Schule Lehrermangel: Wie bekommen Kinder ausreichend Bildung?

Das Problem der fehlenden Lehrkräfte ist lange bekannt, doch es hat sich mit diesem Schuljahr noch einmal verschärft. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen soll es nach Angaben der zuständigen Ministerien insgesamt 2050 offene Lehrerstellen geben. Lehrergewerkschaften gehen sogar von bis zu 7.000 aus. Doch wie kann diese Situation langfristig verbessert werden? Experten fordern etwa: Eine Neuorganisation der Schule.

Ein Schild "Der Unterricht fällt heute aus!" wird in Osnabrück im Klassenraum einer Grundschule von einer Schülerin gehalten.
An vielen Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fehlen Lehrer: Insgesamt über 2.000. Das sorgt für jede Menge Unterrichtsausfall. Bildrechte: dpa

Die Situation an der Regelschule Greiz-Pohlitz ist verheerend – wie an so vielen Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. So fällt etwa für die achte Klasse an der Schule fast ein Drittel der Stunden aus – jede Woche. Laut Thüringer Lehrplan sollten es 32 Stunden, erklärt der Schulleiter Uwe Zeng. "Unterrichtet werden aktuell 23." Das Problem an dieser und vielen anderen Schulen: Es mangelt an Lehrern.

Eine Folge: Schülerinnen und Schüler müssen sich den Stoff zum Teil selbstständig erarbeiten. Das ist für viele nicht leicht. "Ich bin ein Kind mit Dyskalkulie und Leserechtschreibschwäche", sagt Leonie Payam aus der Klasse 8b. "Bei mir ist es sehr wichtig, dass ich mich auf sowas wie Mathe vorbereite. Wenn ein neues Thema kommt bin ich erstmal komplett überfordert und denke: Was ist das?" Leonie kommt trotzdem gut mit, auch weil sie viel Unterstützung durch ihre Familie bekommen kann.

Uwe Zeng ist Direktor der Regelschule Greiz-Pohlitz in Thüringen.
"Die Bewerberquote ist wirklich null", sagt Direktor Uwe Zeng. Bildrechte: MDR exakt

Das ist nicht bei allen Kindern so. Der Grund für den massiven Ausfall von Unterricht: An der staatlichen Regelschule in Greiz sind in den vergangenen Jahren elf Lehrer in Rente gegangen – doch es konnten nur 2,5 Stellen wiederbesetzt werden. So gleicht die Planung des Unterrichts nach Thüringer Lehrplan einer Mangelverwaltung und das, obwohl der Schulleiter aktiv nach jungen Lehramtsanwärtern Ausschau hält.

"Die Bewerberquote ist wirklich null", sagt Mathe-Lehrer und Direktor Uwe Zeng. An anderen Schulen im Landkreis Greiz sehe es genauso aus – keine "jungen, dynamische, aktiven Lehrerinnen und Lehrern" in Sicht. Deshalb werde nun versucht das Personal über Seiteneinsteiger aufzustocken. "Oder wir gucken an Privatschulen. Wir versuchen den Kollegen den Vorteil an einer staatlichen Regelschule darzulegen."

Mitteldeutschland: Fehlen bis zu 7.000 Lehrer?

Das Problem des Lehrermangels ist lange bekannt, doch es hat sich in diesem Schuljahr noch einmal verschärft: Das Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt gibt an, dass 850 Lehrerstellen nicht besetzt sind. Aus Sachsen werden 500 und aus Thüringen 700 offene Stellen gemeldet. Insgesamt fehlen also offiziell 2.050 Lehrer in allen drei Ländern. Doch laut Lehrergewerkschaften soll die Lage noch viel dramatischer sein: Sie gehen von rund 7.000 fehlenden Lehrkräften in Mitteldeutschland aus.

Doch woran liegt das? Im Osten von Deutschland – wie auch in Greiz – gab es viele Jahre einen Standortnachteil: Lehrer wurden lange nicht verbeamtet, die Gehälter waren niedriger, es gab jahrelang einen Einstellungsstopp. Die Folge: Viele junge Lehrkräfte wanderten ab.

