Ausbeutung bei Lieferdiensten Die prekäre Arbeit von Lieferboten

MDR-Volontär Lukas Paul Meya
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Seit der Corona-Krise werden Pflegekräfte, Lieferboten und Supermarktkassierer gerne als "Helden des Alltags" beklatscht. Die Anerkennung führt aber nicht automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen. In Standorten des Pizzalieferdienstes Domino’s etwa werden Pizzaboten teils mit rechtswidrigen Arbeitsverträgen angestellt.

Daniel ist Bote für einen Pizzalieferdienst und startet an einem späten Nachmittag im Februar seinen Arbeitstag: "Ich fahre jetzt hinter so einem Bus und merke eine leichte Ungeduld, weil der eher 40 fährt, wo man hier 50 fahren könnte. Mit Überholen ist auch nichts. Man muss schon sehr konzentriert sein und ist gleichzeitig getrieben."

Daniel verdient Mindestlohn. Oft stauen sich die auszuliefernden Pizzen. Sein Arbeitsalltag ist gezeichnet von Parken im Halteverbot, Kunden, die den Mindestabstand missachten und wenig Trinkgeld.

Lieferboten unter ständigem Druck

Ein harter Job, sagt der Soziologe Heiner Heiland. Für seine Forschung hat er selbst bei Essenslieferdiensten angeheuert und dadurch einen Einblick in den Arbeitsalltag der Lieferboten bekommen.

Heiner Heiland
Der Soziologe Heiner Heiland forscht zu den Arbeitsbedingungen von Lieferboten. Bildrechte: Lukas Paul Meya

Heiland erzählt: "Es werden immer alle Daten aufgezeichnet, wie schnell man ist, wie schnell man einen Auftrag angenommen hat, wie viele Aufträge man ausgeliefert hat, wie viele Schichten man gemacht hat."

Daraus werde dann ein Wert errechnet, einen sogenannter Score. Das setze die Fahrer unter ständigen Druck. Denn: Wer schnell sei, genieße Vorteile, wie den früheren Zugriff auf Dienstpläne, erklärt der Soziologe.

Arbeitsverträge zu Teilen rechtswidrig

Doch nicht nur dafür werden Lieferdienste wie Lieferando, Durstexpress oder Domino’s kritisiert. Andreas Leidinger ist Arbeitsrechtler. Er hat sich Arbeitsverträge von Domino’s-Fahrern angeschaut, die MDR AKTUELL vorliegen.

Andreas Leidinger
Andreas Leidinger ist Arbeitsrechtler an der Freien Universität in Berlin. Bildrechte: Lukas Paul Meya

Ein Vertrag ist ihm zufolge gespickt mit unwirksamen Klauseln. Zum Beispiel sollen Fahrer für fahrlässig verursachte Schäden an den Fahrzeugen aufkommen.

"Eigentlich müsste da stehen, dass zumindest für leichte Fahrlässigkeit keine Schadensersatzverpflichtung besteht. Dinge, die schon durch leichte Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr jederzeit passieren können, für die dürfen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht haftbar gemacht werden." Weitere rechtswidrige Klauseln betreffen die Privatsphäre, den Schutz vor Kündigung, den Nachtzuschlag und die Arbeit auf Abruf.

Auch Christoph Schink schaut sich den Vertrag an. Er vertritt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Sein Urteil: "Da ist eigentlich alles drin, was der arbeitsrechtliche Folterkoffer hergibt, und darüber hinaus."

Konfrontiert mit den Vorwürfen schreibt Domino’s MDR AKTUELL: "Faire Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter:innen in den Domino’s Pizza Stores sind für uns eine Selbstverständlichkeit. [...] Die Personalpolitik inklusive Gestaltung von Arbeitsverträgen liegt jedoch vollständig im Verantwortungsbereich unserer Franchisepartner:innen als Betreibende der Stores."

Anonyme Beschwerdestelle eingerichtet

Aus Gewerkschaftssicht wird die Verantwortung zwischen den Franchisepartnern hin- und hergeschoben. Wo Domino’s drauf stehe, müsse auch Domino’s drin sein – auch bei den Arbeitsbedingungen.

Gewerkschafter Christoph Schink kritisiert: "Das heißt, wenn Domino’s sagt: 'Bei uns ist alles in Ordnung', dann können sie nicht auf der anderen Seite sagen: 'Formaljuristisch ist der Franchisenehmer zuständig, da können wir gar nichts machen.'“

Domino’s teilte weiter mit, man habe eigens im März eine anonyme Beschwerdestelle eingerichtet, um solche Fälle zu verhindern.

Ein Positiv-Beispiel aus Leipzig: Das Rush-Kurierkollektiv

Dass Lieferdienste auch anders funktionieren können, zeigt das Rush-Kurierkollektiv im Leipziger Zentrum. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von zwölf Kurierfahrerinnen und -fahrern. Hier läuft einiges anders: keine Vorgesetzen, kein Bewegungstracking, keine Belohnungssysteme.

Ihre Kundinnen und Kunden wollen sie damit überzeugen, dass ihre Lieferungen klimaneutral sind. Also keine Autos und keine Elektromotoren im Fuhrpark. Das Konzept hat dem Kollektiv 2019 den Leipziger Zukunftspreis verschafft.

Sina (l.) und Nina vom Rush-Kurierkollektiv in Leipzig
Sina (l.) und Nina sind Organisatorinnen und Fahrerinnen beim Rush-Kurierkollektiv. Bildrechte: Lukas Paul Meya

Trotzdem: Der Job ist hart. Rush ist eine GbR, die Kuriere sind selbstständig, müssen sich selbst versichern, Unfälle passieren immer wieder. Niemand arbeitet Vollzeit. Rush ist ein winziger Fisch im riesigen Becken der Lieferdienste.

Warum ist es so schwer, es anders zu machen? Für Nina, eine der Fahrerinnen und Organisatorinnen des Kollektivs, ist der Knackpunkt die mangelnde Bereitschaft, diese Dienstleistung anzuerkennen: "Sowohl von diesen Personen, die das fahren, die sich nicht unter Wert verkaufen lassen sollten. Als auch von den Personen, die auf diese Leistungen angewiesen sind und davon profitieren, dass sie Sendungen sehr, sehr günstig bis unentgeltlich nach Hause geliefert bekommen."

Teils undankbare Kunden und Kundinnen

Die oft schwache Position von Kurieren im Betrieb gepaart mit der Erwartung, kaum etwas fürs Liefern zu bezahlen. Es ist diese Mischung, die den Beruf so prekär macht.

Den Pizzaboten Daniel ärgert auch noch etwas anderes: "Ich habe schon Leute beliefert, die keinen Cent Trinkgeld geben und einen nicht einmal anschauen und das Essen nehmen und sagen 'Danke und Tschüss'."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Mai 2021 | 19:05 Uhr

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