Tag der Deutschen Einheit Merkel mahnt dauerhafte Verteidigung der Demokratie an

Mit einem Festakt ist in Halle der Tag der Deutschen Einheit gefeiert worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel rief dazu auf, die Demokratie in Deutschland zu verteidigen, die aktuell angegriffen werde. Zuvor gab es einen ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche, bei dem der katholische Bischof Feige zu mehr Wachsamkeit gegen Entmenschlichung aufrief. Im Zentrum der Saale-Stadt war währenddessen die sogenannte Einheitsexpo der Bundesländer zu sehen.

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, begrüߟt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor Beginn des ökumenischen Gottesdienstes an der Pauluskirche in Halle/Saale.
Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, begrüߟt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor Beginn des ökumenischen Gottesdienstes an der Pauluskirche in Halle/Saale. Merkel hielt später ihre letzte Rede zu einem Tag der Deutschen Einheit. Bildrechte: dpa

Beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum ständigen Einsatz für die Demokratie aufgerufen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Händel-Halle.
Angela Merkel in Halle bei ihrer sicherlich letzten Rede zu einem Tag der Deutschen Einheit als Kanzlerin Bildrechte: dpa

Sie fürchte bisweilen, dass mit demokratischen Errungenschaften heute zu leichtfertig umgegangen werde. So sei eine Öffentlichkeit zu erleben, in der "die Demokratie angegriffen" werde: Verrohung und Radikalisierung dürfe auch nicht immer nur von denen beantwortet werden, die ihr zum Opfer fielen.

Mit Blick auf 1989 sagte Merkel, die Freiheit habe erst erkämpft werden müssen, und Menschen in der DDR hätten damals "wahrhaftigen Mut" gezeigt, denn: "Wir dürfen nie vergessen: Es hätte auch anders ausgehen können."

Es hätte auch anders ausgehen können.

Bundeskanzlerin Merkel | Festrede zum Tag der Deutschen Einheit

Bei dem Festakt waren unter anderem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble anwesend sowie Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff als amtierender Bundesratspräsident.

Haseloff erinnerte an die Brüche, die viele Ostdeutsche zu verkraften gehabt hätten, vor allem den Verlust von Arbeitsplätzen. Zugleich merkte er an, dass die friedliche Revolution in der DDR noch nicht genug gewürdigt werde, obwohl gerade sie zum "Gründungsmythos des vereinigten Deutschlands" tauge. Haseloff warb für gemeinsame Ideen und Projekte, um Ost und West zusammenzuführen. "Mental und strukturell ist die Einheit noch nicht vollendet", sagte er. Das habe sich auch im Wahlverhalten gezeigt. Zusammenhalt ergebe sich aus gemeinsamem Zielen.

Haseloff dankte in seiner Rede auch Bundeskanzlerin Merkel, die in den vergangenen 16 Jahren ihre Erfahrungen als Ostdeutsche eingebracht habe. Ihre sicherlich letzte Rede als Kanzlerin zu einem Tag der Deutschen Einheit quittierten die Zuhörer in der Händel-Halle, unter ihnen die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Bundesländer, mit stehendem Applaus.

Die zentralen Feiern fanden dieses Jahr in Halle statt – zum zweiten Mal in Sachsen-Anhalt nach 2003 in Magdeburg. Zum Auftakt gab es einen ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche und eine "Einheitsexpo" der 16 Bundesländer.

Warnung vor "Entmenschlichung von innen"

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige rief beim ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche zu mehr Wachsamkeit auf. Derzeit öffneten sich "Abgründe, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte." Er fürchte dabei weniger eine "Überfremdung von außen" als eine "Entmenschlichung von innen". Eine "Kultur der Wachsamkeit" sei dagegen nötig.

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, erinnerte an das am 9. Oktober 2019 verübte Attentat eines Rechtsextremisten auf die nur wenige hundert Meter entfernt liegende Synagoge der Stadt: Diese "Wunde von Halle ist bis heute spürbar", sagte Kramer.

An dem ökumenischen Gottesdienst wirkten auch der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland, Andreas Nachama, und der Vizevorsitzende des Dachverbands Islamischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Djamel Amelal, mit.

Die Pauluskirche war im Oktober 1989 eine der Versammlungsstätten der Opposition während der friedlichen Revolution in der DDR, die ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, zur Wiedervereinigung führte.

Im Vorfeld der Einheitsfeier rief die evangelische Theologin Margot Käßmann dazu auf, einem Gefühl des Nicht-Gesehen-Werdens im Osten stärker gegenzusteuern. Und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff forderte im Interview der Woche bei MDR AKTUELL mehr Ostdeutsche in Spitzenpositionen.

