Brot statt Tierfutter Verzicht auf Schweinefleisch könnte Getreidemangel ausgleichen

Rebecca Nordin Mencke
Bildrechte: Rebecca Nordin Mencke

Wegen des Ukraine-Kriegs mangelt es weltweit an Getreide, in Deutschland führt das zu hohen Preisen, in anderen Weltregionen zu Hungerkrisen. Gleichzeitig wird sehr viel Getreide an Schweine verfüttert. Bundesentwicklungsministerin Schulze hat daher vorgeschlagen, weniger Schweinefleisch zu essen und dafür mehr Getreide für Brot zu gewinnen. Ein realistischer Vorschlag?

Mastschweine schnuppern zwischen Eisenstangen hindurch.
Für 100 Kilogramm Schweinefleisch sind im Schnitt etwa 280 Kilogramm Futter nötig. Getreide direkt auf den Teller statt in den Futtertrog, fordern daher einige. Bildrechte: dpa

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine stellt auch die globale Lebensmittelversorgung vor enorme Herausforderungen. Geht es in Deutschland um steigende Preise, drohen im globalen Süden existenzielle Hungersnöte. Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze schlug in dem Zusammenhang diese Woche im "Redaktionsnetzwerk Deutschland" unter anderem vor, in Deutschland solle längerfristig die Schweinefleischproduktion um 30 Prozent gesenkt werden. Damit werde eine Ackerfläche von einer Million Hektar frei, sodass fünf Millionen Tonnen Getreide zusätzlich angebaut werden könnten. Lässt sich das überhaupt umsetzen?

55 Kilogramm Fleisch pro Person und Jahr

Schweinefleisch ist nach wie vor das am häufigsten verzehrte Fleisch in Deutschland. Doch es verliert an Beliebtheit: Sowohl Konsum als auch Produktion gehen zurück. Vergangenes Jahr lag der Konsum nach Daten des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft im Schnitt bei 31 Kilogramm pro Person. Zusammen mit anderem Tierfleisch wie Rind und Geflügel waren es pro Person 55 Kilogramm – mehr als ein Kilo pro Woche. Die Tendenz ist aber bereits seit einigen Jahren rückläufig, besonders beim Schweinefleisch. Hier lag der Verzehr bis zum Jahr 2011 lange Zeit relativ konstant bei etwa 40 Kilogramm pro Person und Jahr.

Auch der Konsum von Schweinefleisch insgesamt ist rückläufig. Dem statistischen Bundesamt zufolge waren es vergangenes Jahr rund 3,6 Millionen Tonnen. Innerhalb von zehn Jahren sank diese Zahl damit um immerhin rund zwanzig Prozent – 2011 waren es noch 4,5 Millionen Tonnen.

Die Produktion an Schweinefleisch in Deutschland geht zwar ebenfalls zurück, aber deutlich langsamer: Dem Statistischen Bundesamt zufolge lag das Schlachtgewicht 2011 noch bei 5,6 Millionen Tonnen, vergangenes Jahr waren es 4,97 Millionen Tonnen – ein Rückgang um gut elf Prozent in zehn Jahren. Die Produktion insgesamt liegt aber deutlich über dem Bedarf in Deutschland. Der sogenannte Selbstversorgungsgrad erreichte zuletzt 132 Prozent. Exporte spielen für die Fleischproduktion in Deutschland damit eine zentrale Rolle.

Schweine 29 min
Schweine Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das meiste Getreide in Deutschland wird für Tierfütterung verwendet

Der Großteil des Getreides in Deutschland landet im Futtertrog. Von den insgesamt 42,9 Millionen Tonnen Gesamtverbrauch 2020/2021 wurden nach vorläufigen Daten des BLE 25 Millionen Tonnen an Tiere verfüttert – gut 58 Prozent. Dagegen landeten lediglich 20 Prozent in Form von beispielsweise Brot oder Müsli auf den Küchentischen in Deutschland. Der Rest kommt großteils für Energie und industrielle Verwertung zum Einsatz, hinzu kommen Saatgut und Verluste.

Dem Deutschen Bauernverband zufolge sind 280 Kilogramm Futter nötig, um knapp 100 Kilogramm Fleisch eines Mastschweins zu produzieren. Wie sich ein typisches Standardfutter in der Schweinehaltung zusammensetzt, hat beispielsweise die Landwirtschaftskammer Niedersachsen in einem Futterversuch festgehalten. Demnach macht Gerste etwa 24 Prozent aus, Weizen 15 Prozent, Roggen und Triticale rund 30 Prozent und Sojaschrot zehn bis zwölf Prozent. Dabei variieren die Anteile oft je nach Fütterungsphase, die vom Gewicht des Schweins abhängt. Von der sogenannten Vormast bis zur Endmast steigt der Anteil des Roggen von knapp 13 auf 22 Prozent, der Weizenanteil steigt von 15 auf 18 Prozent. Sojaschrot sinkt dagegen von zwölf auf knapp fünf Prozent.

Landwirte denken jetzt schon darüber nach, was sie diesen Herbst für 2023 anbauen.

