Armut Gestiegene Preise, weniger Spenden, mehr Bedürftige: Tafeln in Not

Corona-Pandemie, Inflation, gestiegene Benzinpreise, Ukraine-Krieg – auch bei den Tafeln kommen diese Krisen an. Diejenigen, die ohnehin schon wenig hatten, sind nun noch mehr auf Unterstützung angewiesen. Doch reichen die Lebensmittel-Spenden, die finanziellen Mittel und das Personal der Tafeln, um alle zu versorgen?

Familie Sidarov ist aus Luzk in der Westukraine und nun an der Tafel in Torgau gelandet.
Familie Sidarov ist aus Luzk in der Westukraine und nun an der Tafel in Torgau gelandet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Schlange hat sich vor der Tafel in Torgau gebildet. In wenigen Minuten startet die Ausgabe der Lebensmittel. Die Zahl der Kunden ist im Zuge der Pandemie in den letzten zwei Jahren gestiegen, nun kommen noch Geflüchtete aus der Ukraine hinzu. Kunden und Mitarbeiter der Tafel in Torgau stehen außerdem vor zwei großen Herausforderungen: den gestiegenen Sprit- und Energiepreisen und weniger Lebensmittel-Spenden.

Bis Ende Februar wurden von der Tafel Torgau rund 2.400 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt. Seit Kriegsbeginn gegen die Ukraine kamen 330 Geflüchtete dazu und jede Woche wächst diese Zahl um etwa 80 ukrainische Neukunden an.

"Jaiza! Jaiza (Eier, Eier)", sagt ein kleines Mädchen, während sie im Ausgaberaum der Tafel den Sechserpack in einen schwarzen Beutel ihrer Mutter packt. Die Elfjährige gehört zu Familie Sidarov, die aus Luzk in der Westukraine in Torgau gelandet ist. Die drei Frauen wurden zunächst in einer Turnhalle untergebracht, seit zwei Wochen wohnen sie bei einer Gastfamilie. Versorgen müssen sie sich selbst. Die Mutter sagt auf Ukrainisch: "Die Tafel hilft uns."         

   

Tafel in Torgau fühlt sich von Stadt überrumpelt

Am Eingang der Lebensmittel-Ausgabe sitzt Tafel-Mitarbeiterin Bärbel Liersch und versucht mit Gestik und Mimik den Neuankömmlingen zu erklären, dass es erste Mal bei der Tafel nichts kostet. Die Mitarbeiter sprechen kein Ukrainisch, die Ukrainer sprechen noch kein Deutsch. Die schwierige Kommunikation mit den ukrainischen Neukunden ist für die Tafelmitarbeiter vergleichweise aber nur ein kleines Problem.

Die Leiterin der Tafel in Torgau: Helga Woy.
Die Leiterin der Tafel in Torgau: Helga Woy. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was Tafel-Leiterin Helga Woy mehr Sorge bereitet, ist ein Schreiben, in dem die Stadt Torgau die ukrainischen Geflüchteten konkret auf die Angebote der Tafel hinweist. Darin heißt es: "Gegen Vorlage Ihrer ukrainischen Dokumente erhalten Sie von der Tafel Torgau ein kostenloses Lebensmittelpaket. Zusätzlich wird für Sie und Ihre Familie ein wöchentliches Essenspaket für sechs Euro bereitgestellt." Die Tafel-Mitarbeiter erzählen MDR exakt, dass das so deutlich vorher nicht mit ihnen besprochen worden sei.

"Das Problem ist, dass wir nicht einschätzen konnten, wie viele kommen", sagt Helga Woy. Nun bekomme sie große Probleme, die Lebensmittel aufzuteilen. Mit so vielen Menschen habe sie nicht gerechnet. "Hinzu kommt, dass wir ja auch teilweise weniger von den Discountern bekommen."

Tafel-Dachverband: Staat muss sich an Kosten beteiligen

"Natürlich ist das [die Tafel] dann mein erster Ansprechpartner, wenn ich hilfsbedürftige Menschen habe", erklärt Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth (CDU) auf Nachfrage von MDR exakt. "Also natürlich könnte ich jetzt sagen, ich mach eine Rathausküche auf und versorge die Menschen, die bedürftig sind, hier vor Ort." Doch dafür sei die soziale Struktur da, zu der sie die privat organisierten Tafeln ganz selbstverständlich zählt. Diese Sichtweise auf die Tafeln als Grundversorger Bedürftiger wird von etlichen Kommunen vertreten, wie Recherchen von MDR exakt ergeben.

"Wenn wir eine gesellschaftliche Aufgabe mit übernehmen, dann muss sich der Staat auch beteiligen", fordert hingegen der Vorsitzende des Dachverbandes der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl. Es sei falsch, dass sich Städte und Kommunen bundesweit in der Grundversorgung Armutsbetroffener so sehr auf die Tafeln verließen. Schließlich sei die Grundversorgung von Bürgerinnen und Bürgern nicht Aufgabe der Tafel, sondern Aufgabe des Staates.

