche im Dorf bitte.

Nach dem was man heute unter "Beweisen" versteht, kann man die ersten Texte weder Be- noch Entweisen. Es ist einfach Glaubens Sache, keiner Zwingt Sie das zu tun.

Das Selbstverständnis der Katholischen Kirche oder auch der Ortdoxen ist ohnehin nicht "Sola Scriptura" , sondern die Autorität und Bewahrung von dem was Jesus tatsächlich lehrte bzw. die Apostel. Da wird auch nirgends versprochen das es nicht Gläubige im Laufe der Geschichte geben wird, die nicht selbst schwer Sünde oder gar Verbrechen machen.

Sie sollten sich den Niedergang der Deutschen großen Kirchen nicht zusehr erfreuen. Schon Göthe mahnte das wenn der Glaube geht, der Aberglaube Einzug erhält.

Abgesehen davon kippt auch der Migranten Anteil. Jene sind in der Regel meistens sehr Religiös, wenn auch nicht Landeskirchlich.

Harka2 vor 10 Wochen

@goffmann
Ok, steigen wir auf eine religöse Diskussion ein. Die zehn Gebote wurden einem Juden offenbart. Christus ist da völlig außen vor. Den gab es da noch gar nicht. Das neue Testament mit Christus geht auf die 10 Gebote gar nicht ein. Die recht kurzen Texte, die als Evangelien ihren Weg in die Bibel gefunden haben, sind nachweislich gefälscht. Gerade solche Kernaussagen wie "der werfe den ersten Stein ..." kommen in den ursprünglichen Evangelien nicht vor. Das wurde erst Jahrhunderte später dazu gedichtet. Zudem wurden abweichende Evangelien beim ersten Konsil (veranlasst vom nicht christlichen Kaiser Konstantin) aussortiert. Das Evangelium nach Maria wurde genau so aussortiert wie das nach Petrus und jede Menge andere. Es gibt auch eines von Judas, der gar nicht so böse war. Es blieben nur die vier - recht kurzen - Evangelien übrig, die es völlig verfälscht nach hunderten von Jahren in die aktuelle Bibel geschafft haben.

goffman vor 10 Wochen

Das, was das Christentum ausmacht und von anderen Religionen und Weltanschauungen unterscheidet, sind ja nicht die Gebote und Gesetze. Der Unterschied ist, wie im Falle eines Gesetzesverstoßes zu verfahren ist. Und da steht nicht die Strafe, Sühne im Vordergrund, sondern die Gnade und Vergebung. Voraussetzung dafür ist auch nicht Sühne oder Buße, sondern dass der Sünder selbst vergibt. "Und vergib uns, so wie wir vergeben."
Das ist es, was das Christentum des neuen Testaments ausmacht und auch international Frieden schafft (da, wo es gelebt wird - egal ob christlich assoziiert oder nicht).
Und ich fände es sehr schade, wenn wir diese Grundeinstellung verlieren und uns zu einer Gesellschaft des Mittelalters zurückentwickeln würden.

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