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GaspreisWie mitteldeutsche Kommunen Energiekosten sparen

Die Folgen des Kriegs in der Ukraine kommen in Mitteldeutschland an. Kalte Duschen, keine Spaßbad-Attraktionen und überall Sparmaßnahmen.

Das Schwimmbad in Apolda war in den vergangenen Wochen immer gut besucht. Bei 30 Grad im Schatten suchen schon morgens viele Menschen das kühle Nass. Der leitende Schwimm-Meister Thomas Büttner ist auf seinem Kontrollgang. Als Leiter des Bäderbetriebs steht er vor großen Aufgaben. Er soll das Bad gut über den Winter bringen – und sparen. Massagebänke und Wasserspeier wurden deshalb schon jetzt ausgeschaltet. Die Großhandelspreise für Gas haben sich seit Beginn des vergangenen Jahres verfünffacht. Darauf bereitet man sich hier schon vor. Denn der Betrieb von Schwimmbädern ist teuer: Die Attraktionen des Bades verbrauchen viel Strom. 20 Kilowatt pro Stunde frisst eine Pumpe, wenn alle Attraktionen ausgeschaltet sind, will man hier so auf 3.000 bis 6.000 Euro Ersparnis kommen. Thomas Büttner macht sich trotzdem Sorgen. Er befürchtet, dass die Badegäste sich beschweren. Dank längerfristiger Verträge schlagen die neuen Gaspreise hier noch nicht durch. Dabei spart das Bad schon eine ganze Weile. Vor Längerem wurden die Warmwasserduschen abgestellt, um langes Duschen zu verhindern, berichtet Bademeister Nico Kozian.

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Da gab es teilweise Leute, die haben eine halbe Stunde am Stück geduscht. Und ich meine, das muss ja nicht sein.

Nico Kozian | Bademeister in Apolda

Bei den Besucherinnen und Besuchern ist die Sparwelle des Freibades längst angekommen. Die meisten haben Verständnis und sehen es pragmatisch. Andere machen sich Sorgen auch über die Sommersaison hinaus.

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Wir können ja selber sowieso nichts dafür, und werden das auch nicht ändern können. Putin wird immer einen längeren Hebel haben, um uns den Hahn zuzudrehen.

Besucher im Schwimmbad

Kommunen schalten das Licht ab

Große Städte wie Magdeburg und Dresden rechnen derzeit mit vier bis neun Millionen Euro Mehrkosten allein für Energiekosten im nächsten Jahr. Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energiewirtschaft sieht da die Kommunen in der Pflicht.

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Die Kommunen müssen hinschauen. Wo nutzen sie die Energie, die eingespart werden kann? Gibt es LED-Beleuchtung in den Straßen? Was ist mit der Beleuchtung von Gebäuden? Wo kann auch mit Geschäften zum Beispiel geredet werden, ob nachts noch das Geschäft beleuchtet werden muss. Aber man muss an der Stelle sagen, die haben schon viel gemacht.

Kerstin Andreae | Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.

In Jena wird zum Beispiel die Außenbeleuchtung an 15 öffentlichen Gebäuden abgeschaltet. Das soll 30.000 Kilowattstunden Einsparung pro Jahr bringen.

Auch in Gotha wird gespart. Bis zum Herbst sollen dort in einigen öffentlichen Gebäuden die Heizungen abgestellt werden.

In Leipzig wird die Temperatur in Verwaltungsgebäuden auf 19 Grad abgesenkt und an Sehenswürdigkeiten wie dem Völkerschlachtdenkmal nachts bis auf Weiteres die Beleuchtung abgeschaltet.

Und in Weimar werden die täglichen An- und Abschaltzeiten der Straßenlaternen verkürzt. Das soll rund 40.000 Euro im Jahr sparen.

Den Kommunen fehlt das Geld

In Niesky ist Bürgermeisterin Kathrin Uhlemann (parteilos) auf Kontrollbesuch beim örtlichen Fußballverein. Dieser bekommt einen Teil der Betriebskosten aus der Stadtkasse. Wie viel schon gemacht wird, weiß Beisitzer im Vorstand Andreas Löper.

Das Nächste, was wir mit Sicherheit weiter ausloten werden, ist die Optimierung mit den Trainingszeiten, dass wir eben, soweit wir können, noch im Hellen trainieren. Natürlich, wenn wir über eine neue Heizung reden, brauche ich Ihnen nicht sagen, das ist im Privaten wie im Sportlichen, natürlich schwierig.

Andreas Löper

Große Sprünge sind also nur schwer möglich. Da kann auch die Bürgermeisterin nicht viel helfen. Sie setzt eher auf Kommunikation und hofft auf eine höhere Sensibilität im Umgang mit Wasser und Strom. Hier scheint das zu wirken. Andreas Löper und Hausmeister Carsten haben die Duschen bereits umgerüstet. So soll weniger Wasser pro Duschgang verbraucht werden. Denn Wassersparen, insbesondere Warmwasser schont die Kosten für den Gasverbrauch des Vereins. So helfen schon die kleinen Schritte der Nieskyer, zu sparen. Aber um große Investitionen wie zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen und Wärmepumpen zu ermöglichen, fehlt vielen Gemeinden das Geld. Davor warnt Bernd Düsterdiek vom Städte- und Gemeindebund:

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Die Situation in vielen Städten und Gemeinden ist dramatisch, das muss man ganz klar sagen. Über 2.000 Städte und Gemeinden in Deutschland sind strukturell unterfinanziert. Wir schieben einen Investitionsstau von über 160 Milliarden Euro vor uns her aus den vergangenen Jahren.

Bernd Düsterdiek

Er fordert deshalb, dass die Kommunen mehr vom Bund und von den Ländern unterstützt werden.

Lieber Sparen, als Abschalten

Zurück in Apolda. Nicht nur das Freizeitbad braucht Energie. Vor allem die Schwimmhalle muss im Herbst und Winter laufen. Schon in der Corona-Zeit sind hier viele Schwimmkurse ausgefallen. Mit fatalen Folgen: "Man sieht das natürlich erst in ein paar Jahren, wenn jetzt eine Nichtschwimmer-Generation dadurch heranwachsen würde, macht sich das erst in drei Jahren bei den Kindern bemerkbar. Der Nichtschwimmeranteil, gerade an Schulen, ist sehr hoch. Also ist da unwahrscheinlicher Bedarf", erzählt Thomas Büttner.

Damit dieser Bedarf gedeckt werden kann, und trotzdem die Energiekosten nicht zu hoch werden, wird auch hier umgerüstet. Da der Strom hier autark mit Gas erzeugt wird, will man die Abwärme besser nutzen und den Fernwärmeanteil reduzieren. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass auch weiterhin Gas in Apolda ankommt. Im allergrößten Notfall hat der Chef der Heizungsfirma Andreas Bartel aber schon einen Plan:

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Wenn es kein Gas mehr geben sollte, was ich persönlich nicht glaube, dann müssen wir uns alle Gedanken machen, wie man mit Alternativen die Anlage im Winter frostfrei am Laufen halten kann. Das könnte man hier zum Beispiel über Elektroheizpatronen hinbekommen, die man jetzt hier einsetzt, damit immer eine gewisse Betriebssicherheit da ist.

Andreas Bartel

Im Machtspiel um die Energieversorgung hat das Schwimmbad in Apolda nur eine Nebenrolle. Damit die Versorgung nicht den Bach runtergeht, haben aber auch kleine Einsparungen eine große Bedeutung.

Quelle: MDR Investigativ / est

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Exakt | 10. August 2022 | 20:15 Uhr