Ukraine-Krieg Beleidigt, bedroht, angegriffen: Hass auf Russen in Deutschland

Matroschka, Pelmeni oder Wodka: Es gibt auch in Deutschland viele Verbindungen zu Russland. Doch seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine steigt die Ablehnung gegenüber Russischem. Manche Menschen bekommen diese direkt zu spüren. Egal ob Russe oder Osteuropäer: Sie erhalten Drohanrufe, werden beleidigt und manchmal sogar angegriffen.

Matroschkas stehen auf der Bar des russischen Restaurants von Sergej in Leipzig.
Matroschkas stehen auf der Bar des russischen Restaurants von Sergej in Leipzig. Sergej ist bereits durch einen Anrufer bedroht worden, der den Ukrainer für einen Russen gehalten hat. Bildrechte: MDR exakt

In den letzten Wochen hat sich viel verändert: der Krieg in der Ukraine hat starke Auswirkungen. So betrifft er auch Russen und Osteuropäer in Deutschland – doch auf teils unerwartete Art und Weise: Es kommt zu Beleidigungen, Bedrohungen und manchmal sogar zu Angriffen.

"Wir haben auch viele Absagen bekommen", berichtet Sergej, der das russische Restaurant "Skaska" im Süden von Leipzig betreibt. Auf dem Tresen stehen Matroschkas, der Größe nach aufgereiht. Auf der Speisekarte sind Pelmeni, Wareniki oder Draniki zu finden und auf der Homepage ganz oben: "Stop War in Ukraine". Dennoch wurden Reservierungen storniert, die noch vor dem Krieg gemacht worden waren, so Sergej: "Und wir haben auch einige E-Mails mit Schimpfwörtern und Bedrohungen bekommen."  

Sergej mit seiner Frau Natascha und dem Neffen André in ihrem russischen Restaurant.
Sergej (links) und seine Familie sind ins Visier von einigen Menschen geraten, weil sie ein russisches Restaurant betreiben. Bildrechte: MDR exakt

Vor Kurzem ist es dann eskaliert: "Ich mach deinen Laden kaputt", drohte ein Anrufer Sergej am Telefon. Der Ladeninhaber antwortete im ruhigen Ton, dass diese Bedrohung nicht schön sei. Der Anrufer sagte: "Ja, und jetzt Sergej? Was willst du tun? Willst du Putin anrufen, du Hurensohn?" Obwohl Sergej weiter diplomatisch vorging, folgten weitere Drohungen und Beleidigungen. Besonders bitter an diesem Vorfall: Sergej ist Ukrainer. Ins Visier geraten, weil er für einen Russen gehalten wurde. Wohl auch deshalb ist in seinem russischen Restaurant inzwischen deutlich weniger Betrieb also noch vor wenigen Wochen.

Hunderte Übergriffe auf Russen in Deutschland

Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges hat es in ganz Deutschland zahlreiche Übergriffe gegen russische Menschen – und wohl auch solche, die dafür gehalten werden – gegeben. Insgesamt sind über 367 Straftaten innerhalb der ersten sechs Wochen des Krieges gemeldet worden, wie eine Abfrage von MDR exactly in allen Bundesländern ergeben hat.

Die meisten gemeldeten Vorfälle hat es demnach in Berlin, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen gegeben. Die Statistik ist unvollständig, weil nicht alle Bundesländer die Daten erheben. Bei den gemeldeten Vorfällen gibt es demnach nur wenige tätliche Angriffe und Körperverletzungen. Der größte Teil der Übergriffe sind Sachbeschädigungen, Beleidigungen und Bedrohungen gewesen.

Supermarkt streicht "Russisch" aus dem Namen

"Es gibt immer Menschen, die radikaler reagieren als die anderen", sagt Vitali, der zusammen mit seinem Vater Nikolai in Leipzig-Grünau einen Supermarkt mit russischen und osteuropäischen Lebensmitteln betreibt. Um sich zu schützen, hätten sie den Laden nun präventiv umbenannt von "Russisch Brot" in "RB Brot".