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, steht in der Messe. 22 min
Bildrechte: dpa

MDR AKTUELL So 03.10.2021 08:17Uhr 21:58 min

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Bundesländer stellen sich in gläsernen Containern vor

Wegen der Coronavirus-Pandemie gab es statt eines Bürgerfests in Halle eine Ausstellung. Besucher und Besucherinnen konnten unter freiem Himmel die 16 Bundesländer kennenlernen, die in Containern aus Glas für ihr Land typische Dinge ausgestellt hatten, bis hin zu kulinarischen Besonderheiten. Zudem präsentierten sich im Rahmen der Ausstellung die deutschen Verfassungsorgane wie auch die Stadt Halle selbst. Eröffnet wurde die Einheitsexpo schon am 18. September.

Einheitsbotschafter in Sachsen-Anhalt unterwegs

Seit Freitag waren 32 Einheitsbotschafter und -botschafterinnen in Sachsen-Anhalt unterwegs: Bürgerinnen und Bürger aus ganz Deutschland vertraten ihre jeweiligen Bundesländer mit ihren jeweiligen Geschichten zur Einheit.

Die Idee dazu kam aus Sachsen-Anhalt, wo die Gruppe am Freitag am Magdeburger Dom startete und zur Gedenkstätte "Deutsche Teilung" in Marienborn fuhr. Am ehemaligen Grenzstreifen pflanzten sie gemeinsam mit Ministerpräsident Reiner Haseloff symbolisch für jedes Bundesland eine Eiche. Zudem machte die Gruppe einen Halt in Dessau und Wittenberg. Auch der Chemiepark in Leuna wurde besucht. Am Sonntag kamen die Botschafter und Botschafterinnen in Halle an, um am großen Festakt teilzunehmen.

Am Vorabend der Einheitsfeiern in Halle hatte der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel am Point Alpha in Geisa an der hessisch-thüringischen Landesgrenze die Wiedervereinigung als erfolgreich bezeichnet. Er räumte ein, dass der Prozess länger gedauert und mehr gekostet habe als damals auch von ihm gedacht. Dafür sei ganz Deutschland jetzt demokratisch, gehöre dem Westen und der Nato an.

Feierstunde mit Gästen auch im Sächsischen Landtag

In Sachsen würdigte am Sonntag dann bei einer Feierstunde im Landtag dessen Präsident Matthias Rößler (CDU) die Wende-Akteure der ersten Stunde. Dazu nach Dresden gekommen waren neben anderen auch der frühere französische Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault als Redner, zusammen mit der französischen Botschafterin in Deutschland, Anne-Marie Descôtes.

Streik und Demonstrationen in Halle

Die Gewerkschaft Verdi hatte unterdessen für Sonntag in Halle zu einem Streik im Nahverkehr aufgerufen, weshalb am Tag der Deutschen Einheit in der Stadt so gut wie keine Busse und Bahnen fuhren.

Zudem gab es nach Angaben der Polizei zwei Kundgebungen. Einmal hatte das Bündnis Halle gegen Rechts aufgerufen, sich der Demonstration eines bekannten Rechtsextremisten aus Halle friedlich entgegenzustellen. Zu dessen Kundgebung waren laut Polizei am Mittag etwa 50 Menschen gekommen.

Quellen: dpa / AFP / epd / KNA / MDR (ksc)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 03. Oktober 2021 | 19:30 Uhr

234 Kommentare

AlexLeipzig vor 9 Wochen

Es ist für mich absolut absurd, wie einige hier heutige Mißstände wie Massentierhaltung anprangern, um die DDR-Mißstände zu relativieren und ansonsten aber jede Gelegenheit nutzen, gegen die Grünen zu wettern!
Also Rückgrat nenne ich sowas nicht, eher Opportunismus und Verlogenheit!

DER Beobachter vor 9 Wochen

Hm: Sie + Daumengeber vergleichen das dreitägige Dresdner Stadtfest mit dem einen Tag? Abgesehen davon: die größeren Sperren resultierten aus dem Aufmarschversuch Ihrer Froiinde gerade an diesem Tag an den Anschlagsorten des "armen verwirrten Einzeltäters" von Halle. Und seit den unsäglichen Primitivitäten von Ihresgleichen bei den damaligen Dresdner Einheitsfeierlichkeiten gegenüber einem schwarzen evangelischen Geistlichen, einem Rabbi und einem liberalen Imam als Gästen: was erwarten Sie eigentlich: dass so etwas Erbärmliches mit Kusshand begrüßt wird?

DER Beobachter vor 9 Wochen

Zu Ines W.: Mal ganz abgesehen davon, dass der Privatmeinung des Ex(!)-Landes(!)Verfassungsrichters gleichermaßen von Bundesrichtern und Staatsrechtlern begründet widersprochen wurde...

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