Hinzu kommt: "Es gab zu wenige Studienplätze für angehende Lehrkräfte", erklärt die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag von Sachsen, Sabine Friedel. "Das heißt, man hat mit den Lehrern gearbeitet, die im System waren, hat aber in den letzten zehn Jahren die Nachwuchsausbildung vernachlässigt, um Ressourcen zu sparen." Außerdem gebe es durch die demografische Entwicklung inzwischen weniger junge Menschen zwischen 25 und 30 Jahren, weil die Geburtenzahlen nach der Wende eingebrochen sind. "Es sind halb so viele wie vor 20 Jahren. Da die Schülerzahlen aber steigen, kommt man dann automatisch an eine gewisse Grenze."

Sachsen-Anhalt: Frust bei Lehrern ist hoch

Der Frust bei den Lehrern ist hoch – insbesondere in Sachsen-Anhalt. Vor dem Landtag in Magdeburg demonstrierten im Oktober Grundschullehrerinnen und -lehrer vor dem Landtag. Denn eine Nebenwirkung des Lehrermangels ist die Überforderung derer, die den Unterricht trotzdem jeden Tag stemmen: "Wenn man nicht so motiviert wäre und so ein tolles Kollegium hätte, ich glaube, dann hätten wir vielleicht schon lange hingeschmissen", sagt Lehrerin Sibylle Heyer von der Grundschule "An der Stadtmauer" in Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld während der Demo gegenüber MDR exakt. Denn obwohl sie fix und fertig nach Hause komme, mache sie immer weiter – für die Kinder, für die Eltern, für die Kollegen. "Und es ist eigentlich unser Ziel, dass wir es nicht mehr machen. Aber wir machen es trotzdem."

Vivien Hohmann arbeitet an einer Grundschule in Zerbst in Sachsen-Anhalt.
"Wir haben nicht die Möglichkeiten, den Kindern das zu bieten, was sie eigentlich verdient hätten", sagt Vivien Hohmann, die an einer Grundschule in Zerbst arbeitet. Auch deshalb hat die Lehrerin vor dem Landtag in Magdeburg demonstriert. Bildrechte: MDR exakt

Laut einer von der Lehrergewerkschaft geförderten Studie arbeitet etwa in Sachsen über ein Drittel der Vollzeitkräfte mehr als 48 Stunden pro Woche – was gegen geltende Arbeitsschutznormen verstößt. Doch gleichzeitig steigen auch noch die Anforderungen: "Wir sind 24 Kinder pro Klasse, acht oder neun davon sprechen kein Wort Deutsch", erklärt Vivien Hohmann, die ebenfalls an der Grundschule in Zerbst unterrichtet. Diese Kinder blieben auf der Strecke. "Wir haben nicht die Möglichkeiten, den Kindern das zu bieten, was sie eigentlich verdient hätten."

Wir haben nicht die Möglichkeiten, den Kindern das zu bieten, was sie eigentlich verdient hätten.

Vivian Hohmann Lehrerin

Feußner: Anforderungen an Seiteneinsteiger runtergeschraubt

Diese Botschaft ist auch in der Politik längst angekommen, doch schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Auch die Verbeamtung für junge Lehrer und die Anhebung der Gehälter, haben in Sachsen-Anhalt den Lehrermangel nicht beseitigt. Ebenso wenige die höhere Zahl an Studienplätzen um 200 auf 1.200. Dabei ist das Problem: "Wir haben nicht ausreichend Bewerber", sagt Bildungsministerin Eva Feußner (CDU). "Deshalb greifen wir auch in den Seiteneinsteigermarkt rein." Da auch so zu wenige Stellen besetzt werden können, habe man nun auch die Anforderungen für Bewerber runtergeschraubt. Bislang sei ein abgeschlossenes Hochschulstudium die Voraussetzung gewesen, nun reiche auch ein Bachelor.

Die Bildungsministerin von Sachsen-Anhalt, Eva Feußner (CDU).
In Sachsen-Anhalt ist die Zahl der Studienplätze für Lehrer zuletzt wieder erhöht worden. Doch es fehle an Bewerbern, sagt Bildungsministerin Eva Feußner. Bildrechte: MDR exakt

Zudem setzt Sachsen-Anhalt auch auf Headhunter – und sucht so gezielt Lehrkräfte im Ausland. Fast 80 Lehrkräfte wurden auf diesem Weg bereits ins selbsternannte Land der Frühaufsteher geholt. Eine von ihnen ist Julia Arifeen aus Österreich. Sie kündigte ihren Job in Wien und unterrichtet nun Englisch am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Salzwedel. Die Headhunter-Firma hat auch beim Bewerbungsprozedere geholfen.