Tafel in Jena benötigt Zeit und Geld

Auch bei der Tafel in Jena in Thüringen melden sich derzeit täglich neue Kunden. Dort kommen zwar noch ausreichend Lebensmittel-Spenden an, wie Leiter Wilfried Schramm sagt, doch sein Lager reicht nicht mehr aus: "Wir haben in Jena 1.050 Ukrainer, die sich hier angemeldet haben. Ungefähr 100 werden bei uns schon versorgt." Doch die Tafel benötige Zeit und Geld.

Wir können nicht einfach von null auf 100 beschleunigen, ohne finanziellen Rückraum zu haben.

Wilfried Schramm Leiter der Tafel in Jena

Vor einer Woche kam erstmals seit Kriegsbeginn eine Zahlung von der Stadt: etwas über 9.000 Euro. Für Winfried Schramm zu wenig, um neben den jetzigen Kunden die zusätzlichen Neukunden dauerhaft zu versorgen. Und erst Recht nicht, um noch mehr aufzunehmen – 1.000 Personen seien für die Tafel das Limit. Das ist derzeit erreicht.

Warteliste bei Tafel in Jena

Die junge Mutter Inga und ihre Tochter Wlada aus der Ukraine sind neu an der Tafel in Jena.
Die junge Mutter Inga und ihre Tochter Wlada aus der Ukraine sind neu an der Tafel in Jena. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei der ukrainischen Neukunden sind die junge Mutter Inga und ihre zwölfjährige Tochter Wlada. Die beiden sind vor einigen Wochen aus Kiew geflüchtet und leben seit ein paar Tagen in Jena. . Inga hat Tränen in den Augen, als sie sagt, dass es nichts Anderes zu wünsche gäbe, als dass der Krieg bald ende.      

Bei der Tafel in Jena wird angesichts der vielen wartenden Kunden die Reihenfolge zugelost. "Ich habe hier gerade die Warteliste in der Hand, das sind etwa weitere etwa 70 Familien. Das heißt, es sind nochmal weitere 160 bis 200 Personen", sagt Vorstandsmitglied Manfred Müller zum Chef Wildfried Schramm.

Großes Loch bei Finanzierung der Tafel

"Das Brisanteste ist für uns zurzeit die Kostensteigerung. Das ist ein Faktor, der uns fast auffrisst" so Manfred Müller. Die Tafel habe sonst jährliche Kosten zwischen 350.000 und 400.000 Euro. Doch für das laufende Jahr würden sich diese um 50.000 bis 70.000 Euro erhöhen. "Wir haben dafür noch keine Quelle, wie wir dieses Loch abdecken."

Die Mittel der Tafeln kommen überwiegend aus zwei Quellen. Zum einen sind das Spenden von Discountern und Lebensmittelproduzenten oder Geld- und Sachspenden von Unternehmen, Privatpersonen und Vereinen. Zum anderen sind es Kundenbeiträge, die bei jeder Tafel unterschiedlich hoch sind. Damit werden unter anderem Sach- und Personalkosten anteilig bezahlt. Ein kleiner Teil kommt aus staatlichen Töpfen, zum Beispiel als Unterstützung bei Personalkosten.

Tafel Torgau: Weniger Gemüse von den Supermärkten

Die steigenden Benzinkosten machen sich auch in Torgau besonders bemerkbar. Die Tafel beliefert 140 Bedarfsgemeinschaften im Umland direkt nach Hause. Die Mitarbeiter legen wöchentlich circa 1.300 Kilometer zurück. Doch seit Wochen steigen die Preise für Sprit – und noch etwas hat sich verändert.

Insgesamt bekommt die Tafel Torgau von 17 Supermärkten, Discountern und Bäckereien ihre Lebensmittel. "Bevor der Krieg in der Ukraine war, waren hier vielleicht fast zwei Paletten Gemüse", sagt Mitarbeiter Jeremy Winkler. Nun holen sie aus einem Supermarkt nur ein paar Kisten ab, mehr könnten die Läden gerade nicht abgeben. "Gemüse ist gerade katastrophal."

Der Grund dafür: Wegen der Inflation kalkulieren die Discounter genauer, dadurch reduzieren sich die Überbestände. Für die Tafel ist das ein Problem, erklärt Mitarbeiterin Anja Friedrich. "Wir versuchen schon, auch woanders noch Ware her zu bekommen, aber ist halt nicht so einfach. Weil, es betrifft ja alle Tafeln, also es betrifft ja nicht nur uns, sondern es betrifft alle." Wenn der Zuwachs an Neukunden anhält, braucht es Lösungen – mehr Geld, mehr Ehrenamtliche, mehr Lebensmittel. Damit sie auch in Torgau und Jena alle weiter versorgen können.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 04. Mai 2022 | 20:15 Uhr

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