Krieg in der Ukraine Wie lange hält die Solidarität mit ukrainischen Geflüchteten an?

Immer wieder gibt es Prognosen, zum Beispiel von ehemaligen Bundeswehrgenerälen wie Erhard Bühler, der Krieg in der Ukraine werde noch Monate, vielleicht Jahre andauern. Von Beginn an erfuhren Ukrainerinnen und Ukrainer eine hohe Solidarität und Hilfsbereitschaft aus Deutschland und der Welt. Ob diese bis zum Ende des Krieges anhält, hängt laut Fachleuten von verschiedenen Faktoren ab.

"Spenden. Helfen" steht auf einem Aufsteller in der Kleiderkammer der Hilfsorganisation Hanseatic Help.
Aktuell sinkt die Spenden- und Hilfsbereitschaft für ukrainische Geflüchtete wieder leicht. Bildrechte: dpa

Vor zehn Wochen greift Russland die Ukraine an. Schnell erreichen uns in Deutschland die ersten Berichte und Bilder. In der Gesellschaft führt das erstmal zu einer Welle der Solidarität.

Nach einer Zeit ebbt diese wieder ab – und verlagert sich in die Institutionen, erklärt Stefan Wallaschek, der an der Europa-Universität Flensburg zu Solidarität in Zeiten von Krisen forscht: "Und dann wird das Gefühl der Solidarität von den Bürgerinnen und Bürgern schwächer, wird aber meistens von Interessensgruppen oder Aktivistinnen und Aktivisten am Laufen gehalten."

Spendenbereitschaft nimmt wieder ab

Und genau das bestätigt sich im Gespräch mit den Interessensgruppen. Larissa Probst ist Geschäftsführerin des deutschen Fundraising Verbandes, der sich mit dem Thema Spendenwerbung befasst. Sie fasst die erste Welle der Solidarität in Zahlen: "Vom Spendenvolumen zum Beispiel kann man sagen, dass im Vorjahresvergleich zum Beispiel im März die Menschen 163 Prozent mehr im Privatspendenbereich geleistet haben."

Auch Veronika Smalko, Vorsitzende des Vereins Ukraine-Chemnitz-Europa hat schnell sehr viele Hilfsangebote bekommen. Inzwischen bieten die Menschen schon nicht mehr so viele Sachspenden an, berichtet sie, und vor allem: nicht mehr so viel Zeit. "Wirklich weniger ist es bei den ehrenamtlichen Helfern geworden, zum Beispiel Dolmetscher finden wir wirklich selten", sagt die Vereinsvorsitzende.

"Institutionalisierung" der Solidarität

Stattdessen zeigt sich mittlerweile die "Institutionalisierung" der Solidarität, die Wallaschek anspricht – zum Beispiel bei der Diakonie Sachsen und bei der AWO Thüringen. Beide Verbände berichten von weiterhin hoher Hilfsbereitschaft. Aber der Fokus verschiebe sich, sagt AWO-Sprecherin Anne Osterland. Weg von Spenden oder Fahrten an die ukrainische Grenze hin zur Organisation im Hintergrund, zum Beispiel von Beratungs- oder Freizeitangeboten.

Osterland erklärt: "Das sind jetzt die Dinge, die bei uns in erster Linie auf dem Plan stehen, und die sieht man eben nicht so gut wie eine große Kundgebung oder einen großen Spendentransport."

Fundraising Verband: Ukraine-Krieg nicht mit bisherigen Konflikten vergleichbar

Aber bleibt es bei diesem Engagement, wenn der Krieg andauert? Oder flacht das Solidaritätsgefühl ab, wie bei anderen lang andauernden Konflikten – beispielsweise im Jemen oder Syrien?

Larissa Probst vom Fundraising Verband sagt, das sei nicht so einfach vergleichbar: "Weil es deutlich näher dran ist und weil Geflüchtete in einer anderen Art und Weise und auch einer anderen Quantität bei uns vor Ort sind. Deshalb kann es sein, dass die Solidarität hoffentlich länger anhält."

Ökonomische Folgen ausschlaggebend

Solidaritätsforscher Wallaschek stimmt ihr in diesem Punkt zu und ergänzt: "Es ist nicht nur, dass Geflüchtete schneller in Europa sind, weil sie aus Europa kommen, sondern auch, dass man ökonomisch zum Beispiel betroffen ist, man spürt das zum Beispiel am Preisanstieg, an den Fragen des Ölembargos, des Gasembargos."

Wie lange das Solidaritätsgefühl in der Bevölkerung aufrecht erhalten bleibt, hänge aber auch davon ab, wie viel Aufmerksamkeit der Krieg in der Ukraine in Medien und Politik bekommt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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