Tag gegen den Schlaganfall Auch Einsamkeit kann lebensbedrohlich werden

Am 10. Mai ist der Tag gegen den Schlaganfall. Auch Einsamkeit kann gefährliche Durchblutungsstörungen im Gehirn verstärken und zum Risikofaktor für einen Schlaganfall werden. Das belegt auch eine finnische Studie.

Seniorin sitzt auf Krankenhausbett
"Kümmern schützt vor Schlaganfall!", betont die Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Bildrechte: Colourbox.de

Rund 270.000 Menschen pro Jahr erleiden in Deutschland einen Schlaganfall. Um das Thema mehr ins Bewusstsein zu rücken veranstaltet die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe am 10. Mai den jährlichen "Tag gegen den Schlaganfall". Diesmal steht das Thema "Einsamkeit" im Vordergrund. Das überrascht zunächst. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen einer schweren Durchblutungsstörung im Gehirn und dem bedrückenden Alleinsein nach dem Verlust von Beziehungen?

Sprachstörungen verursachen Scham – Isolation nach einem Schlaganfall

Für den Neurologen Dr. Alexander Reinshagen von den Sana-Kliniken Leipziger Land spielt die Einsamkeit einerseits als mögliche Folge eines Schlaganfalls eine Rolle. Probleme, sich sprachlich auszudrücken, können dazu führen, dass der bisherige Freundeskreis gemieden wird: "Mitunter führt ein Schlaganfall bei dem Betroffenen auch zu Wesensänderungen. Für den Partner ist es schwierig, damit umzugehen." Die Einschränkungen durch die Pandemie-Situation können das Problem verschärfen. "Das führt zu noch weniger Gemeinsamkeit und noch weniger sozialen Kontakten", erklärt Neurologe Reinshagen.

Der Gefäßchirurg Ilhami Benli von den Ilm-Kreis-Kliniken Arnstadt-Ilmenau sieht das Problem ähnlich: "Schlaganfallpatienten kommen in eine ganz neue Lebenssituation, in der sie sich gehandicapt fühlen. Sich nicht mehr artikulieren können, auf Pflege angewiesen sein, weil sie sich nicht mehr anziehen oder waschen können – das führt dann bei einigen aufgrund von Scham zu Einsamkeit."

Einsame Menschen erleiden 39 Prozent häufiger einen Schlaganfall

Bisher wird jedoch weithin unterschätzt, dass Einsamkeit auch das Risiko erhöht, überhaupt einen Schlaganfall zu erleiden. Sie kann also auch ein Auslöser sein. Eine wichtige Studie zu diesem Zusammenhang erschien 2018. Ein finnisches Forscherteam hatte Daten aus einer britischen Untersuchung ausgewertet, in die fast 480.000 Personen einbezogen waren. Das bestürzende Fazit: Bei sozial isolierten Menschen ist das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, um 42 Prozent höher als bei sozial aktiven Menschen. Und: Einsame Menschen erleiden 39 Prozent häufiger einen Schlaganfall.

Wie kommt das? Naheliegend ist, die Ursache in den ungesunden Lebensumständen vieler einsamer Menschen zu sehen. Diese führen zu Übergewicht oder Bluthochdruck, außerdem rauchen die Betroffenen häufiger, trinken mehr Alkohol und bewegen sich weniger.

Krankheitssymptome durch Einsamkeit noch verstärkt?

Der Hauptautor der Studie, Christian Hakulinen von der Universität Helsinki, ist überzeugt: Auch unabhängig vom Lebensstil stellt Einsamkeit an sich einen bedeutenden Risikofaktor dar, der die Sterblichkeit durch Infarkt oder Schlaganfall deutlich erhöht. In der Studie betraf das Menschen, die bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten. Soziale Isolation könnte bei ihnen dafür gesorgt haben, dass diese Erkrankungen schwerer verliefen als bei sozial eingebundenen Menschen.

Bestätigt werden diese Aussagen durch eine weitere groß angelegte Langzeitstudie, die seit 2000 am Uniklinikum Essen läuft. Die Forscherinnen und Forscher konnten feststellen: Sozial isolierte Menschen haben ein um mehr als 40 Prozent erhöhtes Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle.

Forderung nach ehrenamtlichen Schlaganfall-Helfern

Doch was ist der Ausweg? Für die Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist das eindeutig: Kümmern schützt vor Schlaganfall! Sie plädiert dafür, ehrenamtliche Schlaganfall-Helfer und -Helferinnen auszubilden. Außerdem sollen Patienten mit Schlaganfall künftig Anspruch auf die Begleitung durch einen Patienten-Lotsen haben.

Das Ehrenamt ist auch für Dr. Alexander Reinshagen ein guter Weg, nicht in die Vereinsamung abzurutschen. Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, profitieren auch gesundheitlich – so kann unter anderem auch das Risiko für einen Schlaganfall verringert werden.

Wie schützen vor einem Schlaganfall?

Es gibt eine Reihe bekannter Risikofaktoren für einen "Schlag". Sie zu vermeiden, ist die wichtigste Vorbeugung. Zu den bedeutendsten zählen Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Übergewicht. Ein richtig eingestellter Bluthochdruck kann die Gefahr entscheidend verringern. Weitere Faktoren: Rauchen, Alkohol, eine Störung des Fettstoffwechsels und Diabetes.

Gerade bei älteren Menschen muss der Blick auch auf das so genannte Vorhofflimmern gelenkt werden. Das ist eine bestimmte Herzrhythmusstörung, bei der es vermehrt zur Bildung von Blutgerinnseln kommt. Diese können mit dem Blutstrom auch ins Gehirn gelangen und dort eine Arterie verstopfen. Jeder fünfte Schlaganfall wird auf diese Weise ausgelöst. Die Behandlung dieser Rhythmusstörung erfolgt medikamentös oder mit einer so genannten Ablation, einer stellenweisen Verödung der Herzinnenhaut.

Mit einer OP dem Schlaganfall vorbeugen

Das Schlaganfall-Risiko können auch Verengungen in der Halsschlagader erhöhen. Unter solchen Verkalkungen leiden etwa eine Million Menschen in Deutschland. Bei ihnen besteht durch Ablagerungen, also Plaques, eine so genannte Stenose. Ist diese Engstelle stark ausgeprägt, spüren die Betroffenen mitunter bereits neurologische Ausfallerscheinungen, also vorübergehende Lähmungen oder eine Sehschwäche.

An der Engstelle können sich durch Entzündungsreaktionen aber auch Gerinnsel bilden. Reißen diese ab, können sie im Gehirn zur Entstehung eines Schlaganfalls führen. Die Gefahr ist umso größer, je stärker die Verengung ausgeprägt ist.

Bei Risikopatienten kann dann eine OP sinnvoll sein, bei der die Ablagerungen aus den Halsgefäßen herausgeschält werden. In den Kliniken wird interdisziplinär darüber abgestimmt, wer für so einen Eingriff in Frage kommt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 06. Mai 2021 | 21:00 Uhr

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