Russisch Brot im Regal eines Siupermarktes in Leipzig.
Um sich zu schützen, hätten sie den Laden nun präventiv umbenannt von "Russisch Brot" in "RB Brot", sagen die Betreiber des Supermarktes in Grünau. Bildrechte: MDR exakt

Nikolai und sein Sohn sind bereits vor über 20 Jahren aus Russland nach Deutschland eingewandert. Sie positionieren sich offenbar gegen den Krieg und tragen Antikriegs-Buttons. Mit der Umbenennung des Marktes wollten sie auch ein Zeichen setzen. "Es gab schon ein paar Vorfälle", erzählt Vitali. Ein Besucher habe gefragt, welche Nationalitäten im Markt arbeiten. "Der wollte dadurch schon einen Konflikt auslösen." Doch Vitali und Nikolai hätten gekontert, dass sie ein Multi-Kulti-Team seien. "Bei uns arbeiten viele russischsprachige Menschen aus vielen Ländern: Kasachstan, Russen, Russland-Deutsche und auch Ukrainer."

Im Markt gibt es typisch russische Produkte wie Mischka – ein Waffelkonfekt – oder Wodka. Bislang gehörten vor allem Deutsche und Menschen aus den ehemaligen Sowjet-Republiken zur Kundschaft. Doch seit kurzem ist eine Gruppe dazu gekommen: "Also bei uns stehen nun häufig Autos mit ukrainischen Kennzeichen auf dem Parkplatz", berichtet Vitali. Er meint: Wäre der alte Name über den Schaufenster-Scheiben stehen geblieben, dann wären diese neuen Kunden wohl aus verständlichen Gründen nicht gekommen.

Russisches Kind fühlt sich in der Schule bedroht

Es gibt schon lange eine große russische Community in Deutschland: 3,5 Millionen Menschen sprechen russisch, doch deutlich weniger haben einen russischen Pass: 263.000. In Ostdeutschland sind sie besonders präsent. Hier ist die Gruppe der Menschen mit russischer Staatsangehörigkeit im Verhältnis zur gesamten ausländischen Bevölkerung größer als im Westen. Viele Ostdeutsche haben ein ambivalentes Verhältnis zur Sowjetunion. Die rote Armee führte zwar das Ende der NS-Diktatur herbei. Doch als Besatzer waren es auch Russen, die die DDR nach ihren Idealen formten.

Für die russische Community gibt es in Leipzig eine Ansprechpartnerin, sie kümmert sich um deren Probleme und leitet diese etwa an die Stadt weiter. Wir nennen sie Svetlana. Denn anstatt sich um Probleme anderer zu kümmern, hat sie seit kurzem selbst ein Problem. Mit der Tochter von Svetlana wurde in der Schule Krieg gespielt. Als Russin sei sie gejagt worden. Nach einem weiteren Vorfall hat die Frau nun selbst Angst um ihre Familie. "Leider besteht aktuell große Gefahr, dass ich mit dem öffentlichen Auftritt nicht nur dem Kind, sondern auch dem Ehemann schaden kann", schreibt sie MDR exactly und sagt damit ein geplantes Treffen ab. "Wir machen uns ernsthafte Gedanken wegen eines Umzugs."

exactly: Russland - Lieben oder hassen? 30 min
exactly: Russland - Lieben oder hassen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
30 min

Seit dem Ukraine-Krieg häufen sich Anfeindungen gegen russisch-sprachige Menschen – auch in Ostdeutschland. Werden aus alten Freunden jetzt Feinde? Eine Spurensuche.

exactly Mo 11.04.2022 08:00Uhr 29:35 min

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Befürchtung der Gewaltspirale

Die Reaktionen auf Übergriffe fallen unterschiedlich aus. Sergej und seine Familie bleiben in ihrem Restaurant und kochen auch weiter typisch russisch und osteuropäisch – trotz der Drohanrufe. Die Frau des Ukrainers ist im russischen Sibirien geboren, sein Neffe André ebenfalls in der Ukraine. "Ehrlich, ganz lange habe ich mir gar keine Gedanken gemacht, dass die Russen einfach ein anderes Volk sind", sagt der 29-jährige André, der als Kind nach Deutschland kam. "Wir haben auch Russisch gesprochen im Osten der Ukraine."

Der junge Mann hat nun die Befürchtung, dass der Krieg eine Gewaltspirale auslöst. "Dann kann sich das über Generationen hinwegziehen. Das sind die Bösen, wir sind die Guten. Und dann knallen wir uns gegenseitig ab", so André. Da versuchten er und seine Familie nicht mitzumachen. Seine Meinung zum Krieg in der Ukraine: Der Angriff sei zwar von den Russen gekommen, ein Krieg falle aber nicht vom Himmel. Es gehörten immer zwei Parteien dazu.

Quelle: MDR exactly/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 20. April 2022 | 20:45 Uhr

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