Schwangerenberatung ohne Schein Wie Beratungsstellen Frauen von Abtreibungen abbringen wollen

Wer einen Schwangerschaftsabbruch erwägt, muss sich zuvor beraten lassen. Bei der Suche nach einer Beratungsstelle landen Betroffene im Netz schnell bei Anbietern, die nicht das Interesse der Frau im Blick haben. Stattdessen verfolgen sie ihre eigene Agenda und wollen Frauen vom Abbruch abbringen.

Frau bei einer Besprechung in einer Praxis
Frau bei einer Beratung in einer gynäkologischen Praxis. Bildrechte: dpa

Kurz nachdem klar ist, dass Franka (Name auf Wunsch geändert) tatsächlich schwanger ist, geht sie online und googelt – nach einer Schwangerschaftsberatungsstelle. Die 40-Jährige, die bereits Mutter ist, folgt ihrem ersten Gefühl: Sie will in ihrem Alter kein weiteres Kind mehr, will einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen. Franka weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sie dafür eine Bescheinigung über eine Beratung bei einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle braucht.

Wie ist der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland geregelt? Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nur erlaubt, wenn die Frau durch eine Sexualstraftat schwanger geworden ist oder wenn triftige medizinische Gründe dafür sprechen. Ein Schwangerschaftsabbruch aus persönlichen Gründen wie bei Franka ist rechtswidrig und bleibt nur straffrei, wenn sie sich in einer Schwangerschaftskonfliktberatung beraten lässt und darüber eine Bescheinigung erhält mit der sie dann zu einem Frauenarzt gehen kann. Der Abbruch muss vor der 12. Schwangerschaftswoche passieren. Zwischen Beratung und Eingriff müssen mindestens drei Tage liegen.

Gründlich über Beratungsangebot für Schwangere informieren

Franka sucht gezielt nach einer Beratungsstelle, an die sie sich glaubt zu erinnern. Doch anstatt "Pro Familia" gibt sie "Profemina" ein. In der Google-Anzeige steht hinter "Profemina" tatsächlich "Schwangerschaftskonfliktberatung". Doch der Verein mit Sitz in Heidelberg ist keine staatlich anerkannte Beratungsstelle wie "Pro Familia" und führt laut gesetzlicher Definition keine Schwangerschaftskonfliktberatung nach Paragraph 6 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) durch.

Dass "Profemina" keine Beratungsscheine ausstellt, darüber informiert der Verein zwar auch selbst auf seiner Internetseite in der Rubrik "Über uns". Doch Franka bleibt gleich auf der ersten Seite hängen und klickt auf einen dort platzierten Persönlichkeitstest. "Ich habe mich sofort abgeholt gefühlt", sagt sie. Anstatt sich die Informationen über den Verein durchzulesen, macht Franka zwei weitere Tests, schickt ihre Antworten ab und bittet um eine Kontaktaufnahme via E-Mail. 

Die Grundsätze des Vereins habe ich mir nicht durchgelesen. Aber das sollte man halt alles tun. Das ist wie mit AGBs bei einem Vertrag. Aber das macht man halt nicht, weil man am Anfang auch so abgeholt wird.

Franka (Name auf Wunsch geändert)

"Profemina" bietet Schwangerschaftsberatung vor allem über E-Mail oder per Telefon an. Das erscheint Franka die schnellste und unkomplizierteste Möglichkeit, an den nötigen "Schein" für den Abbruch zu kommen.

Eigene Agenda statt unabhängige Beratung für Schwangere

Wer online zum Thema Schwangerschaftsabbruch oder "Abtreibung" Informationen sucht, kann auch an Vereine oder Organisationen geraten, die nicht neutral informieren, sondern eine eigene Agenda verfolgen. Sogenannte "Lebensrechtsorganisationen" wie "Profemina" betreiben teilweise sehr professionelle Internetauftritte über die sie selbst Beratung für Schwangere im Schwangerschaftskonflikt anbieten.

Franka beschreibt ihre Beratung bei "Profemina" als "keine wirkliche Beratung". Sie fühlte sich alleingelassen mit ihrer Überlegung zu einem Schwangerschaftsabbruch. "Es wurde immer versucht, das zu negieren und auch abzuwerten und zu sagen: 'diesen schweren Gang', 'dieses, was du da vor dir hast', und es wurde als ein Riesenberg aufgetürmt, über den man da nicht drüber kam – schon gar nicht allein."