Udo Hemmerling stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands
abgelaufene Brotwaren für Schweinefütterung
Landwirte verteidigen die Schweinehaltung unter anderem mit der Fütterung von Abfallprodukten. Fest steht aber auch: 60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides landet im Futtertrog. Bildrechte: imago images/Countrypixel

Trotz des aktuellen Drucks auf den globalen Ernährungsmarkt – kurzfristige Änderungen sind in der Landwirtschaft schwierig. Allein bei der Aussaat von Getreide sind Planungszeiträume von mindestens einem Jahr nötig, erklärt Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. So werde im Herbst mit der Aussaat festgelegt, was im darauffolgenden Juli und August geerntet wird. "Deswegen denken Landwirte jetzt schon darüber nach, was sie diesen Herbst für 2023 anbauen."

Wissenschaft drängt auf grundlegende Umstellung in der Landwirtschaft

Für die langfristige Gestaltung der Landwirtschaft sieht die Wissenschaft aber klare Ziele. Sehr deutlich formuliert es Anna Cord, Professorin für Modellbasierte Landwirtschaftsökologie an der TU Dresden. Aus ihrer Sicht steht fest, dass Fleischkonsum und Fleischproduktion runtergehen müssen. "Wir könnten damit sehr viele Schritte in Richtung Klimaziele und Naturschutzziele und einen Beitrag zur Ernährungssicherheit insgesamt schaffen", sagt sie. Die Transformation des Landwirtschaftssystems sei ein riesiger Kraftakt, aber notwendig.

Was viel vergessen wird, sind die externen Kosten, die entstehen, aber in den Lebensmittelpreisen nicht mit berücksichtigt werden.

Anna Cord Professorin für Modellbasierte Landwirtschaftsökologie, TU Dresden

So verweist die Forscherin auf externe Kosten, die bei der bisherigen Lebensmittelproduktion entstehen, aber noch kaum beachtet würden. Dazu zählen Gesundheitskosten, aber auch indirekte Kosten durch Emissionen von Treibhausgasen, Bodenerosion und Wasseraufbereitungskosten. "Würde man das alles berücksichtigen, wären die Lebensmittel und Produktion sehr viel teurer."

Zusammen mit mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat Cord im März einen Aufruf an die EU-Agrarpolitik gestartet, angesichts des Kriegs in der Ukraine Nachhaltigkeitsziele bei der Lebensmittelproduktion stärker in den Fokus zu rücken. Eine Kernforderung ist, in Europa die Umstellung auf eine gesündere Ernährung mit weniger tierischen Produkten zu beschleunigen. So solle auch langfristig die globale Ernährungssicherheit gewährleistet werden.

Verschiedene Standards für Futtergetreide und Brotgetreide – aber kein Naturgesetz

Allerdings unterscheidet sich das Getreide, das im Futtertrog landet, von dem für den menschlichen Verzehr. ISN-Geschäftsführer Torsten Staack betonte in einer Stellungnahme, die auf die Fütterung ausgerichteten Getreidesorten brächten zwar einen höheren Ernteertrag, aber nicht die entsprechenden Backqualitäten und Inhaltsstoffe.

Zudem eigneten sich nicht alle Böden für den Anbau von Brotgetreide, erklärt auch der Deutsche Bauernverband. Ein weiterer Faktor ist die Düngung. "Wenn es im nächsten Frühjahr nicht genügend Kunstdünger gibt, gibt es ohnehin mehr Futtergetreide", sagt Hemmerling vom Bauernverband. Denn durch die Abhängigkeit vom Gas sei Kunstdünger derzeit der größte Unsicherheitsfaktor für Landwirte.

Man könnte durchaus sagen, angesichts der Rahmenbedingungen geht man dazu über, auch Getreide mit geringeren Qualitäten für die Nahrungsmittelproduktion zu verwenden.

Anna Cord Professorin für Modellbasierte Landwirtschaftsökologie, TU Dresden

Allerdings seien die Unterschiede zwischen Futter- und Brotgetreide "kein Naturgesetz", sondern festgelegte Standards, erklärt Anna Cord, von der TU Dresden. Dabei gehe es weniger um den Nährwert als vielmehr um Mahl- und Backeigenschaften. Um Brot zu produzieren, sei unter anderem ein bestimmter Eiweißgehalt nötig. "Man könnte durchaus sagen, angesichts der Rahmenbedingungen geht man dazu über, auch Getreide mit geringeren Qualitäten für die Nahrungsmittelproduktion zu verwenden."

Konkrete Angaben, welche Flächen sich nach bisherigen Standards für Futter- und Brotgetreide eignen, machen weder Bundesentwicklungsministerium noch der Bauernverband. Auch der Zeitraum für die von Entwicklungsministerin Schulze vorgeschlagene Umstellung in der Landwirtschaft bleibt offen. Ökologin Cord hält die Rechnung aber grundsätzlich für plausibel.

Zeitraum bleibt größte Unbekannte bei der Umsetzung

Mit ihrer Forderung zu weniger Schweinefleischproduktion in Deutschland greift Entwicklungsministerin Schulze einen ohnehin bestehenden Trend auf. Zwar lässt sich Getreide aus der Tierfütterung nicht direkt in die menschliche Nahrungsmittelproduktion umleiten. In der Wissenschaft besteht aber große Einigkeit, dass langfristig eine solche Ernährungswende notwendig ist, um die weltweite Nahrungsmittelproduktion nachhaltig zu sichern.

MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. April 2022 | 06:30 Uhr

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