"Ich habe mich gut unterstützt gefühlt", sagt Julia Arifeen. Sie musste sich aber natürlich dennoch über das Landesschulamt bewerben. Ihre Entscheidung hat sie nicht bereut – trotz des anderen Schulsystems: "Ich habe mich sehr gut aufgenommen gefühlt. Die Kolleginnen und Kollegen waren von Anfang an sehr hilfreich."

Headhunter sollen Lehrer aus dem Ausland nach Deutschland holen

Auch das Gymnasium in Salzwedel leidet an Lehrkräftemangel. Ginge es nach Schulleiter Ralf Hoppstock könnte er wenigstens fünf Lehrkräfte an seiner Schule mehr gebrauchen. Mit Julia Arifeen ist er "sehr zufrieden." Ein echter Glücksfall. Dennoch zweifelt der Pädagoge, ob das Headhunter-Projekt den Lehrkräftemangel wirklich nachhaltig mindern kann – vor allem, wenn Fachkräfte aus dem Ausland kämen, wo nicht Deutsch gesprochen wird.

"Wir wollen das Projekt auch für die nächsten vier Jahre fortsetzen", sagt Ministerin Eva Feußner. Dafür seien eine Millionen Euro pro Jahr geplant. "Ich weiß, da gibt es auch kritische Meinungen zu, weil das kostet ja relativ viel. Aber wenn dem gegenüberstellt, dass auch die Ausbildung Geld kostet, dann steht das in einer sehr guten Relation. Weil die Ausbildung einer Lehrkraft ist wesentlich teurer."

Wenn alle bisherigen Maßnahmen nicht helfen: Schule anderes organisieren?

Doch für die aktuelle Notsituation an den Schulen ist das gezielte Abwerben von Lehrkräften nur eine kurzfristige Symptombehandlung. Die grundlegenden Probleme aber werden auch die kommenden Jahre überschatten – denn es fehlen zu viele Lehrer. Um Schüler und die verbliebenen Lehrer mehr zu unterstützen, muss Schule neu gedacht werden, fordert die sächsische Bildungsexpertin Sabine Friedel. Die derzeitigen Lehrpläne der Länder könnten mit der derzeit vorhandenen Zahl an Lehrkräften kaum erfüllt werden. In Sachsen sind es etwa für die Schüler der siebten und achten Klassen 35 Stunden pro Woche.

Ich glaube, da steckt der dritte große Schlüssel. Wir müssen Schule anders organisieren.

Sabine Friedel SPD-Landtagsabgeordnete

"In anderen Ländern in Europa sind die Stundenzahlen deutlich geringer", so Sabine Friedel. In Finnland seien es dagegen 25 bis 30 Stunden pro Woche. In der übrigen Zeit würden die Kinder in der Schule selbstbestimmt Lernen. Es gebe Gruppenarbeit und auch Freizeit. Denn die Schüler würden nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Umgebung lernen. "Und ich glaube, da steckt – neben den Themen mehr Attraktivität im Beruf und mehr Studienanfänger – da steckt der dritte große Schlüssel. Wir müssen Schule anders organisieren."

Was die Forschung zur Zukunft der Schulbildung sagt

Hinzu komme, dass durch die Bildungsforschung viel aufgezeigt werde, wie Unterrichts anders organisiert werden kann, damit Kinder auch mehr Lernerfolg daraus mitnehmen, so Sabine Friedel. Das könne auch Gruppenarbeit oder selbstbestimmtes Lernen sein. Das Zweite sei: "Die Digitalisierung stellt uns Mittel bereit, um Kinder individuell zu fördern. Und zwar viel besser, als es jede Lehrkraft tun kann – durch intelligente Lernsoftware." Das könne dann auch spielerisch Lernerfolge bringen und bringe so auch eine ganze andere Motivation mit.

Der dritte große Baustein, der in Thüringen auch teilweise schon praktiziert werde, dass "Stunden nicht nur im 45-Minuten-Takt abgespult werden, sondern Epochenunterricht erteilt werde", so Sabine Friedel. Dabei würden Kinder über Wochen an einem Unterrichtsprojekt arbeiten, in dem dann etwa besonders viel Mathe und Physik vermittelt werden. Im nächsten Projekt würden dann andere Schwerpunkte gesetzt. Die Umstellung des Lernens und der Schulkultur sei im Gang. "Das Problem ist, sie wird von oben nicht befördert, sondern es sind meistens innovative Lehrkräfte, die das tun."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 26. Oktober 2022 | 20:15 Uhr

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