Wir haben "Profemina" mit der Kritik konfrontiert. In einer E-Mail des Anwalts, die wir nur zusammenfassend wiedergeben können, weist der Verein daraufhin, dass der Schutz des ungeborenen Lebens Kernelement der deutschen Gesetzeslage sei. Außerdem sei die große Mehrheit der beratenen Frauen offensichtlich mit der erhaltenen Beratung und Hilfe zufrieden.

Sächsisches Sozialministerium will Liste der Beratungsstellen überarbeiten

Doch auch auf den offiziellen Seiten der Ministerien lohnt ein genauer Blick, welche Beratungsstelle tatsächlich zu einem passt. Auf der Seite des sächsischen Sozialministeriums beispielsweise sind all diejenigen Beratungsstellen aufgelistet, die eine staatliche Förderung erhalten. Darunter befinden sich allerdings nicht nur Beratungsstellen, die einen Beratungsschein ausstellen, sondern auch solche, die lediglich ein Beratungsangebot nach Paragraph 2 Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) bieten, wie beispielsweise Beratungsstellen des Caritas-Verbandes. Auf diesen Unterschied weist das Sozialministerium seit kurzem schriftlich hin.

Der Internetauftritt soll noch übersichtlicher werden, eine Überarbeitung der Informationsseite sei noch in diesem Jahr geplant, teilt das Ministerium auf Nachfrage mit: "Im Rahmen dieses neuen Internetauftritts werden auch die Beratungsstellen getrennt nach Paragraph 2 SchKG und Paragraph 6 SchKG zu finden sein. Ergänzend soll zudem auf den jeweiligen Internetauftritt des Trägers hingewiesen werden, um den Nutzerinnen eine umfassende Information über die weltanschauliche Einordnung der Beratungsstelle zu ermöglichen."

Die weltanschauliche Einordnung der Beratungsstelle muss die ratsuchende Frau also in jedem Fall selbst hinterfragen. Denn bei der Förderung von Beratungsstellen geht es dem Bundesgesetzgeber um die Pluralität der Angebote, "um die Religionen und Weltanschauungen angemessen zu berücksichtigen", informiert das Sächsische Sozialministerium.

Ausnahmesituation für schwangere Frauen

"Schwangere Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, befinden sich in einer Ausnahmesituation", sagt Ulrike Busch, langjährige Professorin für Familienplanung an der Hochschule Merseburg. Außerdem hätten sich die meisten Frauen noch nicht mit der Thematik "Schwangerschaftsabbruch" auseinandergesetzt. "Die Erfahrung zeigt, dass man sich erst um dieses Thema kümmert, wenn es akut ist." Viele Frauen wüssten also nicht, dass nicht alle Beratungsstellen Beratungsscheine ausstellten, und dass unter diesen Stellen auch solche sind, die eine staatliche Förderung bekämen. Man müsste sich schon wirklich intensiv damit beschäftigen.

Lebenslauf von Ulrike Busch Ulrike Busch war von 2003 bis 2018 Professorin für Familienplanung an der Hochschule Merseburg. Sie hat den deutschlandweit einmaligen Masterstudiengang "Sexualpädagogik und Familienplanung" miteingeführt, zu dem auch der Bereich Schwangerschaftsberatung gehört.
Zuvor war sie acht Jahre lang Mitglied der Ethik-Kommission für Reproduktionsmedizin der Ärztekammer Berlin und hat das Familienplanungszentrum in Berlin mitgegründet und geleitet.
Als Referentin in Fortbildungen für Schwangerschaftsberaterinnen, unter anderem bei Landesministerien, der Dajeb oder der Diakonie war beziehungsweise ist sie hoch geschätzt.
Viele Jahre wirkte sie ehrenamtlich beim Bundesverband Pro Familia sowie beim Landesverbandes Pro Familia Berlin mit. Aktuell ist sie in wissenschaftlichen Projekten, sowie Lehre und Fortbildung aktiv und in der Paar- und Sexualtherapie tätig.

Beratung bei konfessioneller Beratungsstelle: "Gut offen"

Franka beendet bereits nach wenigen E-Mails den Kontakt mit der Beraterin bei "Profemina". Sie sucht gemeinsam mit ihrem Partner eine Beratungsstelle eines konfessionellen Trägers vor Ort auf und erlebt dort eine völlig andere Art der Beratung: "Es wurde auch vor der langen Sitzung gesagt, dass ich mit diesem Schein rausgehen werde, egal wie ich mich entscheide. Es war ziemlich offen und gut offen. Also das hat mir das Gefühl gegeben okay, hier werde ich in jede Richtung irgendwie mitbegleitet. Ich bin dort mit gutem Gewissen rausgegangen. Auch wenn ich abtreiben werde, ist das okay so."

 

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